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E-Sport Counter-Strike in der DNA

Die Spieler von SK Gaming stemmen bei dem Counter-Strike-Turnier ESL Cologne den Pokal in die Höhe. Die fünf Brasilianer gelten als das aktuell stärkste Team.

(Foto: Helena Kristiansson; ESL / Helena Kristiansson)
Von Caspar von Au, Köln

Als 1999 in der Kraftzentrale in Duisburg das Finale im Ego-Shooter "Quake 3" anstand, stürmten 1290 Menschen zur Großleinwand. Nur zehn bleiben sitzen: die Spieler und Betreuer. "Das war der Moment, als ich wusste: Das ist ein Zuschauersport", sagt Alexander Müller heute. Er ist Geschäftsführer der E-Sport-Teams SK Gaming. 1999 war er einer der Veranstalter des Turniers. Die Gegner im Finale damals: "Mortal Teamwork" und "Schröt Kommando" (mittlerweile SK). Die einen galten als die besten Spieler in "Quake", die anderen als die besten in "Quake 2". Beide hatten zuvor aber noch nie gegeneinander gespielt. Schröt Kommando gewann.

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SK Gaming gibt es mittlerweile seit 20 Jahren. 1997 gründeten sieben Freunde in Oberhausen den "Quake"-Clan Schröt Kommando. Mitgründer Ralf Reichert ist mittlerweile Chef des weltgrößten E-Sport-Veranstalters ESL. Alexander Müller, 41, der den Clan drei Jahre später übernahm, gehört zu den Pionieren der deutschen E-Sport-Szene. Damals sprachen sie noch von "Hardcore-Gaming" statt von E-Sport, erzählt Müller. Er hat aus dem Clan das Unternehmen SK Gaming gemacht, das zu den ältesten und zu bedeutendsten im globalen E-Sport gehört. Clan wurden E-Sport-Teams früher genannt, angelehnt an deren Bezeichnung im Shooter Quake. Längst konzentriert sich SK nicht nur auf ein Spiel, sondern hat unter anderem Pro-Gamer der Fußballsimulation "FIFA" und des virtuellen Sammelkartenspiels "Hearthstone" unter Vertrag.

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Das Spiel allerdings, das SK Gaming in der Szene berühmt gemacht hat, "die DNA" von SK, wie Müller sagt, ist der Taktik-Shooter Counter-Strike. Mit Counter-Strike 1.6 erlebte SK 2003 sein "Knallerjahr" und gewann mit dem damaligen Team um den schwedischen Starspieler Emil "HeatoN" Christensen beinahe jedes Turnier, bei dem sie antraten. Ähnlich wie im Fußball gibt es auch im E-Sport Spielertransfers. Hin und wieder kauft ein Unternehmen sogar ein ganzes Team auf. Aktuell spielen fünf Brasilianer unter der Flagge des Kölner Teams Counter-Strike: Global Offensive (CS:GO), die neueste Version des Shooters. Wieder mal gilt SK als das beste Team der Welt. 2017 war mit 1,5 Millionen Preisgeld, die das CS:GO-Team eingespielt hat, das erfolgreichste in der zwanzigjährigen Geschichte der Organisation.

Alexander Müller, 41, ist seit 2000 der Geschäftsführer von SK Gaming.

(Foto: SK Gaming)

Die Spieler wohnen in einem Gaming-Haus in Kalifornien

Gabriel Toledo, 26, ist einer derjenigen, die SK Gaming nach außen repräsentieren. Der Brasilianer ist gleichermaßen Kapitän, Superstar und Anker des aktuellen CS:GO-Teams. "FalleN", wie er sich im Spiel nennt, gilt als einer der besten Spieler überhaupt. Vor allem mit seiner virtuellen Paradewaffe, dem Scharfschützengewehr AWP, kann kaum jemand besser umgehen. Auch er ist für die Verhältnisse einer sehr dynamischen Branche schon ewig aktiv. 2003 hat er Counter-Strike in einem Internetcafé in seiner Heimatstadt Itararé zum ersten Mal gespielt, seit etwa 2009 ist das Spielen sein Beruf

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Das SK-Gaming-Hauptquartier ist ein unscheinbares Bürogebäude in der Kölner Altstadt. Auch das Treppenhaus mit den Glasbausteinen aus den Siebzigern lässt nicht erahnen, dass hier oft einige der besten Computerspieler der Welt trainieren.

Die meiste Zeit des Jahres lebt und trainiert das Team um Kapitän Toledo in Kalifornien, in einem geräumigen cremefarbenen Haus mit Swimmingpool in Newport Beach. Die Profis sind in die USA gezogen, weil die wichtigste CS:GO-Liga "ESL Pro League" in Nordamerika ausgetragen wird. Zwar passiert alles online, aber in Ego-Shootern kommt es besonders auf Reaktionsschnelligkeit an, es zählt jede Millisekunde. Je näher die Spieler am Server wohnen, desto kürzer ist die Übertragungszeit der Internetverbindung.

2011 war Counter-Strike als E-Sport so gut wie tot

Zwischendurch war es nicht immer einfach für Toledo, sich mit Counter-Strike seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Um 2011 herum war Counter-Strike in Brasilien wie auf der ganzen Welt als E-Sport-Disziplin fast tot. Der Klassiker 1.6 hatte ausgedient, den direkten Nachfolger "Counter-Strike: Source" hatte die Community nie so richtig angenommen. Das heute beliebte "CS:GO" sollte erst ein Jahr später auf den Markt kommen.

Toledo gründete deshalb die Games Academy. Er gibt Interessierten über das Internet Unterricht in Counter-Strike. "Das Unternehmen hat dem gesamten Counter-Strike-Ökosystem in Brasilien dabei geholfen, wieder auf die Beine zu kommen", sagt er, und: "Mir hat es geholfen, ein besserer Spieler zu werden." Mittlerweile hat er als Pro-Gamer kaum Zeit, selbst Unterrichtsstunden zu halten. Die Plattform nutzen derzeit 650.000 Menschen, um ihre Ballerkünste zu verbessern - die allermeisten von ihnen sind Brasilianer.

Auch bei SK Gaming in Köln probierte Alex Müller in dieser Zeit etwas Neues aus. Die Organisation investierte in ein "League of Legends"-Team. Das Spiel ist weniger martialisch und hat mehr Fantasy-Elemente. Es ist eine der beliebtesten E-Sport-Disziplinen. Einige Jahre war SK Gaming in League of Legends erfolgreich, doch Müller fühlte sich zunehmend unwohl in dem Korsett, in das Riot Games, der Entwickler des Spiels, alle Teams zwang. So wollten sie zum Beispiel über den Standort der Teams bestimmen. Als SK 2015 aus der höchsten Liga abstieg, beendete Müller dieses Kapitel. "Wir haben uns entschieden, den steinigen Weg zu gehen und die Kiste noch mal komplett umzudrehen", sagt er. Dieser Weg führte zurück zur DNA, zurück zu Counter-Strike: Im Sommer 2016 unterzeichnen die damals schon erfolgreichen Brasilianer einen Vertrag in Köln. SK Gaming ist zurück an der Counter-Strike-Weltspitze.

"Sechs Stunden Counter-Strike am Tag sind zu viel"

"Das war mit allem, das wir angefangen haben, unser Ziel", sagt Müller: "Wir wollten die besten der Welt sein." Doch was unterscheidet das aktuelle CS:GO-Team von SK von anderen Teams? Was macht sie zu den besten Counter-Strike-Profis weltweit? Toledo sagt: "Wir mussten für alles kämpfen, was wir jetzt haben." Den Gaming-Stuhl, den guten Computer, darum, zu den großen Turnieren eingeladen zu werden. Als Toledo anfing, Counter-Strike zu spielen, gab es in Brasilien noch keine E-Sport-Infrastruktur, hinzu kam der Einbruch des Interesses 2011. Ehrgeiz spiele eine zentrale Rolle, sagt Müller. "Wir sind harte Arbeiter." Wer sich nicht permanent weiterentwickeln wolle, sei falsch im E-Sport.

Dabei kommt es nicht darauf an, möglichst viel am Tag zu zocken. Vielmehr müssen die Spieler lernen, mit extremem Stress umzugehen; Niederlagen, Kritik und Spannungen im Team auszuhalten. Sie müssen lernen, ihre Konzentrationsphasen zu kontrollieren. Dafür arbeitet SK Gaming mit Sportpsychologen. Die Spieler haben einen festen Tagesablauf, Ernährungspläne und sind für ihre physische Fitness verantwortlich. Auch wenn E-Sport in Deutschland bislang nicht als Sportart anerkannt ist, nähert sich das Gaming in seiner Professionalität den traditionellen Sportarten an.

Der E-Sport werde in fünf bis zehn Jahren in der Gesellschaft ankommen - da ist sich Müller sicher. Damit einher gehe eine gewisse Verantwortung: " Gewaltdebatte und Suchtdebatte sind uns nicht fern", sagt er. "Wir sind ja nicht blauäugig." Er fordert einen offenen Dialog zwischen Eltern, Lehrern und Kindern. "Nur so kannst du den Generationenbruch kitten." Wenn ein Jugendlicher in seiner Freizeit sechs Stunden Counter-Strike am Tag spiele, sei das zu viel, sagt Müller. Immerhin: "Mir hört er zu. Wir haben für den Jugendlichen in Sachen Gaming mehr Glaubwürdigkeit."

15 000 Fans bejubeln ihre Idole - professionelle Computerspieler

Die Kölner Lanxess-Arena ist ausverkauft, mehr als eine Million Menschen verfolgen das Counter-Strike-Turnier im Netz. Das Ziel der Veranstalter: E-Sport soll endlich als Sportart anerkannt werden. Von Caspar von Au, Köln mehr...
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