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Anti-Corona-Demos:Wut, Kritik und Bergkristalle

Bild in neuer Seite öffnenDemonstrators Protest Against Coronavirus Restrictions And Policies

Bunte Mischung: Demonstranten auf dem Wasen in Stuttgart.

(Foto: Getty Images)

Nicht links, nicht rechts, nicht verschwörungstheoretisch, das sagen sie über sich selbst. Sie finden nicht alles gut, was da auf der Bühne gesagt wird, doch der Regierung misstrauen sie trotzdem. Was treibt die Menschen an, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren?

Von Ulrike Heidenreich, München und Claudia Henzler, Stuttgart

Frau Jonas hält ein bunt gestaltetes Plakat mit Blümchen hoch, darauf steht "Gegen Virus Blinder Gehorsam". Sie sagt, ihr Herz schlage weder rechts noch links, eine Impfgegnerin sei sie auch nicht und diese Verschwörungstheorien, nun ja, die seien ihr dann doch eher unheimlich.

Warum Johanna Jonas, 66, hier auf der Münchner Theresienwiese gegen die Corona-Einschränkungen demonstriert?

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"Ich finde die Abstandsregeln richtig, mir fehlt jedoch der soziale Kontakt - und wegen der Maskenpflicht sehe ich kein Lächeln mehr." Die pensionierte Sozialpädagogin hat vor wenigen Wochen einen Schicksalsschlag erlitten. Ihr Mann starb, es gab keine feierliche Beerdigung und aufgrund der Kontaktbeschränkungen saß sie mutterseelenallein in ihrer Wohnung. Normalerweise veranstaltet sie Singkreise und Tanzkurse für Senioren. Die fallen jetzt weg, so sind die Senioren einsam und Johanna Jonas auch. "Ich fürchte, dass das noch schlimmer kommt mit einer möglichen zweiten Welle", sagt sie. Und fügt trotzig hinzu: "Ich möchte nicht, dass jemand darüber entscheiden darf, wohin ich gehe."

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An diesem Wochenende, an dem die Bundesliga mit Geisterspielen startet, in einer Zeit, in der nach und nach Auflagen gelockert und Grenzen geöffnet werden, finden sich Tausende Menschen in deutschen Städten zusammen, um gegen die Corona-Einschränkungen zu demonstrieren. Stuttgart, München, Hamburg, Frankfurt, Berlin, das sind die größten Kundgebungen, hinzu kommen viele in kleineren Städten. Allein in Bayern sind 50 Versammlungen angemeldet, Hunderte weitere sind es bundesweit.

In München strömen die Menschen aus der U-Bahn in Richtung Theresienwiese, dort, wo Mitte September das Oktoberfest stattgefunden hätte, gäbe es die Pandemie nicht. Manche Demonstranten tragen Maske, andere nicht. "Die Maske - Mundschutz oder Maulkorb?", das ist einer der Slogans, unter denen die Teilnehmer hier auf die Straßen gehen.

Lehren aus der Massenversammlung am Marienplatz

Eigentlich hatten die Veranstalter in München 10 000 Menschen versammeln wollen. Aus Infektionsschutzgründen schritten die Behörden ein, genehmigten nur 1000 Teilnehmer. In Stuttgart hatten die Organisatoren gar 500 000 Demonstranten angemeldet, genehmigt wurden 5000. Eine schwierige Abwägung mit dem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. Eine Woche zuvor war in München eine Kundgebung aus dem Ruder gelaufen. 3000 Menschen, die gegen die aus ihrer Sicht zu strikten Corona-Regelungen protestierten, drängten sich auf dem Marienplatz im Stadtzentrum, angemeldet waren 80. Abstandsregeln wurden nicht eingehalten, die Polizei entschied sich trotzdem, nicht einzugreifen, was ihr Kritik eingebracht hatte.

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An diesem Samstag in München: Etwa 1000 Beamte im Einsatz, eine Null-Toleranz-Strategie, 500 Euro Bußgeld bei Missachtung der Auflagen, das hatte die Polizei vorher angekündigt. Die genehmigte Versammlungsfläche ist dann am Nachmittag schon vor Demo-Beginn voll, außerhalb der Absperrungen reihen sich noch einmal 2500 Leute auf. Weil einige zu eng beieinanderstehen, drängt die Polizei sie weg.

Auf der Theresienwiese selbst wachen Ordner über die Einhaltung des Mindestabstands: Weiße Klebekreuze auf dem Rasen markieren die regelkonformen Standpunkte der Teilnehmer. Auf der Bühne spielt eine Band, erst den Song "Aquarius" aus dem Hippie-Musical Hair und dann das schöne Volkslied "Die Gedanken sind frei".

Akkurat im Abstand zu einem Flatterband wartet eine Dame mit einem sehr großen Plakat, darauf unter anderem der Satz: "Ich wünsche uns allen Respekt voreinander und dass wir unser Recht auf ein eigenständiges Denken, auf Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung auch in der Krise nutzen". Ihren Namen will die 53-Jährige besser nicht sagen ("Schlecht für mein Dorfkarma."), nur dass sie aus Buchloe im Allgäu kommt und als Angestellte in der Gesundheitsprävention arbeitet.

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Sie ist mit dem Auto nach München gefahren. "Mit dem großen Plakat habe ich mich nicht in den Zug getraut". Dreimal sei sie auf dem Weg vom Parkplatz bis zur Theresienwiese angepöbelt worden. Noch nie zuvor war sie auf einer Demo. Noch nie zuvor habe sie sich politisch engagiert. Aber jetzt ist sie hierher gekommen. "Das Zwischenmenschliche hat sich verändert, innerhalb von nur acht Wochen werden wir in Kluge und Dumme unterteilt. Es gibt keine wohlwollenden Gespräche mehr, man muss sich immer auf eine Seite schlagen."

Wie kann das besser werden? "Wir müssen vom Wegsperren wegkommen, wir brauchen Zwischenlösungen, Lockerungen mit Hirn."

Wie sie sich informiert? "Tagesschau, Internet. Aber ich weiß nicht, ob das alles auch stimmt, was ich da höre."

Durchsage an alle Verschwörungstheoretiker

Apropos Zugfahren und öffentliche Verkehrsmittel: Am Wochenende sorgte die Durchsage eines ICE-Zugbegleiters für Furore. Als "Hinweis an alle Verschwörungstheoretiker bei uns an Bord" sagte er mit Verweis auf die Maskenpflicht im Zug: "Denken Sie bitte daran, dass die Bundesregierung heimlich Speichelproben sammelt, um Klone von Ihnen zu produzieren, die Sie dann ersetzen sollen."

Irgendjemand hat ein Video mit der Durchsage auf Twitter gestellt, es wurde geteilt wie verrückt. Aber darf man das? Sich lustig machen, sich auf diese Weise erheben, über diejenigen, die zweifeln an der Strategie der Regierung, die den Überblick verloren haben bei all den Maßnahmen gegen die Pandemie. Wie kommt das Zugbegleiter-Video an, bei denjenigen, die keine harten Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretiker sind, sondern einfach nur mitlaufen auf der Theresienwiese und anderswo?

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Kilian, gerade 18 Jahre alt geworden, beschwert sich, dass er als Linker, Rechter oder Verschwörungstheoretiker verunglimpft werde, nur weil er an dieser Demo teilnehme. Er macht kommendes Jahr Abitur, trägt einen Button mit der Aufschrift "Für Freiheit und Selbstbestimmung" und hat seine Mutter Susanna mitgebracht. Sein Anliegen: "Ein Immunitätsausweis schafft zwei Gesellschaften, das ist ungerecht. Die Impfpflicht sehe ich als Körperverletzung. Die Tracking-Apps sind ein schlimmes Instrument der Politik."

Was steckt hinter den Freiheitseinschränkungen, die Bund und Länder beschlossen haben? Kilian und seine Mutter überlegen: "Keine Ahnung. Vielleicht fließt da Geld von der Pharmaindustrie. Es wird versteckt, was wirklich dahintersteckt." Wie sich der Schüler Kilian informiert? "Ich sehe mir die Livestreams von Corona-Demos von Carolin Matthie auf Youtube an." Die Berliner Influencerin Matthie, 27, ist Nachwuchs-Hoffnung der AfD.

Gesicherte Fakten vermengen sich mit Gerüchten

Demo-Teilnehmer wie Johanna Jonas, Kilian und die Frau aus Buchloe wissen, dass um sie herum an diesem Tag viele Menschen ernsthaft davon überzeugt sind, dass die Bundesregierung die Pandemie nutzt, um die Bevölkerung in Deutschland zu unterdrücken. Dass Bill Gates und seine Helfer das Virus gezüchtet haben und eine Impfdiktatur planen. Dass Medien und Künstler eine satanistische Weltverschwörung planten. Sie wissen, dass sich zum Beispiel in Berlin Menschen unter die Demonstranten mischten, die Kopien von Judensternen mit der Aufschrift "Ungeimpft" trugen, Demonstranten also, die den Holocaust relativieren und seine Opfer verhöhnen. Sie wissen, dass immer die Gefahr besteht, dass rechtsradikale und linksradikale Gruppen mit Transparenten die Demos kapern. Kilian zuckt ratlos mit den Schultern, schaut sich um und sagt: "Es sollten noch mehr Menschen demonstrieren, weltweit."

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Zu den Demonstranten, die gegen die Corona-Beschränkungen protestieren, gesellen sich am Rand auch Menschen, die sehr wohl davon überzeugt sind, dass die Maßnahmen der Regierung im Kern richtig sind. Sie versuchen mit Fakten dagegenzuhalten. Sie verstehen nicht, wie man ernsthaft glauben kann, Covid-19 sei nicht gefährlich.

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Und die, die hier demonstrieren, verstehen nicht, warum die Mehrheit so klaglos Beschränkungen ihres täglichen Lebens hinnimmt. Verfolgt man die Diskussionen, die meist in gebührendem Abstand voneinander und mit angehobener Lautstärke geführt werden, wird klar, warum diese Debatte überall, auf der ganzen Welt, so unendlich schwierig ist. Gesicherte Fakten und kritischer Geist vermengen sich mit Gerüchten, Theorien, puren Erfindungen - und mit Aggression.

Ziemlich entspannt hockt hingegen ein Elternpaar mit fünf Kindern, zwischen fünf und 13 Jahren alt, vor der Bühne. Am bunten Plakat haben offensichtlich alle mitgebastelt: "Distancing kostet Lebenszeit von Jung & Alt" steht drauf. Der Mann ist Buchhalter, seine Frau Beamtin, sie bleiben auch lieber namenlos. Sie unterhalten sich angeregt mit den Nachbarn. Warum sind all die Leute hier? Muss da mal etwas raus, was schon immer rausmusste? Sind das hier nun Versprengte oder ist dies der Anfang einer neuen Bewegung? Der Buchhalter sagt: "Wir sind alle bestens informiert, ich zum Beispiel lese die FAZ." Sein Antrieb: "Ich will nicht die Selbstverantwortung abgeben an den Staat und eintauschen gegen Sicherheit."

Auf dem Cannstatter Volksfestplatz verteilen sie "positiv geladene Bergkristalle"

Auf dem Platz wird viel gefilmt und fotografiert. Vielleicht finden sich einige Bilder der Gutmeinenden hier ja wieder auf Youtube, wo zum Beispiel die Verschwörungstheoretiker der amerikanischen QAnon-Bewegung regelmäßig Filme produzieren, unterlegt mit pathetischer Musik, die das "Große weltweite Erwachen" bebildern sollen. Deutschland ist da eine Fundgrube, denn im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist man hier mit Kundgebungen jedweder Couleur aktiver.

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Vielleicht werden ja auch Aufnahmen aus Stuttgart daruntersein - hier findet an diesem Samstag auf dem Cannstatter Volksfestplatz schon die dritte Großdemo seit Ausbruch der Pandemie statt. Frauen und Männer in gelben Warnwesten verteilen "positiv geladene Bergkristalle". Ein älterer Mann mit Bart steigt von seinem Rad ab, den Helm noch auf den Kopf und liest sich durch, welche Regeln für die Demonstration gelten - 2,50 Meter Abstand zwischen den einzelnen Grüppchen zum Beispiel: "Das dient nur dazu, die Leute zu verarschen", schimpft er und schiebt sein Rad an der Absperrung vorbei. "Dieses SED-Weib", er meint die Kanzlerin, "gehört weg." Die Bergkristalle lässt er liegen.

Medien mögen die Organisatoren von der Initiative "Querdenken 711" nicht besonders gerne. Veranstalter Michael Ballweg, ein IT-Unternehmer aus Stuttgart, der bis zur Corona-Krise nicht politisch aufgetreten war, beginnt seine Rede wie schon beim letzten Mal mit einer ausführlichen Medienschelte. Ballweg wirft den Journalisten unter anderem vor, alle Demonstrationsteilnehmer in einen Topf zu werfen und als Verschwörungstheoretiker und Spinner zu bezeichnen. Wenn Reporter Demonstranten fragen, warum sie heute auf dem Wasen sind, haben viele keine Lust, etwas zu sagen. Ein Mann, der auf sein weißes Poloshirt die Worte "Widerstand gegen blinden Gehorsam. Denke selbst und handle danach", gedruckt hat, blafft nur: "Denken Sie sich doch was aus, das machen Sie doch sonst auch."

Die Menge auf dem Wasen-Gelände ist bunt. Die Veranstalter haben eine Teilfläche mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, um den Bereich zu markieren, in dem die genehmigten 5000 Teilnehmer Platz finden. Viele Leute haben Picknickdecken und Campingstühle mitgebracht. Sie verteilen sich locker auf der Fläche. Ob es tatsächlich 5000 sind, ist schwer zu sagen, weil die Abstände so groß sind. Jedenfalls lässt die Polizei kurz nach Beginn keine weiteren Besucher aufs Gelände. Auf Anregung von Ballweg melden sie deshalb in der angrenzenden Straße eine weitere Spontanversammlung an - die Polizei hatte das wohl kommen sehen und die Straße vorher eigens gesperrt.

Die Alternative: das schwedische Modell

Einige Besucher haben Kinder mitgebracht, die meisten Demonstrationsteilnehmer sind jenseits der 40, viele deutlich älter. Jugendliche und junge Erwachsene sieht man nur wenige. Einer von ihnen ist aus Tübingen angereist und hat sich mit einer Freundin auf einer karierten Decke niedergelassen. Er studiert Mikrobiologie und ist nicht der Ansicht, dass das Coronavirus völlig ungefährlich ist. Ihn stört aber, "dass mir die Regierung momentan deutlich zu autoritär ist." Es werde zu stark mit Einschüchterung gearbeitet. Eine Alternative wäre für ihn das schwedische Modell, wo die Bürger freiwillig Abstand halten.

Auch wenn die Menge jubelt, wenn per Videoeinspielung der Arzt Wolfgang Wodarg gezeigt wird und Dinge sagt, die nachweislich falsch sind, etwa, dass das Coronavirus ungefährlicher sei als die Grippe und dass man gar nicht merken würde, dass das Virus sich verbreite, wenn es keinen Test dafür gäbe. Nicht jeder Demonstrationsteilnehmer hier steht hinter allem, was auf der Bühne gesagt wird. Es grummelt hier und dort.

Zwei Frauen, die sich als Andrea, 56, und Maria, 57, vorstellen und gut 20 Kilometer von Stuttgart entfernt wohnen, wünschen sich vor allem "mehr Transparenz" und "mehr Aufklärung". Dass sich bei der Diskussion um die Corona-Schutzmaßnahmen plötzlich tiefe Gräben im Bekanntenkreis auftun, das beunruhigt Andrea. "Die Leute sind einfach total irritiert", sagt sie. In ihrem Bekanntenkreis wüssten viele nicht mehr, was sie nun dürfen und was nicht. Beide wollen, "dass die Leute achtsamer miteinander umgehen." Am häufigsten sind auf dem Wasen Schilder zu sehen, die sich gegen eine Impfpflicht aussprechen. Andrea und Maria jedoch haben sich Pappschilder umgehängt, auf denen ist ein großes Herz aufgemalt und die Worte "Licht, Liebe" und "Freiheit, Frieden".

© SZ.de/olkl
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