Von Andreas Burkert

Jürgen Klinsmann träumt nicht vor dem Rückspiel gegen Barcelona, aber er rechnet und weiß, dass dieses Spiel dennoch ein Gradmesser sein wird, wenn es um seinen Verbleib beim FC Bayern geht.

Jürgen Klinsmann

Jürgen Klinsmann vor dem Spiel gegen den FC Barcelona. Foto: dpa

Falls sie sich beim FC Bayern zuletzt nicht mehr ganz sicher gewesen sein sollten, was sie an Jürgen Klinsmann haben, so erhielten die Münchner zumindest am Ostermontag ein paar wertvolle Hinweise. Ob ihr Trainer samt Mannschaft höchsten internationalen Ansprüchen genüge, ist ja spätestens seit einer knappen Woche eine gute Frage, doch bei der Medienrunde am Tag vor dem Viertelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Barcelona punktete Klinsmann unwiderstehlich.

Auch ohne Übersetzung parierte er die Fragen der spanischen Delegation, und Philipp Lahm schaute zwischendurch tatsächlich auf zu seinem Trainer, als dieser in bestem Englisch parlierte und cool schloss mit seinem aktuellen Lebensmotto für diese ungemütlichen Tage mit "Kritik und Hieben": "Just ignore it!"

Vielleicht werden also am Dienstagabend vor dem Anpfiff doch mal wieder die Fotografen auch die Trainerbank der Gäste beehren. Josep Guardiola, den momentan umschwärmtesten Trainernovizen des Planeten, müssen sie zwar wegen dessen Sperre auf der Tribüne suchen.

Und trotzdem stehen diesmal ja neben einer schwäbischen Reizfigur auch andere Motive an der Seitenlinie zur Verfügung als noch am Ostersamstag; da konnten es sich der Neusser Trainersaurier Friedhelm Funkel und der Ersatzspieler Leony Kweuke aus Kamerun unbehelligt gemütlich machten - und eben nicht die juvenile Lichtgestalt Lionel Messi.

Alles, was irgendwie ein Objektiv tragen kann, schubste und drängelte also beim ultimativen Knüller gegen Eintracht Frankfurt vor der Bayern-Bank, als begebe sich Klinsmann nicht an seinen Arbeitsplatz. Sondern sogleich aufs Schafott. Es geht eben seit dem endzeitlichen 0:4 von Barcelona nicht mehr nur um Fußball; das Königlich Bayerische Amtsgericht klagt Klinsmann an, unter Vortäuschung falscher Tatsachen weitaus mehr Schuld auf sich geladen zu haben als einen Misserfolg im Europacup gegen den Trendsetter des Weltfußballs.

Das Selbstwertgefühl und die Ehre sind zerstört seit diesem Nullvier, "wir stecken alle in der Scheiße", formuliert es der kölsche Lyriker Lukas Podolski instinktsicher. Unter die Ankläger gesellte sich gar der für seine Urteilsschärfe einige Jahre geachtete Altstar Günter Netzer, der als Kolumnist meldete, Klinsmann sei mit "Arroganz und Selbstüberschätzung" bei den Bayern gescheitert.

Klinsmann hat das moderat erregt pariert ("Der war noch nie da und gibt Dinge von sich, von denen er letztlich keine Ahnung hat") und weiß dennoch, dass an seiner Lage auch ein Viernull gegen eine allenfalls physisch anwesende Eintracht nullkommanull verändert hat. Denn dem sommerlichen Vortrag bei diesem Trainerendspiel hatte Franck Ribéry mit seinem Winkelschuss nach nur 132 Sekunden jede Brisanz genommen, und nach dem nicht minder hübschen 2:0, das Luca Toni auf Ribérys frechen Freistoßheber volley folgen ließ, stammten die "Klinsmann-raus"-Gesänge lange Zeit von hessischen Kurvenstehern.

Eine gewisse Nervenstärke durften die Bayern also für sich reklamieren, auch der Trainer, dessen aufrechter Gang durch den Orkan der Kritik nicht allein das Ergebnis seiner intensiven Schulungen durch Personal Coaching ist. Klinsmann glaubt weiterhin an einen guten Ausgang der landesweit beachteten Seifenoper, notorisch kämpferisch und mit neuem Torwart (s. Text unten) möchte er sich jetzt endgültig nur dem "nackten Ergebnis" widmen. Nicht nur beim nächsten Knüller, am Samstag in Bielefeld.

Nicht noch ein Jahr Uefa-Pokal

Das Rückspiel gegen Barca hat er jedenfalls bei der Uefa nicht mehr absagen können. Überflüssig eigentlich, dachte man sich ja noch vor Tagen, was für ein lästiges Duell nach jener Partie, welche das bayerische Ego lange belasten wird. Doch Klinsmann hofft natürlich, dass auch der zweite Vergleich mit Barcelona in die Bewertung einfließen könnte, wenn in den nächsten Wochen der Richterspruch über seinen Verbleib ergeht. "Dieses Spiel ist ein Gradmesser für uns, um nach vorne schauen zu können", sagt er mutig, "die Träumerei, wir hauen denen vier oder fünf Dinger rein, haben wir aber trotzdem nicht."

Dennoch sind am Dienstag wohl deutlich mehr Argumente in eigener Sache zu sammeln als gegen Funkels fade Frankfurter. Niemand weiß ja, ob es das wirklich gibt: dass eine Mannschaft gegen ihren Trainer spielt. Zumindest gegen die Eintracht standen die Bayern-Profis ganz sicher nur sich selbst nahe, wie Kapitän Mark van Bommel bekannte: "Es sind nicht nur Endspiele für den Trainer, sondern auch für uns. Wir wollen Meister werden - noch ein Jahr Uefa-Pokal, das will ich nicht, das will die Mannschaft nicht und auch nicht der Verein."

Einstweilen will diese Zweckgemeinschaft also funktionieren und nun versuchen, das 0:4 von Camp Nou als "Ausrutscher geradezurücken", wie der genesene Linksverteidiger Lahm hofft. Die von den Seismographen des Transfermarktes angeblich registrierten Nachfolgekandidaten Frank Rijkaard (arbeitslos) oder Louis van Gaal (AZ Alkmaar) bleiben vorerst unerwünschte Personen. Vermutlich schauen aber auch sie bereits gebannt: nach Bielefeld.

(SZ vom 14.04.2009/jüsc)