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Willkommen im Klub:Per Post durch die Galaxis

Das Archiv der Astronomie- und Raumfahrt-Philatelie in Garching wurde von Briefmarkenfreunden gegründet. Dann stießen Fans der Science-Fiction-Romanserie "Perry Rhodan" dazu

Gerhard Pfeiffer hat keine Berührungsängste. Den 64-jährigen pensionierten Polizeihauptkommissar aus Garching schrecken keine grüngesichtigen Figuren mit Rüsselnasen und keine stolzen Prinzessinnen namens Zara dal Zoltral. In Pfeiffers Leben ist Platz für ein ganzes Perryversum, seit er mit 14 Jahren angefangen hat, die Science-Fiction-Romane der "Perry Rhodan"-Serie zu lesen. Sein Lieblingsheld ist Atlan, ein Arkonide, auch "Kristallprinz" genannt. Doch das beschreibt nur eine Seite seiner Faszination für den Weltraum. Er ist seit 31 Jahren Vorsitzender des Archivs der Astronomie- und Raumfahrt-Philatelie in Garching. Das lässt erahnen: Hinter seinem Faible steckt mehr als Fantasterei. Und zwar viel, viel mehr. Denn auch mit der Philatelie, also dem Briefmarkensammeln, und dem Verweis aufs Archivwesen ist unzureichend beschrieben, was Pfeiffer und die anderen des am 10. Mai 1987 offiziell gegründeten Vereins machen.

Bei den ersten Garchinger Weltraumtagen jedenfalls, die der Verein 1990 im Bürgerhaus ausrichtete, wurden an drei Tagen 5000 Besucher gezählt. Mit dem Kosmonauten Sigmund Jähn und dem Astronauten Ernst Messerschmid waren zwei anwesend, die für die DDR und die BRD in den Siebziger- und Achtzigerjahren ins All geflogen waren. Bei den Weltraumtagen traten Wissenschaftler auf. Der Präsident der Deutschen Agentur für Raumfahrttechnik, Wolfgang Wild, hielt Vorträge. Die 14-jährige Annelie Schuster, Tochter des Bürgerhaus-Hausmeisters, schlüpfte in Jähns Kosmonautenkluft, weil der Anzug des schmächtigen Kosmonauten ihr gerade so passte. Beim jüngsten Garching Con, wie die Veranstaltung heute heißt, wurde über die Raumzeitfalte referiert und über die Planeten im Perryversum.

Briefmarken, ein Kosmonaut und der Serienheld Perry Rhodan: Wie passt das zusammen? Als Weltraumbegeisterte 1986 erstmals zusammenkamen und den Vorläuferverein des Archivs gründeten, ging es vorrangig um Briefmarken mit Weltraummotiven. Wobei: "Das wichtigste sind die Stempel", sagt Pfeiffer, "die sind ein Stück Geschichte." Weltweit sammeln Menschen Marken mit Sonderstempeln, um mit Datum Ereignisse der Raumfahrt wie die Apollo-Missionen oder Space-Shuttle-Starts zu dokumentieren. In Garching blieb es nicht dabei. Die Universitätsstadt ist Sitz der Max-Planck-Institute für extraterrestrische Physik und für Astrophysik. Der Landkreis überhaupt war auch 1990 schon ein Hotspot der Raumfahrttechnologie. Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) in Ottobrunn schaltete 1990 im Programmheft der Weltraumtage in Garching eine Anzeige, in der das Unternehmen den Raumgleiter Sänger anpries, mit dem die europäische Raumfahrt noch vor dem Jahr 2010 "autonomen Zugang zum Weltraum von eigenen Flughäfen" erlangen würde.

Beim Archiv für Raumfahrt-Philatelie saßen jedenfalls bald nicht nur begeisterte Laien wie Pfeiffer und sein Polizei-Kollege Dieter Wengenmayr unter sich, der den Anstoß zur Vereinsgründung 1987 gegeben hatte. Es stießen Wissenschaftler und Ingenieure dazu, die berufliches Interesse mit einem Hobby verbanden. Manche Diskussion an Vereinsabenden kreiste ganz ernsthaft darum, wie Raumschiffe gestaltet sein müssten, um ferne Galaxien zu erreichen.

Ernst-Ellert-Stammtisch

Es ist Donnerstagabend im August. Knapp 20 Fans der Perry-Rhodan-Romanserie sitzen in einem Gastraum der St.-Benno-Einkehr an der Stadelheimer Straße in Obergiesing beisammen. Auf einem Tisch steht, als handelte es sich um das Treffen eines Sportvereins, ein Wimpel, auf dem als eine Art Vereinswappen das Konterfei von Perry Rhodan mit Raumfahrerhelm zu sehen ist. Auf den Tischen liegen Bücher zu Science-Fiction-Themen. Mittendrin ist Jürgen Müller, 42, Schriftführer des Garchinger Archivs für Astronomie- und Weltraum-Philatelie, bei dem er sich von klein auf engagiert. Er erzählt, wie sich das Archiv hin zum Populären geöffnet hat, um mehr Menschen anzusprechen, was damals in den Neunzigerjahren dazu führte, dass sich ein anderer Weltraumphilatelie-Verein abspaltete, der sich weiter rein wissenschaftlichen Themen verschrieb. Namensgeber des "Münchner Perry Rhodan Stammtischs Ernst Ellert" ist übrigens ein fiktiver Münchner, der als Romanfigur in der seit 1961 wöchentlich erschienenen deutschen Sci-Fi-Serie eine Rolle spielt. Ellert steht dafür, wie eng Wirklichkeit und Fantasie in der Welt von Perry Rhodan ineinanderfließen. Ellert ist der Saga nach 1940 geboren und ein Charakter, der sicher gerne in der St.-Benno-Einkehr gesessen wäre. Er war einer Beschreibung nach Spätaufsteher, traf sich einmal in der Woche mit seinen Freunden, bevor er 1972 starb und für klinisch tot erklärt wurde - um seither als Held mit der Fähigkeit zu Zeitreisen durch den Kosmos zu geistern. belo

Im Jahr 1992 übernahm der Verein die "Cosmos-Chronik" des "Philatelistenverbands im Kulturbund der ehemaligen DDR". Noch heute werden diese Dokumente aufbewahrt. Doch beim Archivieren alleine blieb es nicht. Man öffnete sich hin zur Szene, die sich um die Science-Fiction-Serie "Perry Rhodan" gebildet hatte. "Man muss mit der Zeit gehen", sagt dazu Pfeiffer. Im Jahr 1996 fanden die Garchinger Weltraumtage verbunden mit dem ersten "Perry Rhodan"-Con statt. Veranstalter des Garching Cons ist heute das Archiv, organisiert wird das Ereignis aber von den "Perry Rhodan"-Leuten. Regelmäßig sitzen die Weltraumfreunde beim "Perry Rhodan"-Stammtisch Ernst Ellert in der Benno-Einkehr in Obergiesing zusammen.

Der Charakter der Weltraumtage hat sich geändert. Als wegen der Sperrung des Bürgerhauses in Garching, das derzeit umgebaut wird, der Garching Con Anfang Juni im Kulturzentrum Trudering über die Bühne ging, dominierten klar die Fans der Science-Fiction-Serie. Eine Menge Autoren der "Perry Rhodan"-Reihe waren anwesend. Die Besucher verkleiden sich als Außerirdische. Hinter all dem Fantasytrubel wirkt aber immer noch jemand wie Gerhard Pfeiffer, der erzählt, dass bei den Weltraumtagen stets eigene Stempel angefertigt würden, mit denen jeder seine Marken abstempeln lassen könne. Auf dem letzten Stempel waren zwei Außerirdische zu sehen, zwei Aliens mit Fühlern, lässige Typen wie Comicfiguren mit verschränkten Armen. Die Gründung des Archivs am 10. Mai 1987 dokumentiert ein Stempel, der die russische Raumstation Mir zeigt.

Aber auch vor Jahren musste kein Satellit ins All geschossen werden, um einen Stempel anfertigen zu lassen. Die Stadterhebung in Garching war ein Anlass, und die 1100-Jahr-Feier 2015. Auf dem Stempel war damals statt eines Außerirdischen eine Skizze von Gowirich abgebildet, dem Ahnherrn der Garchinger.

Gerhard Pfeiffer erzählt von Malwettbewerben, bei denen die Kinder in Garching Weltraumthemen umsetzten und von Bastelaktionen, bei denen kleine Raketen entstanden, die hinter dem Bürgerhaus gestartet wurden. Er selbst ist ruhiger geworden. "Früher war ich mit Leidenschaft dabei, mit zunehmendem Alter lässt das nach", sagt er. Pfeiffer ist gesundheitlich angeschlagen, er ist nicht mehr in vorderer Front aktiv im Verein. Ans Aufhören denkt er nicht. Der nächste Garching Con soll wieder in Garching stattfinden. Das wird wieder ein Riesending, ist er sich sicher. "Wir brauchen das ganze Bürgerhaus", sagt er. In Kürze werde man sich zusammensetzen und planen. Ob es Außerirdische gibt? Für Gerhard Pfeiffer ist das keine Frage. Es fehle nur an den Beweisen.