Reisetipps Wien

Stadtspaziergänge Wien

Zeitreise ins Mittelalter: Durch das historische Herz

Man spaziert vom Stephansdom durch malerisch verwinkelte Gässchen und Höfe, vorbei an den ältesten Kirchen und römischen Fundamenten bis ins ehemalige Judenviertel. Wer die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auch von innen besichtigen und vielleicht noch eine Kaffeepause einlegen will, sollte für diese Tour einen halben Tag veranschlagen.

Beginnen Sie beim geheiligten Mittelpunkt und wohl bekanntesten Wahrzeichen Wiens - dem Stephansdom. Nachdem Sie dieses filigrane Wunderwerk aus Sandstein außen und innen gebührend bewundert und vielleicht auch den Turm bestiegen haben, gelangen Sie von seiner südöstlichen Ecke mit wenigen Schritten zur Singerstraße. Hier, in der Hausnummer 7, sollten Kunstbeflissene der (Di, Do und Sa 10-12, Mi, Fr und Sa 15-17 Uhr) mit ihren Messgeräten, Prunkgefäßen und Waffen einen Besuch abstatten.

Gleich an der nächsten Ecke zweigen Sie nach links in die Blutgasse ab - ein mustergültig saniertes Viertel mit Kopfsteinpflasterung, uralten Gebäuden und manch verträumtem Innenhof. Am Ende der Gasse erhebt sich das Mozarthaus. Weiter führt der Weg durch schmale Quergässchen über die Schulerstraße und die Wollzeile in die von renommierten Szenelokalen wie etwa dem Restaurant Neu Wien oder dem Prominentenbeisl Oswald & Kalb gesäumte und deshalb stets belebte Bäckerstraße. Auf dieser ostwärts gelangen Sie zum Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, einem der eindrucksvollsten Plätze der Stadt. Allabendlich wird er wunderschön illuminiert. Die frühbarocke, doppeltürmige Fassade an seiner Nordseite gehört zur Jesuitenkirche. Hinter ihr zur Linken, in der Aula der Alten Universität, ist Österreichs Akademie der Wissenschaften zu Hause.

Nun ein Stückchen durch die Sonnenfelsgasse, dann nach rechts, und Sie befinden sich in der auffallend krummen Schönlaterngasse. Hier, am Haus Nr. 7, erinnert ein seltsames Wesen aus Stein an die bekannte Sage vom Basilisken, der Anfang des 13. Jhs. im Brunnen des Hinterhofs gehaust und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben soll. Gleich daneben führt ein Durchgang in den Heiligenkreuzer Hof. Verlassen Sie ihn durch das Tor vis-à-vis und wenden sich dann zweimal nach rechts.

Folgen Sie als Nächstes dem Fleischmarkt in westlicher Richtung, so gelangen Sie jenseits der Rotenturmstraße in das sogenannte Bermudadreieck, ein quirliges Bar- und Beislviertel. Als ruhige Oase steht in seiner Mitte eines der ältesten Gotteshäuser der Stadt: das romanische Ruprechtskirchlein.

Durch die Judengasse, die mit ihren zahlreichen Boutiquen ein kleines Mekka für Modenarren darstellt, kommen Sie jetzt auf den Hohen Markt. Nach einem Abstecher durch die Salvatorgasse zur Kirche Maria am Gestade, einem viel zu wenig beachteten Juwel aus der Gotik, geht es vorbei an zwei herrlichen Barockbauten - der ehemaligen Böhmischen Hofkanzlei und dem Alten Rathaus - über den Judenplatz mit dem neuen Holocaust-Mahnmal durch die Drahtgasse auf den sogenannten Hof, einen erstaunlich weitläufigen und sehr geschichtsträchtigen Platz.

Kaffeehaustour rund um Oper und Hofburg

Dieser koffeinhaltige Bummel führt zu traditionsreichen Wiener Kaffeehäusern, in denen teilweise europäische Geistesgeschichte geschrieben wurde. Ein Augenschmaus sind die Gegend um den Naschmarkt und die Prachtbauten der westlichen Altstadt. Je nachdem, wie oft Sie unterwegs einkehren, dauert der Spaziergang zwischen zwei und fünf Stunden.

Kann man sich einen stimmungsvolleren Start vorstellen als eine Melange (Milchkaffee) „mit Schlag“ (Sahne) an einem Marmortischchen im Sperl in der Gumpendorfer Straße (Nr. 11)? Wenn Sie in jenem berühmten und viel gefilmten Café unter Kronleuchtern auf einer plüschigen Logenbank genügend Gemütlichkeit getankt haben, schlendern Sie durch die Lehárgasse, vorbei am traditionsreichen Theater an der Wien hinunter zum Naschmarkt. In diesem „Bauch von Wien“ gilt es zwischen Obst- und Gemüsepyramiden, Wurst- und Käsetürmen und neuerdings auch Sushi- und Kebablokalen eine regelrechte Wallfahrt der Sinne zu absolvieren.

Danach quert man zu Füßen der Secession mit ihrer Jugendstilhaube aus vergoldeten Blättern den westlichen Zipfel des Karlsplatzes. Ein Blick nach rechts auf die Barockkuppel der Karlskirche, dann wartet rechterhand bereits die nächste klassische Adresse: das vor Kurzem erst, rötliche Thonet-Stühle inklusive, nach den Originalplänen des Architekten Adolf Loos von 1899 generalrenovierte Café Museum (tgl. | Friedrichstr. 6/Ecke Operngasse).

Jenseits der Ringstraße, unmittelbar hinter der Staatsoper, locken gleich zwei Traditionscafés: das Sacher im Erdgeschoss des gleichnamigen Luxushotels (tgl. | Philharmonikerstr. 4), wo man wohl nicht umhinkommt, eine Schnitte der legendären Schokotorte zu verkosten, und, um die Ecke, das kaum minder vornehme Café Mozart (tgl. | Albertinaplatz 2). An der Albertina und Alfred Hrdlickas Mahnmal gegen Krieg und Faschismus vorbei, passieren Sie das Palais Lobkowitz und das Auktionshaus Dorotheum. Das Bräunerhof (tgl. | Stallburggasse 2), einst Stammcafé des literarischen Obernörglers Thomas Bernhard, ist nächste Station. Um die Ecke, schräg vis-à-vis vom Jüdischen Museum, landen Sie in einem Brennpunkt des geistigen Aufbegehrens der 50er- und 60er-Jahre: dem Künstlercafé Hawelka (Mi-Mo | Dorotheergasse 6). Eine Buchtel vielleicht - ein heißes, mit Konfitüre gefülltes Hefegebäck - mit Vanillesauce, kredenzt vom über 90-jährigen Seniorchef?

Solcherart gestärkt, folgt ein abrupter Milieuwechsel - vom Exrefugium der Wiener Boheme ins ungleich noblere Café Demel (tgl. | Kohlmarkt 12). Weiß beschürzte Bedienungen verführen dort Gäste vor mit süßen Mehlspeisen gefüllten Vitrinen zu üppigen Kaloriensünden. Nur wenige Schritte sind's von da durch das Spalier an neuen Luxusboutiquen ins Griensteidl (tgl. | Michaelerplatz 2). Hier kreuzten zu Beginn des 20. Jhs. Wortakrobaten vom Schlage eines Karl Kraus und Egon Erwin Kisch die Federn, feilten Feingeister wie Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und Joseph Roth an Formulierungen.

Auch unter den hohen Gewölben des Café Central, fünf Gehminuten entfernt in der Herrengasse 14, wurde um 1900 die Zukunft der Weltliteratur und -politik maßgeblich mitbestimmt. Heute freilich begeistert die vielen hier im Palais Ferstel einkehrenden Touristen wohl mehr das prächtige, kürzlich generalrenovierte Ambiente.