Der neue Vorstandsvorsitzende von VW, Martin Winterkorn, attackiert den profitabelsten Autohersteller der Welt. Er will den Wolfsburger Konzern zudem gegen Heuschrecken-Angriffe verteidigen und setzt dabei auf die Hilfe von Porsche und Niedersachsen. Ein Interview von Michael Kuntz und Ulrich Schäfer

Träger des Verdienstordens der Republik Ungarn fuer sein besonderes Engagement bei der Entwicklung der ungarischen Automobilindustrie: Martin Winterkorn. Foto: ddp

Das Büro im 13. Stock der VW-Hauptverwaltung in Wolfsburg hat Martin Winterkorn schon bezogen, ein Haus bei Braunschweig sucht der bisherige Vorstandsvorsitzende von Audi noch. "Die Mitarbeiter wollen, dass der Chef in der Nähe wohnt", sagt Winterkorn. Erstmals nach seinem Wechsel an die VW-Spitze äußert er sich in einem Interview.

SZ: Herr Professor Winterkorn, die Medien bezeichnen Sie meist als Vasall von Ferdinand Piëch. Stört Sie das?

Winterkorn: Wenn dem tatsächlich so wäre, dann sicherlich. Aber ich arbeite mit Herrn Dr. Piëch seit fast 25 Jahren erfolgreich zusammen. Ich respektiere ihn sehr, denn er ist für mich einer der größten Automobil-Ingenieure, wenn nicht der größte. Auch als Audi-Chef habe ich seinen Rat immer sehr geschätzt.

SZ: Der Einfluss der Familien Porsche und Piëch auf VW nimmt zu. Ist das für Sie Fluch oder Segen?

Winterkorn: Dass wir Porsche und das Land Niedersachsen als große Anteilseigner haben, hilft uns dabei, Übernahmeversuche abzuwehren, die es in der Vergangenheit ja schon gab. Ich komme mit Porsche als Aktionär ganz hervorragend aus. Da haben wir ein hohes Maß an Kompetenz gewonnen. Mit Herrn Wiedeking und Herrn Härter zwei kompetente Automänner im Aufsichtsrat zu haben, ist ein großer Vorteil.

SZ: Wem fühlen Sie sich mehr verpflichtet: Porsche oder Niedersachsen?

Winterkorn: Beide Anteilseigner sind für das Unternehmen wichtig - und das mit verschiedener Ausprägung. Porsche orientiert sich sehr stark an unseren Geschäften. Niedersachsen ist daran interessiert, dass wir hier möglichst viele hochwertige Arbeitsplätze halten, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Schauen Sie auf andere Städte und Regionen, die über viele Jahre von der Automobilindustrie abhängig waren und dann von ihr verlassen wurden. Der schleichende Verfall des einstmals glänzenden Detroit ist ein Schreckensbeispiel dafür.

SZ: Am Dienstag verhandelt der Europäische Gerichtshof über das VW-Gesetz. Sollte er das Gesetz kippen, fallen dann die Heuschrecken über VW her?

Winterkorn: Nein, denn mit unseren zwei Hauptaktionären sind wir da auf der sicheren Seite. Außerdem: VW ist Gegenstand des Gesetzes und nicht Beteiligter an seinem Erhalt oder seiner Abschaffung. Dafür zuständig sind der deutsche und der europäische Gesetzgeber.

SZ: Sie haben nun drei Jobs zugleich: Sie sind Vorstandsvorsitzender, Markenchef von VW sowie Chef der Forschung und Entwicklung. Übernehmen Sie sich?

Winterkorn: Nein. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich mich als Vorstandsvorsitzender des Konzerns ganz besonders auch der Stammmarke Volkswagen und den damit verbundenen Aufgaben annehmen werde. Wenn die Marke VW erfolgreich ist, geht es auch dem Konzern gut. Und als Konzernentwickler gebe ich allen unseren Marken meine Aufmerksamkeit, denn unser Erfolg hängt unmittelbar von der Qualität und Faszination unserer Fahrzeuge ab.

SZ: Ihr Vorgänger war voll damit beschäftigt, den Konzern zu steuern. Der bisherige VW-Markenchef war damit ausgelastet, VW zu sanieren. Wie wollen Sie alles zugleich schaffen?

Winterkorn: Es gab nur in den letzten anderthalb Jahren einen eigenen Markenchef für die Marke Volkswagen - so wie früher schon einmal kurze Zeit Daniel Goeudevert. Sonst waren immer der Vorstandsvorsitz des Konzerns und die Marke in einer Hand. Wenn Sie hier in Wolfsburg für den Konzern arbeiten, müssen Sie sich auch ganz besonders um die Marke Volkswagen kümmern - das ist anspruchsvoll, das haben aber auch meine Vorgänger wie Dr. Piëch sehr erfolgreich geschafft.

SZ: Was war an der bisherigen Struktur falsch?

Winterkorn: Ich blicke ungern zurück. Lieber sage ich, was ich anders machen will. Wir haben die bisherigen Markengruppen aufgelöst und geben den Marken noch mehr Verantwortung in der Entwicklung, Produktion und Vermarktung ihrer Modelle. Wir werden zudem immense Kosten sparen, wenn wir das neue Produktionssystem von Audi, den modularen Längsbaukasten, bei dem bestimmte Module und Komponenten über die verschiedenen Baureihen hinweg eingesetzt werden können, konzernweit auch für kleinere Fahrzeuge adaptieren.

SZ: Verlieren Sie durch den Umbau an der Konzernspitze Zeit?

Winterkorn: Nein, wir gewinnen Zeit durch neue Abläufe, kürzere Wege, schnellere Entscheidungen, die richtigen Leute. Und das alles schon vier Wochen, nachdem wir hier angefangen haben.

SZ: Sie haben viele Leute aus Ihrer vertrauten Umgebung in Ingolstadt mitgebracht. Übernimmt Audi VW?

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