"Sport ist etwas für Privilegierte"

Fit ohne Sport

16.04.2009, 09:31

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  1. "Sport ist etwas für Privilegierte"
  2. Abnehmen ohne Sport

Interview: Mirja Kuckuk

Sportwissenschaftler Hans Bloss sagt: Unser Alltag ist Bewegung genug. Und Sport sei sowieso Mord. Die perfekte Ausrede für alle Couch-Potatoes?

Den lieben langen Tag in der Hängematte schlummern - das geht leider nicht, wenn man fit bleiben will. (Foto: iStockphotos)

Gemeinsam mit Tochter Isabel, einer ehemaligen Fitnesstrainerin, Physiotherapeutin und praktizierenden Ärztin, hat Hans Bloss den Ratgeber "Fit ohne Sport - Ihr Alltag ist Training genug" geschrieben. Darin erklärt der emeritierte Professor für Sportwissenschaften die Appelle seiner Kollegen - "Treibt mehr Sport" - für falsch. Sport ist Mord - diesen Satz würde Bloss dagegen sofort unterschreiben.

sueddeutsche.de: Ihr Buch muss ein großer Erfolg sein - es ist schließlich die ärztlich bescheinigte Entschuldigung für 80 Prozent aller Deutschen, keinen Sport zu treiben.

Hans Bloss: Ja, wir können tatsächlich auf Sport im Leben verzichten. Sportwissenschaftler und Sportler sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, wenn sie uns täglich zu mehr Sport auffordern. Denn viele Menschen haben mit Sport einfach nichts im Sinn. Gerade einmal 20 Prozent der Deutschen bewegen sich in ihrer Freizeit freiwillig.

sueddeutsche.de: Warum sind wir ausgewiesene Bewegungsmuffel?

Bloss: Das hat mehrere Gründe. Manche Menschen bewegen sich von Natur aus nicht gern - das liegt in den Genen. Weiterhin hängt es von unserer Sozialisation ab: Sind die Eltern mit ihrem Kind zum Tennis gefahren oder haben sie über Sport geschimpft? Später kommen häufig negative Erfahrungen im Schulsport dazu. Bis zum 13. Lebensjahr ist Sport oft das beliebteste Schulfach. Danach verlieren viele Unbegabtere die Lust; nur die von Natur aus Sportlichen bleiben freiwillig bei der Stange. Im Berufsleben spielt mangelnde Motivation eine Rolle. Denn der Alltag ist häufig stressig genug. Sport ist etwas für Privilegierte, für Singles oder Fitnessfanatiker. Wer hat schon die Zeit, mehrmals wöchentlich zwei Stunden ins Fitness-Studio zu gehen oder jeden Abend anderthalb Stunden zu joggen? Aus diesen Gründen plädieren wir für intensive und kreative Alltagsbewegungen. Denn auf Bewegung können wir nicht verzichten!

sueddeutsche.de: Wie bewegt man sich denn kreativ und intensiv durch den Alltag?

Bloss: Zuallererst lassen wir den Aufzug stehen - und nehmen die Treppe. Und zwar sollte man die Treppe bewusst gehen: mit mehr Schwung und flotter als gewöhnlich. Dadurch wird die Ausdauer trainiert. Auch lästige Hausarbeiten wie Bettenmachen kann man ganz leicht zum kleinen Krafttraining für Arme und Rückenmuskulatur umwandeln: Schütteln Sie auf dem Balkon acht bis zehn Mal kräftig die Bettwäsche aus - das werden Ihre Muskeln spüren. Wichtig ist, dass man sich die Bewegungen bewusst macht - das hat auch der Zimmermädchen-Versuch gezeigt.

Hans Bloss rät von Sport ab, der zusätzlichen Stress und Leistungsdruck bedeutet (Foto: privat)

sueddeutsche.de: Was hat man mit den Zimmermädchen angestellt?

Bloss: In sieben US-amerikanischen Hotels wurde eine Gruppe von 82 Zimmermädchen im Alter von 30 bis 60 Jahren folgendem Versuch unterzogen: Die eine Hälfte der Probandinnen hat ihre körperlich anspruchsvolle Arbeit wie immer ausgeführt. Die anderen Frauen hat man aufgefordert, beim Bettenmachen, Staubsaugen und Badputzen daran zu denken, dass sie mit diesen Tätigkeiten etwas für ihre Fitness tun.

sueddeutsche.de: Und sie haben sich gleich viel sportlicher gefühlt?

Bloss: In der Tat haben sich die Frauen, die sich bewusst bewegt haben, nach vier Wochen gesünder gefühlt. Aber die Versuchsergebnisse gingen über das rein subjektive Empfinden hinaus: Nach weiteren acht Wochen hat man die Gesundheitswerte - Blutdruck und Cholesterin - gemessen und festgestellt, dass sie sich verbessert haben. Das mentale Training scheint also muskuläre Prozesse auszulösen. Deshalb ist bewusste Bewegung das richtige Fitnessprogramm für all jene, die sich für sportlich untalentiert halten und für die Sport zusätzlicher Stress und Leistungsdruck bedeutet.

sueddeutsche.de: Wann ist ein Mensch nach Ihrer Einschätzung fit?

Bloss: Es gibt rundum gesunde Menschen, die aber schlapp sind. Und es gibt chronisch Kranke, Diabetiker zum Beispiel, die fit genug für einen Marathon sind. Fitness ergibt sich aus der Trias Bewegung / Ernährung / Entspannung. Täglicher Sport ist häufig kontraproduktiv. Wer jeden Tag anderthalb Stunden joggt, verfällt nicht selten in zusätzlichen Stress. Und: Er kann sicher sein, dass er im Alter an Arthrose leidet. Habermas bezeichnete Sport als "die Verdopplung von Arbeit". Und davon wollen wir weg. Deshalb empfehle ich Menschen, die in ihrer Mittagspause über einen Fitness-Parcours hetzen, lieber eine Stunde im Bürostuhl zu schlafen - für die Entspannung. Optimal wäre natürlich, die Zeit für eine Gehpause zu nutzen.

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Leserkommentare (22)



29.05.2009 13:46:51

aaron2009: ... der Alltag ist häufig stressig genug.

Grundsätzlich hat Prof. Bloss mit seinem Anliegen recht, mehr Sport in den Alltag zu integrieren und statt dem Aufzug, die Treppe zu benutzen. Es wird auch nicht jeder im Fitnessstudio schwitzen, beim Sportverein trainieren oder mit 40 Marathonläufer werden wollen. Sport kann auch schaden, sofern Untrainierte oder Erkrankte versuchen, olympische Rekorde zu brechen. Wer bewusst Sport treibt, lässt sich periodisch vom Hausarzt oder Sportmediziner checken, trainiert regelmäßig unter Anleitung, wobei der Schwerpunkt auf Ausdauer (am Besten täglich 30 Minuten) und dann erst auf Kraft (2 – 3 mal wöchentlich) liegen sollte. Bewusst und gesund zu leben, heißt auch gesunde Ernährung (weniger gesättigtes Fett, Zucker, Alkohol und rotes Fleisch) sowie Entspannung (nach dem Sport mind. 10 Minuten dehnen, Sauna, Massage und ausreichend tief und fest schlafen).

Ob aber nach Lektüre des Buches bei der Zielgruppe der Nichtsportler ein kollektiver Bewusstseinswandel eintritt, darf an Hand des Interviews bereits bezweifelt werden. Den Bierkasten jetzt die Treppe hochzutragen reicht eben nicht aus. Dazu gehört auch ihn hochzuheben und wieder abzusetzen und das rückengerecht. D.h. auch der bisherige Nichtsportler sollte regelmäßig zu mindestens ein Präventionsprogramm besuchen, wo er lernt Sport in seinen so stressigen Alltag einzubauen. Aber dies wäre lt. Herrn Bloss schon wieder etwas für Privilegierte oder?

Der Autor (ich) ist 40 Jahre, Vater von 3 Kindern, hat eine 40 Stunden Woche, 2 Ehrenämter, fährt regelmäßig mit der Rad zur Arbeit (18 km am Tag inkl. Bergwertung), trainiert 2 mal wöchentlich im Fitnessstudio, kleingärtnert und lernt Klavier. Dafür beschränkt sich sein Fernsehkonsum meist nur auf die Tagesschau. Er liest dann eher ein gutes Buch und versucht sich gesund zu ernähren.

Dies geht natürlich nur mit etwas Disziplin und Überwindung des gerade abendlich auftauchenden Schweinehundes. Ich empfinde dabei keinen zusätzlichen Stress oder Leistungsdruck. Vielmehr freue ich mich auf das gute Gefühl nach dem Sport, wenn mein Gehirn mich Endorphinen belohnt. (Alltags)sport ist nicht Mord, sofern – und hier gebe ich wieder Prof. Bloss recht – man den oben beschriebenen Trias aus regelmäßiger, bewusster Bewegung, gesunder Ernährung und tiefer Entspannung beachtet. Es ist wirklich einfach und die mit 40 + anstehenden Leiden und Zipperlein auch Zivilisationskrankheiten genannt, bleiben zu mindestens bisher aus.


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