Wenn ein guter Beamter Kanzler werden will, muss er Mensch sein: Frank-Walter Steinmeier hat zum Wahlkampf ein Buch geschrieben.
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Frank-Walter Steinmeier: Der ambitionierte SPD-Politiker legt rechtzeitig zum Bundestagswahlkampf ein Büchlein vor. Foto: dpa
Also sprach Hubertus Heil, der kleine Häuptling der Indianer: "Deutschland ist ein freies Land. Jeder kann Bücher schreiben - es ist ja auch bald wieder Buchmesse." Der Generalsekretär würdigte so kürzlich Wolfgang Clement ("Klartext"), einen langjährigen Star seiner SPD.
Genosse Heil hätte aber auch jenen Mann meinen können, der als Bundesaußenminister hohe Sympathiewerte im Volk hat und der im Herbst Bundeskanzler werden will: Frank-Walter Steinmeier. Auch der ambitionierte SPD-Politiker legt rechtzeitig zum Bundestagswahlkampf ein Büchlein vor: "Mein Deutschland - Wofür ich stehe."
Am Donnerstag, kurz nach 14 Uhr, ist es soweit: Die personifizierte Hoffnung der Sozialdemokraten kommt im Konferenzraumtrakt der Leipziger Messe an. Es ist Buchmesse, und ja, jeder kann Bücher schreiben. Wer Regierungschef werden will, muss es sogar.
In seinem Buch steht alles drin, was man wissen muss über die Mutter aus Breslau, die schönen Schonungen in Ostwestfalen und über die Jugend in Brakelsiek - damals, als er noch "Prickel" hieß. Und doch ist es dem Stargast erkennbar wichtig, gleich zu Beginn klarzumachen, dass sein Werk "Mein Deutschland" nun wirklich kein "Heimatroman" sei, sondern ein "sehr politisches Buch".
Der Mann hat Angst, von Bild, Bunte und RTL vereinnahmt zu werden, die er für einen Wahlerfolg braucht. Das Leben, vor allem sein Leben, ist ein permanenter Kompromiss - so ist er, der leibhaftige Außenminister, jetzt unter Literaten, Verlegern und Journalisten gelandet.
Er wird später an diesem Donnerstag noch auf dem "Blauen Sofa", beim Vorwärts und bei der Leipziger Volkszeitung sitzen. Der SPD-Kanzlerkandidat hat rechtzeitig zum Wahlkampf einen eigenen Event zwischen zwei Pappdeckeln geschaffen, über den die Republik reden soll. Nun hockt er im Messehaus vor neun Fernsehkameras und 100 Journalisten, trägt aus Wiedererkennungsgründen die gleiche Krawatte wie auf dem Buchcover und nennt den Bertelsmann-Buchchef Eck hartnäckig "Eick".
Schon im Sommer 2008, lange vor der offiziellen Ernennung des SPD-Kandidaten, hat er über eine Agentin die Buchidee an den Verlag herangetragen. Dann musste es im Herbst schnell gehen, mit der publizistischen Erweiterung seiner wichtigen Reden, die den Kern des Buches bilden; der Zeit-Journalist Thomas E. Schmidt half. Das Schreiben sei ihm "hilfreich“ gewesen, erzählt Steinmeier, er sei mit dem Buch "sehr einverstanden“.
"Lesen, Lesen, Lesen"
Fragenden Journalisten empfiehlt er "Lesen, Lesen, Lesen", er freut sich über das gute Bild der SPD in der Öffentlichkeit und sagt zum Amoklauf von Winnenden nur, dass eine Debatte über Gewaltspiele und über das Waffenrecht einsetzen müsse. Bei diesem Thema ist er sichtlich betroffen und lehnt es ab, so kurz nach dem Drama irgendwelche Vorschläge zu machen.
Den Messe-Termin erledigt Steinmeier routiniert im Stil einer EU-Konferenz. Von "Prickels" Brakelsieker Kämpferqualitäten ist an diesem Tag wenig zu spüren. Charisma ist etwas anderes. Er ist rechtschaffen, ganz Diplomat, manchmal Leitender Beamter.
Der vorsichtige Steinmeier geht auch nicht auf die luziden Bemerkungen von Cem Özdemir ein: Der Grünen-Chef, der in Leipzig den Laudator spielt, entdeckt in dem Buch Absetzbewegungen von Gerhard Schröder, dem einstigen Chef und Mentor Steinmeiers. Özdemir hat ferner im Außenminister einen wahren Grünen geortet und glaubt, dem Sozialdemokrat sei "die Karriere auf dem Silbertablett“ serviert worden. Immerhin: Steinmeier sei ein "ehrlicher Makler", der bei den vielen Krächen in der rot-grünen Koalition stets den Konsens gefunden habe.
Özdemir ist es wie dem Verlagsmanager Eck ganz wichtig, dass Steinmeier lieber die Rolling Stones als die Beatles mag. "Hauptsache, wir bekommen nicht wieder einen Scorpions-Kanzler", findet der Grünen-Chef. Der SPD-Kandidat sei summa summarum "auf der richtigen Spur", was eine "gute Grundlage für das nächste Koalitionsgespräch" sei.
Steinmeier grinst. Er sagt nur: "Es passt alles gut zusammen." Sicher, wenn man so will, ist das ein konkretes Ergebnis der Leipziger Buchvorstellung: Eine neue rot-grüne Koalition kann man sich mit diesen beiden Politikertypen gut vorstellen. Leider muss aller Voraussicht nach die FDP noch mitspielen, da helfen auch Steinmeiers ehrliche Jugenderinnerungen und politische Weit- und Ausblicke nicht.
Seit einigen Wochen schon ist der promovierte Jurist auf den Boulevards des Landes unterwegs. Der 53-Jährige talkte bei "Beckmann", ließ sein "Deutschland" bei Bild per Vorabdruck veröffentlichen (mit dem Privatschmus) und gab sich bereitwillig den persönlichen Reporterfragen des Stern hin. Das Ziel: Der Minister, der lange als Technokrat galt, soll ganz Mensch werden - jedenfalls für die Bürger, die ihn wählen.
Seitdem wissen die Deutschen alles über Steinmeier, was sie schon immer nicht wissen wollten. Eben zum Beispiel, dass er im ostwestfälischen Sprengel Brakelsiek ganze 15 Kilometer entfernt von Gerhard Schröder großwurde. Dass ihn Freunde einfach nur "Frank" oder "Prickel" nannten, was so sexy klingt wie Schröders frühere ostwestfälische Kennung "Acker", die Fußballkünste charakterisieren sollte.
Die Botschaft, die aus diesen Zeilen dringt: Er ist ein braver, guter Junge aus dem Volk, der es zu etwas gebracht hat - und der jetzt dem Volk etwas zurückgeben will. Ergreifend die kleine Episode, wie er während der Semesterferien in einer Möbelfabrik jobbte und Tausende dunkelbrauner Nussbaumschrankwände mit dem damals so beliebten Barfach ausgestattet hat.
Er hielt's mit Willy Brandt
Mit diesem Dienst am Volk ist das proletarische Engagement eines Joschka Fischer überhaupt nicht zu vergleichen, der wenige Jahre zuvor bei Opel in Rüsselsheim noch versuchte, die Arbeiterschaft von der Weltrevolution zu überzeugen. Aber auch Steinmeier war kräftigen Maßnahmen wohl nicht abgetan - schließlich bekennt er, dass sich die nüchterne Politik des seinerzeitigen Kanzlers Helmut Schmidt nicht gut "mit den Visionen linksdemokratischer Jungakademiker" vertrug. Er hielt's mit Willy Brandt.
Heute sind Schmidt und Schröder die Idole des Aufsteigers Frank-Walter Steinmeier. Wo aber der letzte SPD-Regierungschef Gerhard Schröder mit Wonnen den "Medienkanzler" gab, fremdelt der aktuelle Kandidat noch ein wenig mit den Anforderungen des politischen Showbusiness.
Nach einer Dreiviertelstunde ist die Leipziger Autorennummer vorbei. Der Kandidat verrät über wichtige politische Bücher noch, dass er den einstigen Helmut-Kohl-Vertrauten Eduard Ackermann schätze und das letzte Werk von Helmut Schmidt noch nicht gelesen habe. Das klang nicht nach langen Lesestunden.
Den fragenden Kindern am Ausgang sagt er schließlich, dass es in "Mein Deutschland“ um seine Zeit in der Schule und in der Jugend gehe, und darum, was aus ihm wurde. Mit seiner eigenen Tochter lese er die Bücher von Stephanie Meyer. Dann schreibt Steinmeier ein Autogramm plus Widmung auf den Unterarm eines Mädchens.
Als Kanzlerkandidat ist man immer ein bisschen Popstar, auch wenn man aus Brakelsiek kommt.
(sueddeutsche.de/segi)
















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