Von Alex Rühle

In der großen Familie Deutschland gibt es immer wieder Bemühungen, das „Sie“ abzuschaffen, derzeit wird es in der Businesswelt ausgerottet. Eine kleine Kulturgeschichte des „Du“.

Duzt du schon Kulturgeschichte des Duzens

Selbst der Ikea-Katalog duzt uns (Foto: Ikea)

Bei der Teambank in Nürnberg haben sich ab sofort alle 1250 Beschäftigten zu duzen. Auf den Visitenkarten und Türschildern werden künftig keine Titel und Positionen mehr aufgeführt, und Theophil Graband, der Vorstandsvorsitzende der Teambank, ist für den Pförtner wie für den Filialleiter nur noch der Theo.

Welches Du ist damit aber gemeint? Das Wohngemeinschafts-Du? Das Genossen-Du? Oder das amerikanische Business-Du? Eine kleine Rundreise durch die Kulturgeschichte des Duzens.

Duzen quer durch die Hierachien

Bei Ikea wird ja seit Jahr und Tag intern geduzt, quer durch die Hierarchien. Wenn man dort zu arbeiten anfängt, sei es nun als Imbusschlüsselverwalter oder als Deutschlandchef, unterschreibt man eine Klausel, dass man ab sofort zu jedem du sagt. Es gelte das „Schweden-Prinzip“, so der Leiter einer Filiale in Kaarst. „Wir sind eine große Familie. Warum sollten wir uns siezen?“

Sollen sie doch, bekommt man ja nicht mit als Kunde. Und wenn sie meinen, dadurch Abhängigkeits- und Machtverhältnisse zwischen Hilfsarbeitern und Filialleitern kaschieren oder ausblenden zu können, bitte sehr. Unangenehm ist nur, dass man als potentieller Kunde aus dem Ikea-Katalog selbst dauernd angeduzt wird: „Wann hast Du eigentlich das letzte Mal Deine Matratze ausgewechselt?“ Steht so da drin.

Geradezu infantil wirkt diese doppelte Indiskretion, wie der Sechsjährige, der seine Lehrerin fragt: Du, Frau Lehrerin, warum hast du eigentlich immer so nasse Flecken unter der Achsel?

Linke Studenten führten das flächendeckende Geduze ein

In Deutschland fing das flächendeckende Geduze in den Sechzigerjahren an, unter Studenten. Genauer: Unter linken Studenten. Es war ein Statement, hallo, ich bin hierarchiekritisch und habe alle Etikette als Tand und Blendwerk der herrschenden Klassen durchschaut.

Dieses „Du“ hatte was von Graswurzelsolidarität und wohligem Einnisten, natürlich, da draußen, im allgemeinen Verblendungszusammenhang herrscht die Kälte des entfremdeten Sie, unter uns aber soll es anders sein. Wenn die Sprache das Haus des Menschen ist, dann ist dieses studentische Du die WG dazu.

Heutzutage wird dieses Wohngemeinschafts-Du gerne auch von TV-Moderatoren verwendet, die in ihren mediokren Sendungen jedweden Star duzen, um zu signalisieren, dass sie mit dem ja seit Jahren auf Sylt das Badehandtuch teilen.

Gar nichts teilen sie, außer der Verachtung all der Geduzten, die einander in Sylt im Clubhaus wahrscheinlich ihr Beileid aussprechen: „Ah, Verehrtester, ich habe gesehen, dass auch Sie im vergangenen Herbst wieder Waldemar Hartmann über sich ergehen lassen mussten.“

Apropos Sylt: Wenn es um Etikette und die Schwierigkeiten des Siezens und Duzens geht, wird meist auch das sogenannte „Hamburger Sie“ erwähnt, die Anrede, bei der man jemanden beim Vornamen nennt und dazu siezt. Meist heißt es, das sei die gediegene Form des Duzens, so was wie der Lexus des Duzens, sportlich, elegant und doch mit dem Airbag der höflichen Etikette.

Unsinn, dieses Sie mag noch in Senatorenhaushalten verwendet werden, ansonsten hat es etwas Verschmocktes: „Theo, wollen Sie so freundlich sein und mir den opulenten Bildband mit den Ostpreußen-Lithographien reichen?“ Gegenstück zum Hamburger Sie sind übrigens das Münchner Du, auch als Kassiererinnen-Du bekannt („Du, Frau Huber, wie teuer sinn’n die Bohnen?“), und das Berliner Er.

Startup-Flair durch das Du

Zu dem Wohngemeinschafts-Du, das auch von Trampern beim Besteigen des Wirtsautos gern verwendet wird, gesellte sich über die Jahre das angelsächsische Business-Du. Es soll – wie im Fall der Nürnberger Teambank – flache Hierarchien, eine offene Diskussionskultur und diffusen Startup-Flair signalisieren.

Der Vorstandsvorsitzende Theophil Graband sagt, es handle sich „nicht um ein Sympathie-Du, sondern um einen Ausdruck von Professionalität im Sinne des englischen you.“ Vielleicht erhofft sich die Teambank ja, dass man sich die betrieblichen Abläufe ab sofort so locker vorstellt wie bei Google in Silicon Valley, vorm Tresor eine Tischtennisplatte und alle Mitte 20.

Claus Kleber benutzt dieses Du gerne im Gespräch mit seinen Korrespondenten und glaubt so den hemdsärmelig-patenten Glamour amerikanischer Umgangsformen auszustrahlen. Schließlich sagen auf CNN alle Ankermänner auch you zueinander. Hätte er sich mal „Closer“ („Hautnah“) angeschaut, diesen Film mit Julia Roberts und Jude Law, und zwar im Original mit deutschen Untertiteln.

Der Film beginnt damit, dass sich der erfolglose Schriftsteller Dan und die gerade von New York nach England gekommene Fotografin Alice in London treffen und sofort ineinander verlieben. Nach wenigen Minuten küssen sie sich zum ersten Mal, interessanterweise wird von dem Moment an in den Untertiteln das Sie durch das Du ersetzt. Im Englischen bleibt es natürlich beim you.

Deutschen Amerikareisenden und Ankermännern kann der Film wertvolle semantische Hilfe an die Hand geben: Erst ab dem ersten Kuss wird man im Geiste geduzt, wird aus dem you ein Du.

Schröder, der Waldemar Hartmann der Staatsmänner

Gerhard Schröder langte mit dem amerikanischen you ebenfalls mal mordsmäßig daneben, als er seinen amerikanischen Amtskollegen mit den markigen Worten „Hallo Bill, you’re welcome!“ begrüßte. In der amerikanischen Öffentlichkeit redete selbst Hillary Clinton ihren Mann mit „Mister President“ an.

Aber Schröder war eh so etwas wie der Waldemar Hartmann unter den Staatsmännern. Putin duzt er seit Jahr und Tag, Chirac ebenfalls, Blair sowieso. Vielleicht ist das aber auch Spätfolge seiner sozialdemokratischen Sozialisation.
Macher, Tramper und Genossen

Dass die SPD-Mitglieder noch immer dem folkloristischen Zwang anhängen, einander wie weiland in der Räterepublik mit du und Genosse anzureden, mag mit zum dramatischen Mitgliederschwund beigetragen haben.

Zum einen erinnert das Wort „Genosse“ an pleistozänferne Zeiten, in denen Walter Ulbricht in Wandlitz seinem Freund Erich blasse Farbbilder vom Bulgarienurlaub zeigte. Und was das schicksalsgemeinschaftshafte Genossen-Du angeht, belehrte schon Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung einmal ihn duzende Verehrer, dass er lieber beim Sie bleibe, was sie nicht falsch verstehen sollten, das Ost-Sie sei quasi das Pendant zum West-Du: Während man im Westen offiziell gesiezt werde und viele Linke deshalb als Zeichen innerer Distanz mit dem Duzen anfingen, beharrten im Osten die Oppositionellen gerade deshalb auf dem Sie, weil Mielke, Ulbricht und Konsorten einander dauernd als Genosse Walter und Genosse Erich ansprachen. Biermann erklärte das Mitte der Siebziger.

"Das können Sie halten wie du willst"

Was aber macht die SPD? Sie duzt. Als wolle sie jedem neuen Parteimitglied zeigen, dass sie auf du und du mit dem Mantel der Geschichte steht.

Wie viel cooler war da doch Herbert Wehner. Als ihn ein einfacher Genosse fragte, ob er ihn jetzt duzen solle, antwortete Wehner: „Das können Sie halten wie du willst!"

(SZ vom 8.2.2007)

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Leserkommentare (29)



09.02.2007 19:46:52

cgmuc: Jeder so wie er mag oder die Mähre vom glücklichen, lockeren Du

Ich selber dutze gerne aber ich finde jeder, der móchte soll weiter Siezen. Jeder so wie er mag.....

Ich lebe in Spanien wo grundsátzlich jeder úberall geduzt wird, z.B. Bank, Apotheke etc. aber ich kann úberhaupt nicht bestáttigen, dass das Duzen mit grosser Freundlichkeit oder Herzlichkeit einher geht. Ganz im Gegenteil.. der weitverbreitete Gebrauch des Imperatives:

Gib mir! Mach mir! Sag mir! Komm her! ist ziemlich gewóhnungsbedúrftig. Da bevorzuge ich doch ein deutsches:" Könnten Sie mal herkommen" statt des spanischen " Ven aqui= Komm her" Klingt als wenn man seinen Hund ruft. Nähe und Vertrautheit stellt sich durch ein Du nicht automatisch ein.

Den Anmerkungen des Spaniers hier im Forum kónnte ich seitenweise kommentieren. Nur soviel, seitdem ich im Ausland lebe, weiss ich erst wie schön Deutschland und die deutsche Sprache ist. Im Allgemeinen denken die Deutschen zu schlecht von sich und sind zu schnell bereit aufs vermeintlich bessere Ausland zu schauen. Besonders gerne wird das das Klischee des kalten, formalen Deutschen ins Spiel gebracht. Nur weil man in Spanien geduzt wird, jedem Fremden gleich 2 Kússe auf die Wange gehaucht werden oder noch schlimmer man gleich "Cariño" genannt wird, nun das ist jedenfalls definitv kein Beweis fúr menschliche Wárme. Das verwechseln viele nur zu gerne.


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