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Außenansicht Ja zur Platte

Reinier de Graaf, Jahrgang 1964, ist niederländischer Architekt und Partner beim Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist verantwortlich für Projekte in Europa, Russland und dem Nahen Osten.

(Foto: ZUMA Press/imago)
Der soziale Wohnungsbau der Nachkriegszeit wird abgerissen. Mit den Betonblöcken werden die Hoffnungen jener Zeit zerstört.
Von Reinier de Graaf

Im Februar des vergangenen Jahres stellte der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin ein Gesetz vor, das den Abbruch von 8000 fünfgeschossigen Fertighäusern aus den Sechzigerjahren vorsah - man kennt sie gemeinhin als Chruschtschjowka, benannt nach dem ehemaligen Staatschef der Sowjetunion, Nikita Chruschtschow. Nach einer Welle öffentlichen Protests wurde das Gesetz korrigiert und die Zahl der abzureißenden Gebäude auf 4000 reduziert. Dennoch wird es eines der größten Abbruchprogramme der jüngeren Geschichte sein. Dieses Beispiel ist nicht das einzige. Überall in Europa werden große Wohnsiedlungen mit immer größerer Entschlossenheit abgerissen, wodurch eine ganze Periode unserer modernen Geschichte der Vergessenheit anheimfällt. Nicht einmal zwanzig Jahre zählt das neue Jahrhundert und es ist, als hätte es das zwanzigste Jahrhundert nie gegeben.

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Ich wurde 1964 geboren. Ich verbrachte meine Jugend in einer Zweizimmerwohnung in einem Block aus vorgefertigten Betonteilen, der von weiteren Blocks umstanden war, die identisch gebaut waren und auch so aussahen. Wir bezahlten wenig Miete. Gelegentlich kamen uns Verwandte aus kleineren Städten besuchen und lästerten, die anonymen und immer gleichen Häuser, die wir bewohnten, seien so kalt, was wir aber gar nicht so sahen. Auf uns wirkte der repetitive Charakter dieser Architektur vor allem beruhigend: eine Spiegelung der mutmaßlichen Gleichheit ihrer Bewohner.

Dieses Jahr besuchte ich mein Viertel zum ersten Mal seit 1991 wieder. Das krude Beton-Finish der Platten war weg, an seine Stelle war eine Backsteintapete getreten, die über einer dicken Schicht aus Steinwolle lag, wodurch diese "alten" Gebäude den zeitgemäßen Dämmvorschriften entsprachen. Die ehemals hölzernen Fensterrahmen waren durch welche aus PVC-Kunststoff ersetzt, wodurch sie ein bisschen wie Kühlschranktüren aussahen und sich auch so anfühlten. Die übergroße Mehrheit der Loggien war zu Abstellkammern umgebaut, viele mit Satellitenschüsseln bestückt, manche von ausländischen Fahnen begleitet.

Anders als man jetzt denken könnte, bin ich nicht in einem (ehemals) kommunistischen Land aufgewachsen, sondern in den Niederlanden. In Westeuropa waren, nicht weniger als im Osten, als Teil der Wiederaufbauprogramme nach dem Krieg riesige Wohnsiedlungen entstanden. Dieser billige, massenhaft produzierte öffentliche Wohnraum trug in den Sechziger- und Siebzigerjahren wesentlich dazu bei, Europas Wohnungsknappheit zu beheben. Zudem gestatteten die billigen Mieten Leuten wie meinen Eltern, genug Geld anzusparen, um ihre Kinder an die Universität zu schicken, womit eine ganze Generation von Arbeiterkindern, zumal in Westeuropa, die Gelegenheit erhielt, die erste Sprosse der sozialen Leiter zu erklimmen. In dem grauen Beton dieser anonymen Gebäude wurde Europas Mittelschicht geboren und aufgezogen.

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Ost und West schufen Raum für Millionen Menschen, die zu Europas Mittelschicht aufstiegen

Bis dahin bestand mein Leben aus zwei gleichen Hälften: eine vor 1991, die andere danach. Die erste Lebenshälfte habe ich in einer Welt verbracht, die durch gegensätzliche Ideologien definiert war, die zweite in einer Welt, die durch das Fehlen eines solchen Systems von Weltanschauungen bestimmt war. Für mich ist es nach wie vor eine offene Frage, ob die Koexistenz zweier paralleler Ideologien einem Zweck diente, der über die Tatsache hinausging, dass schließlich eine davon verschwand. Obwohl der Westen mit der latenten Bedrohung einer massiven Konfrontation zwischen den beiden Blöcken lebte, schien er weniger hart und menschlicher zu sein als heute. Das gilt besonders für diejenigen, die Mühe haben, in einem zunehmend erbarmungslosen ökonomischen Konkurrenzkampf zu bestehen.

Rückblickend ist es nicht weit hergeholt, den Wohlfahrtsstaat, wie es ihn in Westeuropa historisch in den Sechziger- und Siebzigerjahren gab - mit Arbeiterbewegungen, Mindestlohn und Sozialfürsorge -, als eine Art Präventivschlag gegen die Alternative des Kommunismus zu interpretieren: ja, zu verhindern, dass er zur Alternative wurde. Mit der Auflösung des kommunistischen Blocks ist diese Bedrohung heute weitgehend verschwunden, und die ökonomischen Trends der meisten europäischen Länder nach 1991 sprechen eine deutliche Sprache: Kürzungen der Sozialleistungen, Erosion der Rente, Einschnitte bei den öffentlichen Dienstleistungen und so weiter.

Beim Wohnungsbau schienen Ost und West trotz ihrer politischen Unterschiede auf parallelen Bahnen zu laufen. Millionenfach gebaut, in der westlichen ebenso wie der östlichen Hemisphäre, repräsentierten die strengen Betonblöcke meiner Jugend im Kontext einer ansonsten tiefen ideologischen Kluft eine Art Konsens: eine universelle Antwort auf eine global empfundene Dringlichkeit.

Ein ähnlicher Konsens, allerdings in entgegengesetzter Richtung, eint Ost und West auch heute. Als ungewollte Relikte einer vergangenen Zeit stigmatisiert - unrealistische Erwartungen an die Rolle des Staates -, werden Experimente des sozialen Wohnungsbaus der Sechziger- und Siebzigerjahre auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer zum Abriss freigegeben. Diejenigen, die noch stehen, werden entweder neu als innerstädtische Luxuswohnungen erfunden und zu Rekordpreisen verkauft oder in einer Weise verkleidet, die den Stadtverwaltungen den Aufwand des Abrisses erspart. (Sie brennen einfach von allein nieder.)

Der Abriss von Gebäuden verlangt auch eine ideologische Säuberung: einen Abschluss historischer Kapitel, selbst wenn dabei wesentliche Probleme ungelöst bleiben. Ja, die Experimente der Sechziger- und Siebzigerjahre enthalten ein eigenartiges Paradox. Trotz ihrer Aura einer "radikalen" Veränderung ist ihr Ziel - "normale" Bedingungen für die größtmögliche Zahl von Menschen zu schaffen - letztlich überraschend profan.

Heute erleben wir das Gegenteil: einen allgemeinen Drang zum Außergewöhnlichen, bei dem eine extravagante Architektur offenbar untrennbar mit der ungleichen Verteilung von Reichtum verbunden ist. Wohlfahrtsstaat und Kommunismus repräsentierten ein radikales Streben nach dem Profanen, die Marktwirtschaft hingegen steht für das Gegenteil: ein profanes Streben nach dem "Radikalen". Mögen Gebäude auch geschichtliche Ereignisse definieren - meistens jedoch wird die Geschichte durch die Erzählung ihres Verschwindens definiert.

Deutsch von Eike Schönfeld

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