bedeckt München 23°

Reiseführer Griechische Inseln - Ägäis:Auftakt

Entdecken Sie die Griechischen Inseln!

In der Ägäis ist keine Insel ganz für sich allein. Von jedem Berg und von fast jedem Strand aus sehen Sie mal nah, mal fern ein anderes Eiland aus den Fluten steigen. Auf manchen Inseln haben Sie das europäische Festland vor Augen, auf anderen sind Sie den oft bizarren Küstengebirgen Kleinasiens ganz nah. Die Ägäischen Inseln sind Sprungsteine zwischen den Kontinenten.

Große, schnittige Autofähren und kleine, noch recht altmodisch anmutende Dampfer, blitzschnelle Katamarane und Tragflügelboote sowie zu Ausflugsschiffen umgebaute hölzerne Fischerboote bringen Sie vom Festland in diese Inselwelt und dort von einer der etwa 80 ständig bewohnten Inseln zur nächsten. Möwen begleiten Ihren Weg, mit viel Glück tauchen auch noch ein paar der letzten Delphine des Mittelmeers vor dem Bug auf und spielen ein paar Seemeilen lang mit Ihrem Schiff. Zahllose Inseln, bewohnt oder unbewohnt, ziehen vorüber, die griechische Flagge flattert am Heck im erfrischenden Fahrtwind. Meist laufen die Fähren auf ihrer Reise verschiedene Inseln an. Bei jedem Zwischenstopp sehen Sie ein neues Inselstädtchen, in manchen Häfen kommen fliegende Händler kurz an Bord, um die zumeist süßen kulinarischen Spezialitäten des Eilands feilzubieten. Am Kai warten bereits Hoteliers und Zimmervermieter auf fest gebuchte Gäste, um sie in ihr Hotel oder Apartment zu bringen, nehmen aber gern auch Urlauber mit, die ohne Vorausbuchung angereist sind. Schließlich gehen auch Sie von Bord, und Ihr Inselabenteuer kann beginnen!

Schon während Ihrer ersten Urlaubsstunden werden Sie feststellen, dass Sie die Hektik des Alltags hinter sich gelassen haben. Heitere Gelassenheit liegt in der Inselluft. Die Tage gehören dem Strand, kleinen Wanderungen, Radtouren oder Besichtigungen. Viel Wassersport wartet auf Sie, auf manchen Inseln sind auch kleine Ausritte oder entspannte Stunden in modernen Spas möglich. Am späten Nachmittag gehört ein Bummel durch die zumeist engen Markt- und Geschäftsgassen zum Ritual. Danach treffen sich Einheimische und Gäste zur allabendlichen vólta, flanieren am Hafen auf und ab, lassen sich an den Tischen der unzähligen Cafés und Loungebars nieder. Auch der Dorfplatz, die platía, ist ein beliebter Treffpunkt. Wenn es dunkel wird, verlagert sich das Geschehen in die Tavernen – und auf mancher Partyinsel wie Mykonos, Íos, Kos, Páros, Rhodos und Santorin sind Beachclubs und Open-Air-Diskotheken bis zum Sonnenaufgang geöffnet.

Von Griechenlands Wirtschafts- und Finanzkrise, von sozialen Unruhen, Streiks und Demonstrationen ist auf den Inseln fast gar nichts zu bemerken. Die prekäre Lage des griechischen Staatshaushalts wirkt sich für den Urlauber schlimmstenfalls als ein paar Stunden Verzögerung wegen eines Fluglotsenstreiks aus oder in Form von verspäteten Schiffen, wenn die Seeleute in den Ausstand treten. Aber dagegen gibt es ein Mittel: Planen Sie als Reisender auf eigene Faust Ihre letzte Überfahrt vor dem Heimflug lieber schon für den vorletzten Urlaubstag, und verbringen Sie die letzte Nacht an Ihrem Abflugsort.

Als Inselspringer werden Sie schnell bemerken, dass jede der rund 80 Ägäischen Inseln ihren ganz eigenen Charakter hat. Es gibt Inselzwerge, die ihren gut 100 Bewohnern nur 4 km2 Fläche bieten, aber auch Inselriesen wie das 1630 km2 große, eher dünn besiedelte Lesbos mit 85 000 Bewohnern und das 1398 km2 große Rhodos, wo fast 120 000 Menschen leben. Viele Inseln besitzen wunderschöne Sandstrände, aber es gibt auch Eilande mit überwiegend schroffen Steilküsten wie Síkinos und Samothráki, die mehr Seh- als Badevergnügen bieten. Doch auf allen Inseln erinnern nicht mehr genutzte Terrassen an den Berghängen daran, wie mühevoll es einst war, der überwiegend gebirgigen Landschaft eine Lebensgrundlage zu entlocken. Heute spielt die Landwirtschaft auf den Inseln bis auf Viehzucht, Wein- und Olivenanbau kaum noch eine Rolle, der Tourismus ist für viele Insulaner zum Haupterwerbszweig geworden. Die internationalen Reiseveranstalter machen ihnen freilich das Leben nicht leicht, denn insbesondere auf den großen Touristeninseln fördern Sie mit ihrem Bedarf an immer mehr All-inclusive-Hotels das Massensterben von kleinen Cafés, Pensionen und Tavernen. Erfreulicherweise gibt es aber auch bescheidene Ansätze für einen sanfteren Tourismus: Wanderferien auf Lesbos z. B., agrotouristische Unterkünfte wie die des Guest-Inn-Networks überall in Hellas oder das Tao’s-Zentrum auf Páros mit seinem großen Angebot an Yoga und Meditation.

So unterschiedlich wie die Natur und die Tourismusformen ist auch die Architektur auf den verschiedenen Inselgruppen der Ägäis. Im Archipel der Kykladen werden die Dörfer von weißen, würfelförmigen Flachdachhäusern geprägt, wobei das Dach die Funktion hat, das Regenwasser zu sammeln und in Zisternen zu leiten. Auch die regenarmen Inseln Pátmos, Astipálea und Skíros werden von dieser Kykladenarchitektur dominiert. Auf den übrigen Inseln der nördlichen und östlichen Ägäis – und auf der Kyklade Ándros – sind die Häuser aus Natursteinen oder in Fachwerktechnik gebaut und tragen Giebeldächer aus Schieferschindeln oder roten Ziegeln.

Die geschichtlichen Grundzüge sind hingegen für alle Inseln gleich. Seit mindestens 4000 Jahren werden sie von Griechen bewohnt. Im gerade vergangenen Jahrtausend prägten zahlreiche fremde Eroberer ihr heutiges Gesicht mit. Zunächst kamen Kreuzritter, Venezianer und Genuesen auf viele Inseln, während andere Eilande wie auch das Festland weiterhin dem Byzantinischen Reich angehörten. Dann folgten Jahrhunderte unter osmanischer Herrschaft. Die Kykladen und die Nördlichen Sporaden sind erst seit 1829 Teil des freien Hellas, die Inseln der Nord- und Ostägäis seit 1912. Rhodos, Pátmos, Kos und die übrigen Inseln des Dodekanes waren von 1912 bis 1943 sogar italienisch, bis sie 1947 Griechenland angegliedert wurden

In der Antike war jede Insel ein Staat für sich. Man huldigte denselben Göttern, sprach die gleiche Sprache und führte doch oft genug heftig Krieg gegeneinander. Erst unter Alexander dem Großen wurden die Inseln vor etwa 2300 Jahren erstmals einem einzigen Reich einverleibt, dessen Tradition die Römer und Byzantiner fortsetzten. Auf vielen Inseln haben die Archäologen antike Städte und Heiligtümer freigelegt, die heute zu den großen touristischen Attraktionen gehören. Mittelalterliche Burgen, Kirchen, Klöster, Wallfahrtsstätten und Moscheen ergänzen neben Hunderten von Museen die lange Liste der kulturellen Sehenswürdigkeiten. Immer mehr in den Vordergrund des (touristischen) Interesses rücken jetzt aber auch die großen Naturwunder der Ägäis: die einzigartigen Vulkaninseln Santorin und Níssiros etwa, der versteinerte Wald und die Thermalquellen auf Lesbos oder die Meeresfauna im Meeresnationalpark bei Alónissos. Auch die Industrie- und Wirtschaftsgeschichte findet inzwischen Beachtung – so wird sie im Olivenölmuseum auf Lesbos oder im Museum der Marmorgewinnung auf Tínos anschaulich.

Die Vielfalt der ägäischen Inselwelt ist schier unerschöpflich. Der griechische Schriftsteller Ilías Venésis hat perfekt in Worte gefasst, was der leidenschaftliche Inselspringer an sich selbst bemerkt hat: „Die Ägäis ist nicht nur Licht und Meer. Sie dringt ins Herz der Menschen ein, wird zuerst ein Schlag, dann wieder einer, bis sie zu allen Schlägen des Herzens wird.“

Weiter zu Kapitel 2

Der Bremer Reisejournalist Klaus Bötig bereist die ägäische Inselwelt seit 1973. Seitdem besucht er sie jährlich, kennt fast alle Dörfer, Klöster und Strände, viele Tavernen und Kaffeehäuser und schätzt die Vielseitigkeit der Inseln und ihre landschaftliche Schönheit. Bisher schrieb er rund 70 Bücher über Griechenland und berichtete in Rundfunksendungen, Zeitungen und Magazinen von seinen Reisen.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

Zur SZ-Startseite