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Reiseführer Golf von Neapel:Auftakt

Entdecken Sie den Golf von Neapel!

Wo auch immer Sie Ihre Reise an den Golf von Neapel beginnen - die schönste Einstimmung ist immer ein Weitblick auf den Golf: zum Beispiel von der Sorrentinischen Halbinsel aus, etwa von den Balkonen und Terrassen der prachtvollen alten Hotels, die sich auf dem Tuffsteinplateau von Sorrent hoch über das Meer erheben. Von hier schweift der Blick über den gesamten Golfbogen, auf die Bergkette der Monti Lattari, die sich ins Landesinnere zieht, dann auf den mächtigen Vulkankegel des Vesuvs, schließlich auf das Häusermeer der faszinierenden Metropole Neapel. Im Meerdunst sieht man schemenhaft die Inseln Ischia und Procida, Capri liegt dagegen verdeckt von der Spitze der Halbinsel Sorrents. Inseln der Verheißung und jede mit ganz eigenem Charakter.

Jenseits der Halbinsel von Sorrent beginnt die Costa Divina, die "Göttliche Küste" von Amalfi mit ihren Zitronenhainterrassen und den die Felsen hinabgestuften Dörfern aus ineinander verschachtelten Häusern in Rosa, Creme und Apricot, an denen sich leuchtend rote Bougainvilleen hochranken, seit Generationen von ungebrochenem Zauber. Auf den alten Wirtschaftswegen hoch über der Costiera Amalfitana zu wandern ist immer wieder ein Vergnügen. Hier liegen auch die schönsten Hotels. Gastfreundschaft hat an der Amalfitana eine lange Tradition. Im 19. Jh. wurden mittelalterliche Klöster und Adelspaläste zu edlen Bleiben umgewandelt. Heute wird das Übernachtungsangebot zeitgemäß um charmante Bed-&-Breakfast-Pensionen in Weinbergen oder ehemaligen Fischerhäusern bereichert. Die besten Restaurants finden sich wiederum auf der Sorrentinischen Halbinsel: Hier haben sich in den letzten Jahren einige hochkarätige Gourmettempel angesiedelt, die mit ihrer raffinierten, doch ganz mediterranen Küche Kampanien auch für anspruchsvolle Feinschmecker höchst attraktiv machen.

Dass es die Gartengötter mit dieser Gegend besonders gut gemeint haben, sieht man auch an den Märkten in den Orten und längs der Küstenstraße: überall Berge von Zitrusfrüchten, knackigen Artischocken, süßen Tomaten, vielerlei Gemüse, Aprikosen, Birnen, Trauben, Feigen, Mispeln, alles saftig und frisch gepflückt und ganz anders als im Supermarkt.

An die Amalfiküste schließt der Golf von Salerno an. Die uralte Hafenstadt hat sich in letzter Zeit sehr gemausert - Stararchitekten wie Zaha Hadid, Oriol Bohigas und Santiago Calatrava haben Zeichen gesetzt -, und sie bildet den Auftakt zum Cilento. Der Cilento ist die Entdeckung der letzten Jahre und ein positives Beispiel für das Zusammenspiel von geschützter Kultur- und vor allem Naturlandschaft und umweltverträglicher touristischer Entwicklung. Er beginnt mit Paestum, den wunderbar erhaltenen, antiken Göttertempeln in der Ebene des Flusses Sele, und erhebt sich dann zu stattlichen Bergmassiven mit Gipfeln bis knapp 1900 m Höhe.

Hier lernt man ein altes Bauernland kennen sowie eine Küste aus phantastischen Steinformationen und traumhaften Sandbuchten. Im Landesinnern können Sie in naturgeschützten Wäldern wandern, geheimnisvolle Grotten besuchen oder auf Bauernhöfen wohnen. An der Küste locken Campingplätze in Olivenhainen und Ferienanlagen am glasklaren Meer. Das ist genau der richtige Kontrast zum trubeligen Neapel.

Die vergangenen Jahre haben Neapel nur wenig gute Presse beschert - Müllskandal und blutige Camorrafehden sind die Stichworte. Dem politischkulturellen Aufschwung, der seit Mitte der 1990er-Jahre die Stadt erfasst, ist aber die Luft glücklicherweise nicht ausgegangen. Aus öffentlicher Hand gefördert und von engagierten Kulturinitiativen unterstützt, werden heruntergekommene Palazzi restauriert, die neuen U-Bahnhöfe in Galerien zeitgenössischer Kunst verwandelt, restaurierte Parks und Plätze wieder zu beliebten Treffs, wie die Piazza Bellini oder die weite Piazza del Plebiscito vor dem nicht minder eindrucksvollen Königspalast. Früher anarchischer Autoparkplatz, heute Bühne und Konzertarena unter freiem Himmel, ist sie täglich Kulisse von Hochzeitsfotografen, flanierenden Neapolitanern und Touristen sowie Spielplatz bolzender Kinder. Die Wahl des früheren Staatsanwalts Luigi De Magistris im Frühjahr 2011 zum Bürgermeister von Neapel hat viele positive Energien freigesetzt.

Das centro storico, die am dichtesten besiedelte Altstadt Europas, gehört immer noch seinen Bewohnern und nicht nur Banken und schicken Büros. Daran hat auch die Ernennung zum Unesco-Weltkulturerbe 1995 nichts geändert. Neapel ist eine lebendige Stadt und kein Museum. Das heißt aber auch: enge, heruntergekommene Straßenschluchten, die Stadtviertel wie die Quartieri Spagnoli oder Sanità durchziehen, mit Souterrainwohnungen ohne Tageslicht, bassi genannt, und kleinen Heiligenaltären - Lebensfülle ohne Idylle, dafür mit Herz und vor einer grandiosen Naturkulisse.

Heute florieren Ausstellungen und Konzerte, die großen neapolitanischen Museen wie das Schloss Capodimonte mit seiner berühmten Gemäldesammlung, das Archäologische Museum mit den Schätzen aus Pompeji, das sehenswerte Stadtmuseum mit den neapolitanischen Krippen in der alten Klosterkartause San Martino - sie alle sind neu geordnet und restauriert worden und ziehen Touristen in Scharen an. Mit Museen wie dem MADRE oder PAN hat auch die zeitgenössische Kunst Einzug am Golf gehalten. Und eine Gruppe von Amateurspeläologen hat die Unterwelt Neapels ausgekundschaftet: Zisternen, Höhlen, Tunnel im Tuffgestein noch aus der Zeit der Griechen und Römer, eine atemraubende Gegenwelt zu der Stadt oben im Tageslicht.

Die Neapolitaner lieben ihre Stadt. Immer wieder wird man jemandem begegnen, dem es ein Anliegen ist, dem Touristen einen verborgenen Schatz, eine Kapelle, einen besonders schönen Innenhof zu zeigen - oft mit ausgesucht höflicher Freundlichkeit. Diese stolze Höflichkeit verweist auf eine hochkulturelle Vergangenheit, auf das antike Griechentum, auf dessen eindrucksvolle Spuren Sie überall auf einer Reise durch Kampanien stoßen, wie auch auf Zeugnisse jener Zeit, in der Neapel über Jahrhunderte die Kapitale eines Königreichs war, mit einem prächtigen Hof und allem, was dazugehört.

Die Besiedlung der süditalienischen Küste durch Exilgriechen begann 770v. Chr., als die ersten auf Ischia landeten und die Kolonie Pithekussai gründeten. 45 Jahre später setzten sie bei Cuma aufs Festland über und gründeten Ansiedlungen im Gebiet Neapels. Im Hinterland Kampaniens siedeln zunächst die Etrusker und Volksstämme aus dem Apennin, später betreten die Römer die Bühne. Sie lassen sich von der Schönheit des Golfs, der Küste Kampaniens und der Inseln verzaubern und vom griechisch geprägten Geistesleben Neapels faszinieren: Überall entstehen Thermen und prächtige Badevillen.

Mit dem Untergang des Römischen Reichs zerbricht die politische Einheit Italiens, die Zeiten, in denen immer wieder neue Völker und fremde Herrscherdynastien in den Süden vordringen, beginnen. 1137 nehmen die Normannen Neapel ein. Mit ihnen wird der Grundstein eines feudal-zentralistischen Verwaltungsapparats in ganz Süditalien gelegt: zunächst unter den Anjou, dann unter dem Haus Aragón, schließlich unter den Bourbonen bis zur Nationalstaatsbildung Italiens 1861. Die Spuren großer Geschichte sind heute Sehenswürdigkeiten von Weltrang, darunter zahlreiche Unesco-Stätten, aber auch Natur- und Nationalparks und lebendige Städte wollen neu entdeckt werden.

Die Probleme Neapels - Arbeitslosigkeit, organisiertes Verbrechen, gnadenlose Zersiedelung, Umweltbelastung, Verkehrschaos - sind nach wie vor groß. Aber wer an den Golf von Neapel reist, sucht das Leben mit all seinen Widersprüchen und nicht nur den Liegestuhl.

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Peter Amann bereist Italien schon sein halbes Leben. Egal, ob er Besucher durch den Süden führt, fotografiert oder für Reiseführer recherchiert - er begibt sich mit ungebrochener Neugier auf Streifzüge ins chaotische Neapel, in die Amalfitana oder zu den Slow-Food-Genüssen im Cilento. Dort hat er Wurzeln geschlagen und legt bei Paestum mit seiner Lebensgefährtin einen Landschaftsgarten an.

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Quelle: www.marcopolo.de