Süddeutsche Zeitung

Reiseführer Potsdam - Potsdams Umgebung:Auftakt

Entdecken Sie Potsdam!

Wer Potsdam hört, denkt vor allem an die Schlösser und Gärten, an Kunst, Kultur und Seen, neuerdings aber auch an Fernsehmoderator Günther Jauch und Modezar Wolfgang Joop, die beide in Potsdam wohnen. Vielleicht auch an das Potsdamer Abkommen, die Glienicker Brücke und die 1. Frauenfußballmannschaft von „Turbine Potsdam“, eine der erfolgreichsten Europas.

Doch nach wie vor verbindet sich der Name Potsdam vor allem mit Schloss Sanssouci. Preußenkönig Friedrich II., in die Geschichte als Friedrich der Große eingegangen, haben wir die Perle des Rokoko zu verdanken. Ohne ihn wären wir wohl um den größten Park- und Schlosskomplex nördlich der Alpen ärmer. Potsdam lockt aber auch mit anderen Attraktionen, die entdeckt werden wollen. Eine gute Einstimmung ist ein Gang durchs Holländische Viertel, diegrößte holländische Siedlung außerhalb der Niederlande. In den kleinen Läden können Sie shoppen und es sich in Dutzenden von Restaurants, Cafés und Bars gut gehen lassen. Einheimische und Touristen finden sich in den Backsteinhäusern einmütig an Tischen und Tresen zusammen. Oder lenken Sie Ihre Schritte in die Russische Kolonie Alexandrowka; wie ein Freilichtmuseum wirkt die Siedlung mit ihren historischen Holzhäusern. Mancher Tourist soll schon durch ein offenstehendes Hoftor spaziert sein, um sich bei den verdutzten Bewohnern zu erkundigen, wo denn die Kasse sei und der Rundgang beginne.

Potsdam bietet Kunst, Kultur und viel Geschichte: zauberhafte Schlösser, viele Kunstschätze, ausgedehnte Parks und eine lebendige Innenstadt mit Kneipen, Restaurants und kleinen Läden. Alles ist eingebettet in eine Seen- und Flusslandschaft, die schon Theodor Fontane und Preußens Könige begeisterte. Heute sind es neben den zahlreichen Touristen auch die mehr als 20 000 Studenten, die das Gesicht der brandenburgischen Landeshauptstadt bestimmen. Siebringen frisches Leben nach Potsdam. In-Treff ist heute das Jahrzehnte vom Militär besetzte Gebiet zwischen Neuem Garten und Babelsberger Park, die Schiffbauergasse. Eine lebendige Kunst- und Kulturszene hat sich hier entwickelt. Das historische Waschhaus, die Maschinenhalle und die Husarenpferdeställe wurden restauriert, eingezogen sind zahlreiche Künstler und kreative Unternehmen. Das Theater und der Uferpark entstanden neu, und das Schiffsrestaurant „John Barnett“sowie das italienische Restaurant „Il Teatro“ locken mit Gaumenfreuden der verschiedensten Art.

Die Potsdamer fühlen sich in ihrer Stadt wohl, sie haben also allen Grund zum Feiern. Jazzfestival, Tanztage, Musikfestival – viele Events erfreuen sich überregional eines guten Rufs. Doch der Superlativ aller Veranstaltungen ist die „Schlössernacht“, ein rauschendes Spektakel mit Glanz und Gloria, mit Hunderten von Künstlern und rund 30 Spielorten, an denen erst lange nach Mitternacht die Lautsprecher abgestellt werden. Tausende sitzen in denStartlöchern, wenn zum Vorverkauf gerufen wird. Innerhalb weniger Tage sind alle 33 000 Karten verkauft, schon Monate vor diesem Super-Event. Wer kein Ticket ergattern konnte, dem seien die „Nächtlichen Schlösserimpressionen“ empfohlen. An sechs Wochenenden im Jahr erstrahlen am Havelufer liegende Schlösser und Kirchen im Lichterglanz. Die Schiffe der Weißen Flotte starten zu einer dreistündigen romantischen Korsofahrt, und so können Sie sich an der Lichterpracht vomWasser aus erfreuen.

Potsdam ist in. Im Gegensatz zu anderen Städten im Osten Deutschlands gibt es hier keinen Bevölkerungsrückgang. Die Havelstadt zählt rund 159 000 Einwohner und gilt als eine der familienfreundlichsten in Deutschland. Mehr als 30 Einrichtungen setzen der kreativen Gestaltung der Kinder und Jugendlichen keine Grenzen. Über 120 Sportvereine sind vorhanden, es gibt sogar ein eigenes Kinder- und Jugendtheater. Im Volkspark, den die Bundesgartenschau2001 hinterlassen hat, treffen sich die Inlineskater, werden Fahrradrennen veranstaltet und auf den Wiesen Sonnenbäder genossen und Würstchen gegrillt. Das alles ist in den drei großen Schloss- und Landschaftspark der Stadt verboten. Denn über die hält die Unesco ihre Hand, damit auch kommende Generationen sich an diesen Kunstwerken erfreuen können.

In Potsdam begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart mehr als anderswo. Die Havelstadt, einst die zweite Residenz der preußischen Könige und deutschen Kaiser, galt als Symbol für den preußisch-deutschen Militarismus, der der Welt nichts Gutes bescherte: Am Abend des 1. August 1914 unterzeichnete Kaiser Wilhelm II. an seinem Schreibtisch im Neuen Palais die Verkündigung des Kriegszustands. Vier Jahre später flüchtete er in das holländische Doorn. 59Bahnwaggons, vollgestopft mit Möbeln, Bildern, Porzellan, Silber und einem Auto, rollten hinterher. Am 21. März 1933 dann, dem „Tag von Potsdam“, wurde in der Hof- und Garnisonkirche Adolf Hitler mit großem militärischem Pomp als Reichskanzler vereidigt, zwölf Jahre später flog die britische Royal Air Force einen Angriff auf Potsdam. Der britische Heeresbericht meldete daraufhin: „Potsdam besteht nicht mehr.“

Bis 1989 fristete Potsdam im Schatten der um West-Berlin errichteten Mauer ein kümmerliches Dasein. Wer seit DDR-Zeiten nicht mehr in Potsdam gewesen ist, der heutigen Landeshauptstadt des Bundeslands Brandenburg, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die prachtvollen Geschäftshäuser, die historischen Stadttore und luxuriösen Villen erstrahlen in neuem Glanz, der Stadtkanal entstand teilweise wieder, der neue Lustgarten wurde eine Zierde. Potsdamwandelte sich vom Militärstandort zur Wissenschafts- und Medienstadt und setzt auf den Tourismus. Hotels wurden gebaut, unzählige Gaststätten eingerichtet.

Und es geht weiter. Nach jahrelangen Zwistigkeiten ist es nun endlich so weit: Potsdam hat sein in der Bombennacht 1945 zerstörtes Stadtschloss zurückerhalten, in das im Januar 2014 der Brandenburger Landtag eingezogen ist. Weitgehend dem historischen Grundriss folgend wurde das Bauwerk mit der originalgetreuen barocken Außenfassade wieder aufgebaut. Zusammen mit der Nikolaikirche und dem Alten Rathaus bildet es wieder Potsdams historische Mitte,die in den nächsten Jahren auch an anderen Stellen manches von ihrem einstigen Aussehen zurückerhält. So entstehen an der Alten Fahrt entlang der künftigen Humboldt- und Brauerstraße der Palast Barberini, der Palazzo Pompei und der Palazzo Chiericati wieder. Zudem haben der Bund und das Land Brandenburg ein Sonderinvestitionsprogramm von 155 Mio. Euro beschlossen. Damit kann die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg 23 Bau- und Gartendenkmälerbis zum Jahr 2017 sanieren und den Besucherservice verbessern. Zu den vordringlichsten Projekten gehört das Neue Palais mit seinen rund 500 Räumen, dessen Zustand teilweise als prekär beurteilt wird. Durch die umfangreichen Bauarbeiten wird es in den nächsten Jahren immer wieder zu vorübergehenden Schließungen von einzelnen Einrichtungen kommen.

Um manch anderes wird jedoch gerangelt, wie um den durch Spenden finanzierten Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Garnisonkirche, deren Reste die DDR-Mächtigen 1968 sprengen ließen. Die Meinungen hierüber gehen stark auseinander, vorerst hat man am früheren Standort der Kirche im Sommer 2011 eine provisorische Kapelle eröffnet. Gerangel gibt es auch um Eintrittsgebühren für die Parkanlagen, gegen die sich die Potsdamer bisher mit Erfolgwehrten.

Potsdam ist international bekannt, denn Deutschlands Hauptstadt Berlin ist nur einen Katzensprung entfernt, und wenn ausländischen Staats- und Regierungschefs etwas Besonderes geboten werden soll, fährt man mit ihnen in die nahe Havelstadt. Sogar Weltgeschichte wurde hier geschrieben: Nach dem Zweiten Weltkrieg trafen sich die Staatschefs der Siegermächte im Schloss Cecilienhof, um die europäische Nachkriegsordnung zu beschließen. Als „PotsdamerAbkommen“ ist das Dokument in die Geschichtsbücher eingezogen. Auch die Glienicker Brücke ist weltbekannt. Während des Kalten Kriegs tauschte man hier Agenten zwischen Ost und West aus, die Fernsehbilder gingen rund um den Globus.

Ganz andere Bilder sind in der Filmstadt Babelsberg entstanden, wo die legendäre Ufa Filme produzierte, die Generationen begeisterten, so 1929 den ersten vollständigen deutschen Tonfilm und 1941 den ersten abendfüllenden deutschen Farbfilm „Frauen sind doch bessere Diplomaten“. Zu DDR-Zeiten drehte die Defa in der Filmstadt, ihre Stars waren die bald auch im Westen bekannten Regisseure Frank Beyer, Heiner Carow, Konrad Wolf und die SchauspielerAnnekathrin Bürger, Angelica Domröse und Manfred Krug. Heute trifft sich Hollywood in Babelsberg. Zu den jüngeren, teils Oscar-gekrönten Produktionen zählen „The Ghostwriter“ und „Der Pianist“ in der Regie von Roman Polanski, „Inglourious Basterds“ mit den Hollywood-Stars Brad Pitt und Diane Kruger und „Der Vorleser“ mit Kate Winslet in der Hauptrolle. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind in den Babelsberger Ateliers mehr als 1200 Kino- und Fernsehfilme entstanden,und ständig kommen neue dazu.

„Wenn Sie diese Stadt sehen, wird sie Ihnen gefallen“, soll Friedrich der Große selbstbewusst ausgerufen haben. Niemand hat ihm bis heute widersprochen. Und Jauch, Joop & Co. hätten sich wohl kaum ihr Zuhause in Potsdam eingerichtet, wären sie nicht auch der Meinung: Potsdam ist eine lebens- und liebenswerte Stadt, eine der schönsten Deutschlands.

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