Reisetipps Brüssel

Auftakt Brüssel Was für eine Stadt!

Prächtige Kirchen, Königsschlösser, das prunkvolle Rathaus, Palais aus dem 18. Jh., reich verzierte Jugendstilhäuser, das funkelnde Atomium und glitzernde EU-Repräsentationsbauten - Brüssel bedeutet Abwechslung und Vielfalt. Das beweisen besonders die quartiers, in die sich die ausgedehnte, grüne Stadt unterteilt. Ob elegant oder studentisch, trendig oder volkstümlich, kosmopolitisch oder bohemehaft oder von allem etwas: Jedes Viertel führt ein ausgeprägtes Eigenleben. Das lässt sich am besten beim Flanieren oder in den Cafés und Restaurants beobachten, die es in der Gourmethochburg Brüssel besonders zahlreich gibt.

Brüssel: Täglich werden aus der Hauptstadt neue Nachrichten von EU und Nato gesendet. Den Hintergrund bilden Gebäude im Allerweltsstil, die zu der dürren Sprache der Bürokraten und Militärs passen. Doch das Brüssel der Diplomaten und Verbandsvertreter, Journalisten und Lobbyisten ist nur eine Facette von vielen und im Brüsseler Alltag recht unwichtig. Gewiss gehen die immigrés de luxe, wie die Brüsseler sie mit ihrer zwanzé, der typischen Ironie, nennen, in die Oper und in Museen, leben zahlreiche Luxusboutiquen und Gourmetrestaurants von ihnen. Aber viele wohnen abgesondert in den Villenvororten. Dort liegen ihre Schulen, Kirchen und Klubs.

Dabei ist Brüssel eigentlich mehr als cool: bunt und quirlig, voller Brüche und Widersprüche, aberwitzig und hintergründig, chaotisch und surrealistisch - eine Metropole des 21. Jhs. eben. Hier nimmt die postmoderne Zukunft Gestalt an, unbekümmert eklektisch, komplexlos multikulturell, voll abenteuerlicher Mischungen und von explosiver Kreativität.

Doch zunächst verwirrt Brüssel. Belgiens Hauptstadt ist offiziell zweisprachig. Zwar spricht die große Mehrheit Französisch, aber, so ein Bonmot, nur zwischen 18 und 8 Uhr. Tagsüber pendeln 200000 Flamen zur Arbeit in die Stadt. Dann erklingt viel Niederländisch. Unüberhörbar sind aber auch Arabisch und Türkisch, Kongolesisch und Polnisch, das weiche Spanisch der Lateinamerikaner oder die raueren Stimmen der Galizier, Japanisch und ein Englisch, das nicht von Oxford geprägt ist. Über 30 Prozent der Gesamtbevölkerung von knapp einer Million Menschen sind Zuwanderer, oft illegal, weitere 20 Prozent sind „Neue Belgier“ genannte Immigrantenkinder mit belgischem Pass. Zusammen mit den immigrés de luxe aus EU- und Nato-Kreisen ergibt das ein wahres Völkergemisch.

Nicht weniger babylonisch sieht die Stadt aus. Stile prallen aufeinander. Ständig wird abgerissen, renoviert, neu gebaut - doch das bitte nicht einheitlich. Der Brüsseler Individualismus verlangt, dass man sich vom Nachbarn unterscheidet. Daher steht neu neben alt, hoch neben niedrig und schön neben schäbig.

Verwirrung stiftet auch die Teilung in Ober- und Unterstadt. Jede Hälfte hat ihr Zentrum und überdies quartiers, Stadtteile mit jeweils eigener Atmosphäre, eigenem Mikrokosmos. Die Oberstadt ist pariserisch, großbürgerlich mit exotischen Einsprengseln wie dem kongolesischen Matongé-Viertel. Die volkstümlichere Unterstadt erstreckt sich diesseits und jenseits des Kanals. An dieser stillen Demarkationslinie leben viele Zuwanderer. Auf dem Wasser schaukeln die Yachten der beau monde. Früher lag die Nahtstelle höher, am Rand des schroffen Hügels. Oben residierte der Hochadel. Der prunkvolle Hof, erst der Herzöge von Brabant, dann der Herzöge von Burgund, schließlich der Hof von Kaiser Karl V. und seinen habsburgischen Nachfahren, zog sie an. Und unten prahlten die bürgerlichen Patrizier und Handwerker.

Brassage heißt diese Mischung der Gegensätze heute. Nicht umsonst stammt der Begriff aus dem Brauereiwesen. Denn beim Trinken erkennt man die echten Brüsseler. Bloß kein Pils! Brüsseler schätzen neben dem einheimischen gueuze, das sie wie Champagner schlürfen, die starken Abteibiere. Ein beliebter Aperitif ist auch half-en-half, eine Mischung von Schaumwein und Weißwein - beides mögen Brüsseler pur nicht so gern. Sie ziehen Champagner vor sowie Burgunder, von Brouilly bis Saint-Amour: Vorlieben aus der Römerzeit mit ihren Handelsrouten.

Alle Wege führen zur Grand' Place, und das ist wörtlich zu nehmen. Im Innenhof des Rathauses prangt ein Stern. Von hier aus werden die Entfernungen bis zur Landesgrenze gemessen. Die herrliche Grand' Place mit Rathaus und prächtigen Zunfthäusern zeugt von Macht und Reichtum der Stadt und ihrer Bürger. Mit Luxusgütern wie golddurchwirkten Tapisserien oder feinsten Spitzen scheffelten sie einst Geld. Enorm selbstbewusst trotzten sie schon früh den Landesherren weitgehende Freiheitsrechte ab. Doch auch hier finden sich Brüsseler Brüche: Ein paar Straßen hinter dem „schönsten Theater der Welt“ (so der französische Autor Jean Cocteau) warten Spielhöllen, Peepshows und Sexbars auf Kunden.

Am Anfang und Ende der Grands Boulevards im Pariser Haussmann-Stil prangt die „Bruxellisation“. So nennen Stadtplaner und Soziologen weltweit den Kahlschlag ganzer Stadtteile durch hemmungslose Immobilienspekulanten und korrupte Politiker. Im Quartier Nord entstand ein kleines Manhattan. Um den Südbahnhof, Haltestelle von TGV, Thalys und Eurostar, türmt sich ein neues Business-Mekka.

Märkte, vom Antiquitäten- und Flohmarkt bis zu bunten Viktualien- und Biomärkten, verführen viele Brüsseler am Wochenende zum chiner. Sie flanieren, schauen, betasten, kosten und trinken am Rande ihren apéro, kaufen himmlische Törtchen für Mutters Teestunde oder den eigenen Nachtisch. Beim Schlendern offenbaren sich auch die Schätze der Stadt. Zu ihnen zählen die zahlreichen Jugendstilbauten. Nicht nur Patrizierpalais, auch Schulen und Hallenbäder, Lager und Geschäfte. Der Jugendstil wurde in Brüssel erfunden. Er entsprach dem Temperament der Stadt, in der Freimaurer und Liberale, freigeistige Juden und revolutionäre Exilanten eine Symbiose bildeten. Zur Offenheit kam der Reichtum aus den wallonischen Industriebecken und Brüssels Banken hinzu. Ebenfalls typisch Brüssel: Hinter vielen prächtigen Fassaden wurden während der deutschen Besatzung 1940-44 zahllose Juden, politische Flüchtlinge und Widerständler versteckt und gerettet.

Dem Kongo verdankt die Hauptstadt Grandeur und Grün. König Leopold II., der das Reich am Äquator erwarb, steckte die Gewinne in den Triumphbogen im Parc du Cinquantenaire oder das schlossähnliche Afrika-Museum in Tervuren, in prächtige Alleen und weitläufige Parks, in denen Bürger wie Arbeiter sich entspannen sollten. Heute braust über die Avenuen der Großstadtverkehr, locken die Parks die Au-pair-Mädchen der Oberschicht und marokkanische Matronen mit ihrer Kinderschar, Jogger und Fußballspieler.

So richtig zu funkeln beginnt Brüssel beim Einbruch der Dunkelheit. Dann füllen sich die Gaststätten und die Restaurants, die jedem Geschmack etwas bieten, von urig bis huppé („in“), zwischen Exotik und Jeune Cuisine. Doch die echte, explosive Kreativität entfaltet sich in Theatern und Jazzschuppen, „Caf' Conc'“ und Diskos, umfunktionierten Markthallen oder Zuckerfabriken - und sogar in der renommierten, 300-jährigen Oper La Monnaie und dem weltberühmten, großen Art-déco-Konzertsaal im Palais des Beaux-Arts. Das Völkergemisch brachte neue Tanzformen und poetischen Zirkus, Fusionen von marokkanischer Folklore und Techno, modernem Jazz und südindischen Klängen sowie eine Mischung von ruandischen Rhythmen mit denen der Antillen, irische Songs und galizische Stimmen. Und all das, was von offiziellen bis improvisierten Bühnen auf die Straße schwappt, regt ein Heer von Modeschöpfern, Filmemachern, Installationskünstlern, Malern, Schriftstellern, Fotografen, Designern und Werbeleuten an, lockt die Boheme, die Studenten, die Jugendlichen. Diese Szene zieht wiederum Bewohner an, junge Flamen und Wallonen, Deutsche oder Iren, die nichts mit EU und Nato zu tun haben. Brüssel ist nicht mehr die Stadt, aus der man flieht, sondern in die man zieht. Auch Besucher können dieses kosmopolitische Flair erleben - wenn sie sich brüsselerisch geben: convivial, das heißt etwas phlegmatisch, mit leicht ironischer Distanz, aber im Grunde genommen unendlich offen, höchst menschlich, grenzenlos neugierig. Ein bisschen Muße, ein Schuss Initiative, viel Abenteuerlust, et voilà die Metropole mit den faszinierendsten Gesichtern. „Bienvenu! Welkom!“