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Reiseführer London:Auftakt

MARCO POLO Koautorin Birgit Weber

Entdecken Sie ­London!

Dreißig Millionen Besucher pro Jahr können nicht irren. Rote Doppeldeckerbusse, der goldene Turm von Big Ben, die mächtige Kuppel von St Paul's Cathedral, die Zuckerbäckergotik der Tower Bridge: London ist eine Stadt, die jeder einmal gesehen haben sollte – und an der man bei jedem Besuch neue Seiten entdeckt.

London ist immer in Bewegung und hält zugleich seine 2000-jährige Geschichte lebendig. Es ist dieser Kontrast zwischen Tradition und Moderne, zwischen den Bärenfellmützen der königlichen Wachablösung und den neuesten Modetrends auf der Straße, zwischen Afternoon Tea im Ritz und bengalischen Currys der Brick Lane, der den Reiz der englischen Hauptstadt ausmacht. In London leben 7,5 Mio. Menschen, hier ist das Zentrum der britischen Politik, der Finanz- und Medienwelt, der Kultur – mit Museen und Theatern von Weltrang und einer lebendigen Restaurantszene. Hier werden internationale Musik- und Modetrends gemacht. Seit dem Jahrtausendwechsel präsentiert sich London in frischem Gewand, mit neuer Skyline, neu gestylten Museen und der ambitioniertesten Architektur Europas.

Wo heute die Finanzbroker in der City zur Arbeit eilen, begann vor gut 2000 Jahren die Stadtgeschichte Londons als römischer Handelsplatz Londinium. Es folgten als Besatzer Angelsachsen und Wikinger. Der Sieg der Normannen bei der Schlacht von Hastings 1066 um die Krönungsnachfolge des letzten angelsächsischen Königs Edward the Confessor, des Begründers von Westminster Abbey, sollte dann das letzte Mal sein, dass die Stadt eingenommen wurde. Im weiteren Verlauf des Mittelalters wuchs London zum Zentrum für Parlament, Königshaus und Handel aus den zwei Zentren City und Westminster am nördlichen Themseufer heran. Wirklich geplant wurde die Stadt nie. Nachdem die Flammen des Great Fire of London 1666 gut vier Fünftel der Holzhäuser verschlungen hatten, wurden immer wieder Gelegenheiten zu einer organisierten Stadtplanung verpasst, was der Metropole einen sympathisch zusammengewürfelten Anstrich verleiht.

London ist aus Teilen zusammengewachsen: dem exklusiven Mayfair mit bürgerlichen Stadthäusern, St James's, dem Viertel der gediegenen Clubs, dem „Lasterviertel“ Soho mit seinen Stripclubs, Bloomsbury, dem Intellektuellenviertel des 20. Jhs., Greenwich mit seinem maritimen Flair, dem grünen Hampstead – ein homogenes Ganzes ist nie entstanden. Traditionell verstanden sich die Cockneys (der Ursprung des Wortes ist unklar), geboren in Hörweite der Kirchenglocken von St-Mary-le-Bow im East End, als die wahren Londoner. Doch den „typischen“ Londoner gibt es schon lange nicht mehr. Spätestens mit dem 17. Jh., als sich hugenottische Seidenweber aus Frankreich im East End niederließen, wurde London eine kosmopolitische Stadt. Im 19. Jh. kamen die Iren auf der Suche nach Arbeit; in den 1950er-Jahren folgte ein Schwung Einwanderer aus den karibischen Commonwealth-Staaten. Sie alle bauten eigene soziale Netze auf und bewahrten Teile ihrer Traditionen. Andere kamen und gingen: der Philosoph der französischen Aufklärung Voltaire suchte 1726 das Exil im toleranten London, Mahatma Gandhi ließ sich während seines Jurastudiums Ende des 19. Jhs. von englischen Sozialisten und dem Dramatiker George Bernard Shaw inspirieren, und Hampstead sollte der letzte Wohnort des vor den Nazis fliehenden Sigmund Freud sein.

Heute braucht man sich für einen Querschnitt durch die Londoner Bevölkerung nur in der U-Bahn umzusehen: ein Citymanager in Nadelstreifen neben einem afrokaribischen Teenager mit Dreadlocks, eine alte chinesische Dame, ein junger Skater in Sportdesigner-Labels neben der Bengalin im Sari. Die Bombenanschläge von 2005 haben die Weltoffenheit und multikulturelle Lebensart der Stadt nicht wirklich in Frage stellen können.

London ist nicht gleich England, aber bestimmte englische Charakterzüge – eine gewisse Reserviertheit, Höflichkeit, ein toleranter Individualismus, Traditionsbewusstsein, Understatement, gepaart mit Selbstironie – bildet das Fundament der Koexistenz in der Großstadt. Denn dreißig Kulturen teilen sich diese multikulturelle Stadt; über ein Drittel der Londoner gehören einer ethnischen Minderheit an. Nur 40 Minuten vom Trafalgar Square entfernt kann man sich im westlichen Vorort Southall zwischen indischer Radiomusik, Geschäften für Tunika-Hosenensembles und Curryaromen wie im Punjab fühlen. 300 Sprachen werden heute in der Mutterstadt der englischsprachigen Welt gesprochen, Erbe des britischen Empire, das sich zur Regierungszeit Queen Victorias (1837–1901) über ein Viertel des Globus erstreckte. Das heißt nicht, dass es nicht auch Misstöne gäbe: Auf den ersten Seiten der Boulevardblätter ist die Zuwanderung immer wieder Thema.

Wie leben sie eigentlich, die Londoner? Londoner verdienen knapp 700 Euro die Woche; etwa acht Prozent haben allerdings keine Arbeit. Mit Kensington & Chelsea und Tower Hamlets vereint London sowohl den ärmsten als auch den reichsten Bezirk des Landes auf sich. Londoner recyclen wenig, aber immer mehr radeln zur Arbeit und engagieren sich ehrenamtlich: vielleicht bei Aufforstungsarbeiten beim „Green Gym“ im Park oder als Mentor gegen die Gang-Ideologie der schnell gezückten Messer und liegengebliebenen Schulbücher. Soziales Engagement wird umso wichtiger, als zentrale Dienstleistungen einschneidenden Haushaltskürzungen zum Opfer gefallen sind – auch bei der Polizei. So war man nicht auf die randalierenden Jugendlichen vorbereitet, die im August 2011, ausgehend vom sozialen Brennpunktviertel Tottenham, zu den schlimmsten Unruhen seit 25 Jahren führten und sich über ganz Großbritannien ausbreiteten. Londoner sind politisch und kulturell interessierter als der Landesschnitt und nutzen gerne iPod und E-Book-Reader, um sich den ca. einstündigen Pendelweg zur Arbeit zu verkürzen.

Der alte Spitzname für London, „The Big Smoke“ (die „Große Rauchglocke“), ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als Industriesmog noch Leben forderte. Tatsächlich hat London mehr Grünflächen als jede andere Stadt vergleichbarer Größe. Schöne Spaziergänge führen durch Hyde Park, Green Park oder Regent's Park , wo in der kurzen Mittagspause die Büroangestellten ihre Sandwiches auspacken. Die königlichen Parks sind nur ein Beispiel dafür, wie das Königshaus im Londoner Leben im Hintergrund mitläuft; die Royals mögen viele Touristen in die Stadt bringen, doch für den Alltag der Londoner hat die Queen weit weniger Bedeutung als der Trainer des Fußballclubs Arsenal oder die neueste Entwicklung in der Seifenoper „Eastenders“. 2011 wurde die bürgerliche Kate Middleton in den Kreis der Royals aufgenommen. 2012 galt das Hauptinteresse von Medien und Bevölkerung jedoch der Queen (86) selbst, denn sie feierte mit vielen Events ihr 60-jähriges Thronjubiläum.

Für ihre direkten Belange zählen die Londoner auf Bürgermeister Boris Johnson. Dessen schwierigste Aufgabe bleibt, die Londoner von A nach B zu bringen. Das älteste und weitläufigste U-Bahnnetz der Welt transportiert pro Jahr eine Milliarde Passagiere und kämpft mit technischen Problemen. Die U-Bahnstationen der Jubilee Line wie Norman Fosters Canary Wharf mögen strahlenden Kathedralen ähneln, der Stadt mit dem teuersten öffentlichen Nahverkehr Europas droht der Verkehrsinfarkt – trotz Citymaut. Das zweitliebste Thema bei Dinnerpartys ist die Wohnsituation. Trotz der sinkenden Immobilienpreise im Zuge der credit crunch ist es den meisten jungen Londonern praktisch unmöglich, eine bezahlbare, halbwegs zentrale Unterkunft zu finden. Die Suche nach billigem Wohnraum stand auch hinter dem Hoxton/Shoreditch-Phänomen der letzten Jahre, als Künstler und andere alternative Existenzen in diese abbröckelnden Viertel nahe der City auswichen und sie zu Trendvierteln machten. Heute ist Dalston an der Reihe. „Trend“ ist hier nicht im Sinne von vollsaniertem Notting Hill gemeint. Wer zwischen den türkischen Schnellimbissen, Pound-Shops, posterübersäten Hauswänden und verwehten Plastiktüten wandelt, bekommt eher ein High-Noon-Gefühl. Diese unverputzten Gegenden Ostlondons voller junger Leute, vielleicht die nächsten großen Designer, Musiker und Künstler, pflegen ihren eigenen Snobismus. In einer sich schnell wandelnden Szene wissen sie, hinter welcher der gammeligen Fassaden die Stufen hinunter in den derzeit angesagten Club führen.

Der beste Ort, den Puls von London zu spüren, ist an der Themse. Die Londoner haben die einstige Hauptverkehrsader wiederentdeckt: als Flaniermeile. Das trübe Gewässer täuscht: „Father Thames“ ist so sauber wie seit 50 Jahren nicht mehr, und modernisierte (Hungerford Bridge) bzw. neue Brücken (Millennium Bridge) geben der Stadt einen neuen Zusammenhalt. Der Fluss markierte gleichzeitig immer schon die Trennlinie zwischen Nord- und Süd-London. South London, eher bekannt für anonyme Sozialbauten, jugendliche Handyräuber und mangelnde Infrastruktur, holt auf und inspiriert neue Trends und urbane Sounds. Vorzeigeviertel: Southwark, seit 2012 mit Europas zweithöchstem Gebäude, Renzo Pianos Bürohaus The Shard. Währenddessen dehnt sich die Stadt nach Osten aus: themseabwärts, im ehemaligen Hafengebiet der Docklands, wachsen Wolkenkratzer in die Höhe. Im Osten entstanden auch die neuen Sportanlagen für den Lea Valley Olympia Park 2012. Es ist diese Dynamik, die London zu einer der spannendsten Städte der Welt macht.

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Birgit Weber arbeitet freiberuflich als Autorin für verschiedene Reiseführer über Großbritannien. Sie bereist das Land seit vielen Jahren immer wieder gern, und London hat es ihr besonders angetan. Sie mag den Mix aus historischer und moderner Architektur, die Kulturenvielfalt und verrückten Modetrends, die Museen und den Charme der britischen Lebensart. Demnächst erscheint ein Londonband mit Fotografien von ihr.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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