29. Januar 2013 09:50 Fischer auf dem Starnberger See Im Netz verfangen

Von Benjamin Engel

Der Starnberger See hat seine eigenen Gesetze und überrascht die Menschen, die von ihm leben, immer wieder aufs Neue. Auch im Winter fahren Fischer täglich hinaus aufs Wasser - doch zum Leben reicht der Fang meist nicht. Eine Bootstour mit Susanne Huber.

Kurz nach Sonnenaufgang, der Januarmorgen dämmert zaghaft. Das Thermometer zeigt minus drei Grad Celsius an. Über dem Südende des Starnberger Sees hängen die Wolken tief. Zwei dünne Eisschollen treiben auf der fast spiegelglatten, grauen Seeoberfläche. Zeit, den Fang einzuholen. Fischermeister Rudolf Müller steht in seinem Boot, das vor Sankt Heinrich liegt, und zieht vorsichtig die Netze aus dem Wasser. Seine Tochter Susanne Huber, ebenfalls Fischwirtschaftsmeisterin, hilft ihm. Sie löst die Knoten, die sich im Netz gebildet haben.

Beide arbeiten trotz der klirrenden Kälte ohne Handschuhe. Ihre Hände tauchen sie immer wieder in den großen Bottich mit heißem Wasser, den sie in ihr Boot gestellt haben. Wie viele Fische haben sich heute in den Netzen verfangen? Zuerst scheint es so zu sein, als ob sie leer ausgehen würden. Doch dann ist in ein paar Metern Tiefe der silbrig-glänzende Leib der ersten Renke zu sehen.

An der ersten von drei Stellen, an denen Müller und Huber am Abend zuvor ihre Netze ausgelegt haben, bleibt die Ausbeute gering. "Zehn Renken, das bedeutet einen schlechten Versuch", sagt Huber. Noch bleiben aber zwei weitere Versuche.

35 Familien, so heißt es auf der Homepage der Fischereigenossenschaft Würmsee, haben derzeit noch das Fischrecht am Starnberger See. Wie Huber erklärt, hat die Genossenschaft das Recht zum Fischen vom Staat gepachtet und gibt es an ihre Mitglieder weiter. Am Starnberger See liegt das Fischereirecht auf den Anwesen der Fischerfamilien. Mitglied können nur ausgebildete Fischwirtschaftsmeister werden. Zudem muss der Betreffende notariell nachweisen, dass er das Anwesen übernehmen konnte, auf dem ein Fischereirecht besteht.

Meist werden diese Rechte von Generation zu Generation weitergegeben. Seit mindestens 1868 übe die Familie das Fischrecht auf dem Hof in Sankt Heinrich aus, sagt der 79-jährige Müller. "Meine Tochter gehört zur siebten Generation."

In aller Regel fährt Müller viermal pro Woche zum Fischen auf den See. Und auch wenn die Ausbeute im Winter geringer ist, kann sich Müller keinen schöneren Beruf vorstellen. "Wir verarbeiten ein hochwertiges Lebensmittel, das sonst keiner hat", sagt er. Schließlich ist er sein eigener Herr, kein Vorgesetzter kann ihn entlassen oder ihm sagen, was er zu tun und zu lassen hat. "Unsere Arbeit ist ein Privileg", ergänzt seine 47-jährige Tochter. Vom Fang bis zum veredelten Produkt könnten sie alle Arbeitsschritte selbst erledigen. Zudem gebe es nur noch wenige Berufe mit so langer Tradition, sagt Huber.

Die Fischerei am Starnberger See ist nicht nur traditionsreich, sondern mitunter auch gefährlich. "Ich bin durch Liebe und durch Unglück an den See gekommen", sagt Müller, der aus Wasserburg am Bodensee stammt. In die Fischerfamilie aus Sankt Heinrich hat er eingeheiratet. Seine spätere Frau lernte er an der Landesfischereianstalt in Starnberg kennen, an der er 1959 auch seine Meisterprüfung zum Fischer abgelegt hat.

1961 zog er mit ihr zuerst einmal zurück an den Bodensee. Dort kam neben Tochter Susanne auch eine weitere Tochter zur Welt. Sein Schwager übte derweil in Sankt Heinrich das Fischrecht aus. Er ertrank acht Jahre später beim Fischen im Starnberger See.

Noch heute kann sich Müller genau an den Tag erinnern. Es war der 5. März 1969. An diesem Tag war sein Schwager auf dem Starnberger See alleine mit seinem Fischerboot unterwegs. Sein Netz muss sich wohl in der Schraube des Außenbordmotors verfangen haben. Sein Schwager habe wohl den Motor nach oben aus dem Wasser geklappt, um das verhedderte Netz zu lösen.

64 Fische - so ist die Ausbeute an diesem Tag. Zum Leben reicht das nicht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Als er sich über den Motor lehnte, sei dieser wieder nach unten geklappt. Dadurch sei sein Schwager ins Wasser gerutscht. So hat die Familie den Hergang des Unfalls rekonstruiert. "Das Wasser hatte um die null Grad", sagt Müller, "mein Schwager hatte keine Chance wieder ins Boot zu kommen.

Für den Fischer Müller ist der Starnberger See ein eigener Kosmos, der ihn immer wieder überrascht. Nie könne man sich sicher sein, wie hoch der Fang ausfalle. Denn die Fische zögen immer wieder an andere Stellen im See. Manchmal fange man 14 Tage lang sehr viele Fische. Doch wenn man meine, jetzt habe man den Bogen raus, fange man drei Wochen lang nur noch die Hälfte wie die Kollegen am See. "Da lernt man Demut", sagt Müller. Am heutigen Vormittag kommen die Fischer schließlich mit 63 Renken und einem Hecht wieder nach Hause. Eine eher magere Ausbeute; 100 Fische müssten es schon sein für einen guten Fang, sagt Huber.

Um die verschiedenen Fischarten zu erhalten, hat der Freistaat für jede von ihnen eine gesetzliche Schonzeit festgelegt, während der sie nicht gefangen werden dürfen. "Die Schonzeit ist eine Art Mutterschutz in den letzten Wochen vor der Laichablage", sagt Huber. Die gesetzliche Schonzeit für Renken beginnt am 15. Oktober und endet Ende Dezember; die Genossenschaft hat die Schonzeiten für den Starnberger See darüber hinaus verlängert.

Für Renken dauert sie laut Müller von Ende September bis Anfang Januar, für Hechte von Mitte Februar bis Mitte April. Jetzt, Ende Januar, fischen die beiden im Uferbereich nach Renken. "Im Winter nach der Laichzeit halten sie sich dort immer am Boden auf", sagt Müller. Hechte zögen sich jetzt eher in tiefere Gewässer zurück.

Vom Fischfang allein könnte die Familie nicht leben. Die Landwirtschaft mit Kühen hat sie zwar inzwischen aufgegeben. Heute vermietet die Familie in ihrem Hof an der Buchscharner Straße Zimmer und Ferienwohnungen. Außerdem betreibt sie einen Campingplatz. Deshalb begleitet Huber ihren Vater auch nur im Winter auf den See. Im Sommer habe sie einfach keine Zeit zum Fischen, sagt sie.

Außerdem ist Huber Gemeinderätin und Vorsitzende des Münsinger Fremdenverkehrsvereins. Die zweifache Mutter hofft darauf, dass ihre Kinder die Fischertradition fortführen. Ihr Sohn studiere zwar, wolle sich aber gerne auch zum Fischer ausbilden lassen, sagt sie. "Es wäre schön, wenn die Tradition nicht abbräche."