Reisetipps Griechenland
Auftakt Griechenland
Was für ein Land!
Griechenland sprengt alle Klischees. Schöne Strände, antike Tempel, mittelalterliche Burgen und Klöster erwartet man. Die vielen Gebirge, wilden Schluchten, dichten Wälder, Höhlen, Flüsse und Seen überraschen die meisten Besucher. Pelikane und Adler gehören ebenso zur Fauna wie Wölfe und Bären, zur Kulturlandschaft zählen auch Moscheen und alte Industriearchitektur. Die Zahl stimmungsvoller kleiner Hotels wird immer größer, die regionale Küche gewinnt an Einfluss. Zum riesigen Wassersportangebot treten Outdoor-Aktivitäten wie Wintersport und Klettern, und zahllose Kulturfestivals füllen den Sommer.
Endlich Urlaub in Griechenland! Die einen freuen sich auf Sonne, Sirtáki und Strand, die anderen auf Theater, Tempel und Museen. Die Vorfreude ist berechtigt, denn das alles hat Griechenland zu bieten - und noch viel mehr.
Das Land, das Goethe mit der Seele suchte und für das Lord Byron sein Leben gab, ist eins der schönsten und abwechslungsreichsten Europas. Wer es durchquert, erlebt keine Stunde, in der nicht zumindest in der Ferne hohe Berge aufsteigen. Griechenland wird von endlos scheinenden Gebirgsketten durchzogen, von denen viele über 2000 m hoch sind. Ihre spärlich bewachsenen Hänge und Hochebenen sind wie vor Jahrtausenden das Reich der Hirten mit ihren Schafen und Ziegen.
Einige Berge sind eng mit der Mythologie verwoben. Auf dem Olymp (2917 m) hielten Zeus und die anderen elf olympischen Götter bei Nektar und Ambrosia ihre Ratsversammlungen ab; an den Hängen des Parnass (2458 m) tummelte sich der Wein- und Fruchtbarkeitsgott Dionysos mit seinem ausgelassenen Gefolge bei orgiastischen Vergnügungen. Heute laufen die Griechen in den Gebirgen im Winter Ski; im Sommer sind die Berglandschaften Ziel für Wanderer und Ruhe suchende Feriengäste.
Immer wieder durchbrochen wird die Bergwelt von grandiosen Schluchten oder kleinen und großen Ebenen, in denen Getreide und Mais, Baumwolle und Tabak wachsen. Vor allem im Norden sind die Flussmündungen wichtige europäische Vogelparadiese. Griechenlands Küsten sind über 15000 km lang, 4000 davon entfallen aufs Festland. Unzugängliche Steilküsten, manchmal durchsetzt mit nur von See her erreichbaren Strandbuchten, wechseln mit langen Sand- und Kiesstreifen ab, an denen sich buntes Badeleben entfaltet. Von den meisten dieser Strände aus sind aber wiederum die hohen Berge zu sehen, viele von Dezember bis in den Mai hinein schneebedeckt. Wasser und Land durchdringen sich in Hellas; man fühlt sich oft am Meer und im Gebirge zugleich. Ein Fünftel Griechenlands machen seine Inseln aus. Fast einhundert sind ständig bewohnt. Auf Kreta, der größten, lebt eine halbe Million Menschen, auf einigen der kleinsten sind es noch nicht einmal einhundert. Auch wer seinen Urlaub auf dem griechischen Festland geplant hat, kann einige Inseln besuchen. Nach Léfkas und Euböa führen Brücken, andere Inseln, wie Ägina, Póros und Hydra, sind bequem auf Tagestouren zu erreichen.
Die Griechen sind das älteste Kulturvolk Europas. Politiker, Dichter und Philosophen des antiken Griechenland haben die Grundlagen des europäischen Denkens geschaffen. Alle Epochen der über 5000-jährigen Geschichte Griechenlands haben im Land mehr oder minder deutliche Spuren hinterlassen. In den Ausgrabungsstätten stammen weit mehr Mauern und Säulen aus hellenistischer und römischer Zeit als aus dem klassischen Hellas. Oft sind sie auch mit frühchristlichen Monumenten überbaut; bereits der Apostel Paulus hatte ja die ersten christlichen Gemeinden auf europäischem Boden in Griechenland begründet. Byzantinische Kirchen und Klöster schließlich übertreffen die Zahl antiker Stätten bei weitem. Nur von den Türken gibt es wenige architektonische Spuren, auch, weil die Griechen viele von ihnen nach der Befreiung wütend zerstörten. Dafür ist der 500-jährige Einfluss der Türken auf vielen anderen Gebieten nicht zu übersehen. Die griechische und die türkische Küche ähneln sich sehr. Typisch griechische Musik klingt nicht wie Sirtáki, sondern hört sich für unsere Ohren oft wie türkische Musik an. Die historischen Trachten erinnern an die Kleidung, die auch anderswo im Osmanischen Reich getragen wurde. Und selbst in die Sprache sind türkische Wörter eingegangen. Es gibt freilich nicht wenige Stimmen, die meinen, dass die Türken all das, was sich in beiden Kulturen ähnelt, von den Griechen übernommen hätten oder aber, dass es gemeinsame Wurzeln in Byzanz gebe.
Nur ungern sprechen die Griechen über eine andere Folge ihrer so bewegten Geschichte: die ethnischen Minderheiten, die in Hellas leben. Urlaubern fallen mit Sicherheit die vielen Roma auf. Sie fahren mit großen und kleinen Lastwagen durchs ganze Land, verkaufen Melonen und Eier, Teppiche, Haushaltswaren und Plastikstühle. Im Nordosten Griechenlands, insbesondere in Thrakien, leben noch viele sunnitische Moslems. Im Landkreis Xánthi sind es überwiegend Pomaken, deren Muttersprache Bulgarisch ist. Sie sind an ihrer ausgesprochen bunten Kleidung zu erkennen. Im übrigen Thrakien sind die Moslems vorwiegend Türken. Sie haben ihre eigenen Schulen, an denen Griechisch jedoch Pflichtfach ist. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatenwelt Ende der 1980er-Jahre strömen Hunderttausende von Albanern ins Land. Weiteren Zuzug erhält Griechenland durch Griechen von der einst sowjetischen Schwarzmeerküste. Trotz all dieser Minderheiten fühlen sich die Griechen mehr denn je als ein Volk. Separatistische Bestrebungen wie in Spanien, Frankreich oder gar im ehemaligen Ostblock gibt es nicht.
Als Europäer fühlen sich die Griechen dabei nur ganz am Rand. Reisenden fallen die häufigen Schilder mit den 15 Sternen der Europaflagge auf. Sie geben bekannt, mit welcher Summe die Europäische Union ein Straßenbauprojekt oder eine Sanierungsmaßnahme, einen Hafenausbau oder eine neue Kanalisation bezuschusst. Die meisten Griechen aber gehen immer noch davon aus, dass ihr Land der sechste Kontinent ist - anders als der Rest der Welt. Sie schätzen es, dass Europa ihnen den Wegfall vieler Zölle brachte, Haushaltsgeräte und vor allem Autos billiger machte. Sie hassen aber die vielen Brüsseler Vorschriften, die ihren Gewohnheiten und ihrer Mentalität widersprechen. Die meisten Griechen möchten unbedingt ihre Eigenarten bewahren. Davon haben sie wahrlich genug. Die Urlauber plagen sich mit der griechischen Schrift ab. Sie bemerken selbst im Straßenbild, dass sie in einem orthodoxen Land reisen. Überall fällt auf, dass sich die griechische Folklore weit besser gegen angloamerikanische Einflüsse behaupten kann als das Brauchtum anderswo in Europa.
Die Griechen halten an ihrem Lebensrhythmus fest. Der Tag ist viergeteilt. Von morgens früh bis mittags wird gearbeitet. Dann folgt eine lange Siesta; Nachmittag nennt man die Zeit nach 17 Uhr. Der Abend beginnt mit dem Abendessen gegen 21 oder 22 Uhr; Nachtlokale machen meist erst gegen 23 Uhr auf und präsentieren beste Stimmung selten vor Mitternacht. Vorher geht auch kaum jemand schlafen. Auch die Lebensziele sind andere als in Mitteleuropa. Die Arbeit ist kein Selbstzweck, ein Wort für Beruf gibt es im Griechischen nicht. Man fragt „welche Arbeit machst du“, nicht „welchen Beruf hast du“. Die Arbeit dient dem Lebensunterhalt und dem Kauf von Statussymbolen, vor allem aber dem Erwerb von Immobilien. Die gewährleisten den Menschen die soziale Absicherung, die ein mangelhaftes staatliches Sozialversicherungssystem nicht zu geben vermag. Um diese Sicherheit zu erwerben, wandern Griechen schon seit Jahrhunderten von Inseln und Dörfern in die Städte ab oder emigrieren ins Ausland. Den Lebensabend jedoch wollen sie im Heimatdorf verbringen, und liegt es noch so weltabgeschieden in den Bergen. Deswegen sieht man so viele Dörfer, die außerhalb der Hochsommermonate fast menschenleer scheinen, in denen aber prächtige Häuser stehen: vorausplanend gebaute Altersruhesitze. Gerade in solchen Dörfern erlebt man als Urlauber oft die schönsten Stunden. Abseits der Strände und Touristenzentren sind Fremde noch Gäste, die man neugierig betrachtet. Oft findet sich ein Einheimischer, der die Muttersprache der Gäste oder ein wenig Englisch beherrscht, ein Gespräch entwickelt sich. Dann zeigt sich auch die Gastfreundlichkeit der Griechen, die in den Touristenzentren nicht mehr so leicht zu finden ist.
Von den Highways des Massentourismus abzuweichen ist ohnehin der beste Tipp, den man Reisenden mit auf den Weg geben kann. Es gibt Kirchen und Klöster, Museen und archäologische Stätten, Landschaften und Dörfer, die man gesehen haben muss. Nicht minder reizvoll ist ein Besuch der unbekannteren Schönheiten, auf die in diesem Reiseführer auch hingewiesen wird. Darüber hinaus gibt es aber eine Vielzahl von Orten, die nichts Besonderes zu bieten haben - und die Ihnen dennoch besonders in Erinnerung bleiben werden, weil Sie sie selbst entdeckt haben.
Kreuz und quer durch Griechenland zu reisen ist kein Problem. Sprachprobleme lassen sich immer irgendwie lösen, und hilfsbereit sind die Griechen allemal: Wer nach dem Weg fragt, wird oft ein Stück weit begleitet. Unterkünfte gibt es fast überall, weil sich viele Griechen durch Zimmervermietung ein Zubrot verdienen. Eines allerdings ist in Griechenland schwierig: korrekte Antworten auf Fragen zu bekommen, die sich nicht auf den gegenwärtigen Aufenthaltsort selbst beziehen. Im Ort A kennt niemand den Busfahrplan von Ort B; 20 km abseits des Fährhafens weiß niemand, wann dort die Schiffe ankommen und abfahren. Griechen denken, gefördert durch Geografie und Geschichte, weiterhin kleinräumig. Schließlich sind viele Landschaften noch immer durch Berge von der Außenwelt getrennt, und schließlich zählt das Wohl der eigenen Gemeinde wie im alten Hellas noch immer mehr als das des Staates.
Der nämlich hat es schwer im heutigen Griechenland. Die griechische Nation wird in Ehren gehalten und im Notfall begeistert verteidigt, doch der Staat nur als lästig empfunden. Er schluckt Steuern und Zölle, ohne viel dafür zu geben. Er versucht durch immer neue Gesetze und Ausführungsbestimmungen das Leben des Einzelnen zu reglementieren - und stört damit die Kreise der Griechen, die eines vor allem sein wollen: Individualisten. Daran sollten auch die Urlauber denken, wenn sie wirklich einmal Grund haben, sich zu beklagen. Mit Drohungen, Beschimpfungen und gesteigerter Lautstärke wird man nie etwas erreichen. Die Aussicht auf den Erfolg einer Beschwerde ist viel größer, wenn man einen Griechen bei seiner Ehre packt. Er hat keinen Fehler gemacht, doch man braucht ganz einfach seine Hilfe. Schließlich ist er ja klug, gewitzt und stark genug, um etwas verändern zu können ...
Quelle: www.marcopolo.de. Der sueddeutsche.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo. Autorenliste
Mit dem Auto nach Griechenland