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Nachfolge von Kardinal Marx:"Georg, jetzt bist du dran"

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Auf Reinhard Marx (l.) folgt Georg Bätzing (r.) an der Spitze der Bischofskonferenz. Er selbst sagt, er habe nicht mit seiner Wahl gerechnet.

(Foto: Michael Debets/imago images)

Die Deutsche Bischofskonferenz wählt überraschend den Limburger Georg Bätzing zu ihrem neuen Vorsitzenden. Ein Kompromisskandidat? Das hieße, den 58-Jährigen arg zu unterschätzen.

Von Matthias Drobinski, Mainz

Man unterschätzt Georg Bätzing leicht, wenn er da neben dem raumgreifenden Münchner Kardinal Reinhard Marx steht. Marx, der bisherige Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz sagt den wartenden Journalisten mit seiner rauen Stimme: "Wir haben da eine gute Wahl getroffen," und: "Georg, jetzt bist du dran." Bätzing, der Bischof von Limburg, hält die Hände vor dem schwarzen Anzug, die Fingerspitzen berühren sich. Würden sich jetzt noch die Daumen zueinandertrauen, wäre es die Merkel-Raute. Es ist doch gar keine große Sache, das Amt des Vorsitzenden anzutreten, sagt der 58-Jährige: "Man nimmt seine Tasche, der Kardinal rückt einen Stuhl nach rechts, man setzt sich hin und versucht, die Sitzung weiter zu leiten."

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Es sei ja auch nicht die Person wichtig. Wichtig seien die Themen, die anstünden: die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, die Frage der Entschädigungen. Der Synodale Weg, der Reformprozess der katholischen Kirche, wo Bischöfe und Kirchenvolk in Frankfurt tagen, das im Bistum Limburg liegt. Und dann der Ökumenische Kirchentag 2021 in Frankfurt, der bunten, weltoffenen Stadt. Ja, das sei ganz schön viel für einen, fügt er hinzu, aber es gebe in der Bischofskonferenz genug Expertise, um die Aufgaben zu verteilen. Italienisch könne er zum Beispiel nicht, da gebe es Geeignetere für die Kontakte nach Rom. Sagt's und schaut Marx an, der Papst Franziskus im Kardinalsrat berät.

Mit einfacher Mehrheit, also frühestens im dritten Wahlgang, haben die in Mainz versammelten Bischöfe und Weihbischöfe Georg Bätzing zum Nachfolger von Kardinal Marx gewählt, der überraschend nicht mehr angetreten war - zermürbt von den Konflikten mit der konservativen Minderheit. Bätzing gehörte im Vorfeld der Wahl eher zum erweiterten Favoritenkreis. Er galt vielen als zu zurückgenommen, ohne den Ehrgeiz, das Gesicht der katholischen Kirche sein zu wollen. Er selbst habe auf dem Weg von Limburg nach Mainz nicht mit seiner Wahl gerechnet, sagt er. Es klingt nicht nach einer Bescheidenheitsfloskel: Bätzing, der aus einer kleinbügerlich gut katholischen Familie stammt, hat sich halt in die Pflicht nehmen lassen, als es auf ihn zulief.

Ein klassischer Kompromisskandidat? Das hieße, den menschenzugewandten und gerne selbstironischen Mann arg zu unterschätzen. Als Georg Bätzing 2016 nach Limburg kam, hatte er eine geradezu unmögliche Aufgabe vor sich: Er sollte das nach dem Rücktritt des selbstherrlichen Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst gespaltene Bistum mit seinen gut 600 000 Katholiken wieder einen. Das ist ihm zumindest so weit gelungen, dass die Wunden aus dem Streit vielleicht noch schmerzen, aber nicht mehr bluten. Er, der mit seinem kleinen Peugeot von Trier nach Limburg fuhr, wo er Generalvikar und davor Leiter der Priesterausbildung war, hat das mit seiner Fähigkeit geschafft, zuzuhören und sich selbst zurückzunehmen; mit seiner Gabe, verschiedene Meinungen gelten zu lassen, ohne die eigene zu verbergen.

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Er hat so ein eigenes Profil entwickelt, das ihn überhaupt nicht als den Kandidaten erscheinen lässt, der den Konservativen keinen Ärger bereitet und in Rom niemanden die Stirn runzeln lässt. Er stellte sich hinter Ansgar Wucherpfennig, den Rektor der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen, als der Ärger mit Rom hatte, weil er die kirchlichen Verdikte gegen eine gelebte Homosexualität angezweifelt hatte. Er machte sich konsequent an die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, der unter seinem Vorgänger stockte. Und er stellte sich als Gastgeber voll hinter den Synodalen Weg, auf dem er für eine "Weitung und Öffnung" der katholischen Sexuallehre plädierte. Bätzing steht für eine Kirche, die sich auf die Welt um sie herum einlässt, auch wenn das mal anstrengend wird.

Seine ersten Äußerungen lassen vermuten, dass er das auch als Bischofskonferenzvorsitzender tun wird. Ja, es gebe unter den Brüdern Richtungsstreit, sagt er unumwunden, warum sollte sich dort nicht abbilden, was in der gesamten Gesellschaft geschieht? Es komme aber darauf an, "mit hoher Wertschätzung für den anderen zu streiten". Ein Journalist will wissen, wie es mit dem Synodalen Weg weitergeht, wo doch Papst Franziskus einer Lockerung des Zölibats und der Weihe von Frauen eine Absage erteilt habe. "Ich lese das ganz anders als Sie", antwortet er. Was der Papst zur Inkulturation des Glaubens in die jeweilige Gesellschaft geschrieben habe, ermutige ihn. Und dass er nichts über den Zölibat und die Diakoninnenweihe gesagt habe, heiße ja nicht, dass man darüber nicht reden dürfe. Als ein Kollege nach seiner Meinung zu den rassistischen Morden in Hanau fragt, ist seine Antwort klar: "Wir müssen so stark, wie wir es bisher auch immer getan haben, gegen Rassismus und Hetze in unserem Land aufstehen", sagt er, "mit allen konstruktiven Kräften."

Am Abend zuvor hat beim Eröffnungsgottesdienst im Mainzer Dom noch einmal Kardinal Marx in einer emotionalen Predigt die Katholiken, die Bischöfe eingeschlossen, aufgefordert: "Haben wir den Mut, das hinter uns zu lassen, was nicht der Kern unseres Glaubens, was schal geworden ist!" Er hat den spontanen Applaus des Kirchenvolks erhalten. Nur die Opfer der sexuellen Gewalt, die hinten standen, wo das Kirchenschiff düster wird, schwiegen und hielten Plakate: "Verantwortung übernehmen heißt entschädigen!"

Bis Mittwoch wollen die Bischöfe sich auf ein Modell einigen, nach dem Betroffene von sexueller Gewalt in der Kirche Geld und Unterstützung erhalten sollen. Eine Kommission unter Beteiligung der Betroffenen schlägt, je nach Modell, Entschädigungen bis zu 300 000 oder 400 000 Euro pro Person vor; die meisten Bischöfe aber wollen so viel doch nicht zahlen. Eine Aufgabe, nicht kleiner als das Bistum Limburg zu befrieden.

© SZ vom 04.03.2020
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