Von Andreas Burkert

Mario Gomez trifft wie zu alten Zeiten: Wie aus dem mutmaßlich größten Irrtum von Trainer Louis van Gaal wieder ein unumstrittener Eckpfeiler des Bayern-Ensembles wurde.

mario gomez afpBild vergrößern

Mario Gomez trifft wieder wie in alten Stuttgartern Zeiten. Foto: AFP

Früher um diese Zeit hat Mario Gomez die Ferien herbeigesehnt. "Eine Woche, zehn Tage vor dem letzten Spieltag", erzählt er, da habe ihn die Sehnsucht "nach Ruhe" übermannt. In diesem Jahr ist das allerdings anders, diesmal würde Gomez gerne auf die Weihnachtspause verzichten - wie wohl die meisten Bayern-Profis, die nach dem beschwerlichen Saisonstart zuletzt fünf Siege aneinander reihten.

Auch Gomez' Sturmpartner Ivica Olic hat ja am Donnerstag geklagt, es sei "schade, dass ich jetzt in die Winterpause gehen muss". Doch während der Kroate sich in Wahrheit wohl doch sehr freut auf den Familienurlaub in Florida, wie seine listiger Miene nahelegt, klingt Gomez' Bedauern überzeugend. Als würde er diesen Moment jetzt gerne festhalten wollen.

Mario Gomez, 24, ist neuerdings wieder Stammspieler in München, über die Zeit davor möchte er "eigentlich gar nicht mehr reden". Aber natürlich wagt er den Blick zurück dann doch, denn er gehört wohl zur Bewältigung eines Vorgangs, den er "so in meiner Karriere noch nicht erlebt habe". Es ist ja ständig nur bergauf gegangen mit diesem hochgradig veranlagten Stürmer, seitdem er im März 2004 sein Profidebüt unter dem damaligen Stuttgarter Coach Felix Magath gab (mit Ausnahme vielleicht der schwierigen Zeit unter dem VfB-Trainer Matthias Sammer). Fußballer des Jahres 2007 ist er gewesen. Mit 22. In bislang 137 Bundesligaspielen traf er 70 Mal.

Und dann kommt so jemand nach München und sitzt plötzlich auf der Bank?

Irgendwann wird Louis van Gaal den mutmaßlich größten Irrtum seiner Münchner Amtszeit mal erklären müssen. Das Verhältnis der Klublenker zum neuen Trainer belastete gerade diese Personalie zusätzlich, der Vorwurf der Kapitalvernichtung stand angesichts der Rekordablöse von 35 Millionen Euro im Raum. Doch zumindest Gomez hat dem Holländer inzwischen verziehen. Es sei eben insgesamt nicht gelaufen, sagt er, "dann hat der Trainer was verändert - und ich war einer der Leidtragenden".

Vom siebten Spieltag an hatte ihm van Gaal das Vertrauen entzogen, obwohl er damals bei sechs Pflichtspieltoren stand (jetzt sind es elf). Und wenn Gomez eingewechselt wurde, sprangen ihm die Bälle vom Fuß - nichts war mehr zu sehen von seiner Dynamik, Technik und dem Durchsetzungsvermögen, das ihn auszeichnet. Dabei habe er schon "versucht, mich anzubieten, und im Training konnte ich das auch wunderbar zeigen - aber im Spiel klappte es irgendwie nicht".

Es klingt immer sonderbar, wenn Berufsfußballer mitteilen, ihnen fehle das Vertrauen des Trainers. Doch dem sensiblen Menschen Gomez war die Wirkung des Liebesentzugs anzumerken, und heute sagt er: "Ich war schon sehr verunsichert." Die Familie und seine schwäbischen Freunde hat er ja auch nicht mehr so häufig sehen können wie noch in den Stuttgarter Zeiten, obwohl es nach Unlingen oder Neufra im schönen Donautal nicht viel weiter ist als ehedem. Zu viele Termine, sagt Gomez, der dieses Jahr nur ein Mal sonntags bei den alten Kumpels in der Bezirksliga hat zuschauen können.

Drei Euro Eintritt zahlen und entspannt eine Wurst essen, dieses Ambiente nutzte er früher oft als Refugium.

Fünf Tore in sechs Spielen

Mario Gomez betont, privat habe er sich seit dem Wechsel im Sommer gut in München zurecht gefunden; mit Andreas Ottl ist er eng befreundet. Doch niemand weiß, wie sich alles entwickelt hätte, hätte van Gaal nicht im Herbst mit dem permanent nörgelnden Italiener Luca Toni gebrochen: Just in dem Moment, als Gomez' Konkurrenz degradiert wurde, stattete er die Nummer 33 plötzlich mit einer Einsatzgarantie aus. "Der Trainer hat mit mir gesprochen", bestätigt Gomez, die Zusage habe bei ihm "einen Schub" ausgelöst. "Das war wie eine Befreiung."

Seitdem überzeugt Gomez nicht nur im Training. Gleich im ersten Spiel von Beginn an, gegen Tabellenführer Leverkusen (1:1), traf Gomez; fünf Tore in den zurückliegenden sechs Partien des Münchner Aufschwungs steuerte er bei. "Irgendwann hatte ich mich eben damit abgefunden", sagt Gomez über die tristen Wochen auf der Bank. Er habe - "ohne mich überschätzen zu wollen - sicher besser trainiert als die Konkurrenten".

Mario Gomez, das ist vernehmbar, klingt jetzt wieder ganz anders als noch im Herbst. Ob er Angst habe vor Barcelona, wenn an diesem Freitagmittag das Achtelfinale der Champions League ausgelost werde, hat ihn am Donnerstag jemand gefragt. "Warum sollten wir Angst haben?", entgegnete der Nationalspieler überrascht, im Sport brauche doch niemand Furcht haben. "Respekt schon. Aber keine Angst."

Im Video: In einem Interview hat der ehemalige Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann erneut die Vereinsführung des FC Bayern im Visier.

Weitere Videos finden Sie hier

(SZ vom 18.12.2009)