Von Markus C. Schulte von Drach

Geburten, Verbrechen und Selbstmorde häufen sich angeblich bei Vollmond. Und auch auf Hygiene, Diäten und sogar Investitionen soll der Mond einen Einfluss haben. Was ist dran? Ein Interview mit dem Soziologen Edgar Wunder von der Universität Heidelberg.

sueddeutsche.de: Gesichtspflege nach dem Mond – diese Meldung war kürzlich bei Yahoo im Ressort Wissenschaft zu lesen. Demnach soll „spezielle Pflege durch Peelings sowie das Entfernen von Mitessern und Pickeln besonders bei zunehmendem Mond und Vollmond gelingen.“ Dann, so war dort zu lesen, sei die Haut gut durchblutet, feucht und prall. Was halten Sie davon?

Wunder: Vor einigen Jahren hat das Freiöl-Institut in Nürnberg mal eine repräsentative Bevölkerungsumfrage in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, wieviele Deutsche an einen Einfluss des Mondes unter anderem auf die Hygiene glauben.

Vielleicht wollte man damit feststellen, ob man eine Haut-Creme als „Mond-Creme“ besser verkaufen kann. Der Umfrage zufolge glauben immerhin etwa acht Prozent an einen Einfluss auf die Haut.

Vollmond

Besser Radfahren bei Vollmond? (Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Und nun kommt eine solche Meldung, die genau das behauptet. Wo soll denn der Mond sonst noch überall Einfluss haben?

Wunder: Die Zahl der angeblichen Einflüsse ist schier unendlich.

sueddeutsche.de: Einige Beispiele?

Wunder: Das fängt an bei den Ergebnissen von politischen Wahlen. Wichtig ist der Mond angeblich auch für den Ausgang von Fußballspielen. Das geistert jedenfalls immer wieder durch die Boulevard-Blätter.

Allgemein lassen sich die allermeisten behaupteten Einflüsse auf drei große Bereiche aufteilen: Den Gesundheits-Bereich, den Haushalt und den Wellness- bzw. Fitness-Bereich. Da haben vor allem die Autoren Johanna Paungger und Thomas Poppe mit ihrem Mond-Beststeller „Vom richtigen Zeitpunkt“ Anfang der 90er Jahre einen Trend gesetzt.

Dann gibt es noch einen weiteren Bereich, in dem es gewissermaßen um statistische Zusammenhänge geht. Da wird etwa behauptet, dass es eine höhere Selbstmordrate bei Vollmond gibt, mehr Geburten, mehr Verbrechen, mehr Verkehrsunfälle, mehr Einlieferungen in psychiatrische Anstalten, mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge und so weiter.

sueddeutsche.de: Bleiben wir bei den Ratschlägen, die uns helfen sollen, unser Leben im Einklang mit den Mondphasen zu leben. Hygiene nach dem Mond in Abhängigkeit von der Durchblutung der Haut. Was steckt dahinter?

Wunder: Die Grundlage der Behauptungen ist fast immer ein einfacher Analogie-Schluss: Was zunehmen soll, hängt mit dem zunehmenden Mond zusammen, was abnehmen soll, mit dem abnehmenden Mond. Wenn Sie Geld investieren wollen, dann sollten Sie das bei zunehmendem Mond tun – schließlich soll auch das Geld zunehmen.

Eine Diät sollten Sie natürlich bei abnehmendem Mond beginnen.

Auch der Kampf gegen eine Krankheit sollte demnach in dieser Zeit starten. Voll- und Neumond sind dann nur noch die Tage mit einer besonderen Intensität.

Natürlich lässt sich diese Logik häufig leicht umdrehen. Soll man nun seine Wäsche bei abnehmendem Mond waschen, weil dann auch der Schmutz abnimmt, oder bei zunehmendem Mond, damit die Sauberkeit zunimmt?

sueddeutsche.de: Und diese simple Logik steckt hinter diesen ganzen Ratgebern?

Wunder: Das wird zwar meist nicht explizit so formuliert, aber die Ratschläge laufen in der Regel nach diesem Prinzip ab.

sueddeutsche.de: Das Eingangs erwähnte Beispiel der Haut-Hygiene spiegelt das tatsächlich wieder: Bei Vollmond soll die Durchblutung besser sein. Gibt es Untersuchungen zu diesen Behauptungen?

Wunder: Zur Durchblutung im Zusammenhang mit der Mondphase gibt es zum Beispiel eine von Michael Schardtmüller, einem Chirurg aus Linz, und mir. Wir haben den Effekt des Mondes auf Blutungen bei Operationen überprüft, die von manchen Patienten befürchtet werden. Wir konnten allerdings keine Mond-Wirkung feststellen.

Ähnliche Studien gibt es inzwischen etwa zwei Dutzend – alle mit negativem Ergebnis.

sueddeutsche.de: Eingriffe sollten also nicht verschoben werden, weil gerade der Mond zunimmt und deshalb angeblich die Blutungs-Gefahr erhöht ist.


» Widerspruch ist zwecklos «

Wunder: Auch zu anderen Krankheits-Symptomen gibt es eine Reihe von sorgfältigen Untersuchungen – immer mit negativem Ergebnis.

sueddeutsche.de: Aber wie kommen denn diese Ratgeber dazu, ihre Logik mit einer solch großen Überzeugung anzuwenden? Stecken da nicht Erfahrungen dahinter, die sich mit Studien überprüfen lassen müssten?

Wunder: Die Argumentation ist ja immer wieder die, dass man selbst die Erfahrung machen muss. Die Autoren pflegen eine gewisse Wissenschafts-Ferne oder sogar –Feindlichkeit.

Es heißt da: „Ich habe das selbst erfahren. Wenn Sie es nicht glauben, dann haben Sie es offenbar nicht erfahren. Also sollten Sie sich mal endlich der Erfahrung aussetzen.“

Und Widerspruch ist zwecklos. Es gibt dort gar kein Interesse, die Behauptungen einmal systematisch zu überprüfen. Das ist aber notwendig, denn subjektive Eindrücke sind nicht sonderlich zuverlässig.

Die ursprüngliche Quelle von Paunggers Mond-Ratgeber ist übrigens lokale Mondfolklore aus dem Ötztal, die inzwischen mit Themen verbunden wird, die heute besonders in sind – Wellness, Gesundheit, Ernährung, Diät.

sueddeutsche.de: In der Wissenschaft gibt es offenbar kaum Bemühungen, diese Zusammenhänge zu überprüfen.

Wunder: Den meisten Wissenschaftlern erscheinen derartige Behauptungen als genauso absurd wie harmlos. Sie meinen, es lohne die Mühe nicht, sich damit überhaupt zu beschäftigen. Eine solche – letztlich dogmatische - Haltung sehe ich aber als ebenso fragwürdig an wie die Behauptungen selbst.

sueddeutsche.de: Kommen wir zu den statistischen Zusammenhängen: Mehr Geburten, mehr Selbstmorde, mehr Verkehrsunfälle bei Vollmond. Was ist da dran?

Wunder: Im Gegensatz zu den Ratgeber-Inhalten sind alle diese statistischen Behauptungen für Menschen sehr umfassend überprüft worden. Es gibt etliche fundierte Studien dazu – fast alle mit negativem Ergebnis.

sueddeutsche.de: Aber einige Studien weisen auf Zusammenhänge hin. In den 80er Jahren gab es zum Beispiel eine Untersuchung zu Geburten in Frankreich ...

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