Von Johannes Thumfart

Langsam schwindet der Zauber der Prêt-à-Porter-Schauen. Über das Defilee im Zeitalter des Internets.

Die Digitalisierung der Mode hat begonnen, es scheint nur noch eine Frage der Zeit bis die "First Row" zur "Empty Row" wird. Screenshot: sueddeutsche.de

Letzte Woche war es wieder so weit. Zwischen Montmartre und Montparnasse blieb kein Quadratmeter unvermietet, die Pariser Taxifahrer waren notorisch überlastet und die Restaurants im Marais proppevoll mit wohlhabenden Schwulen. Das alles ist zwar in der Stadt an der Seine immer so, doch in der Zeit zwischen September und Oktober treffen diese Klischees ganz besonders zu. Die Metropole hat mal wieder das gemacht, was sie am besten kann: Welthauptstadt der Mode zu sein.

Für viele Designer und Fashionistas ist die Pariser Woche des Prêt-à-Porter das letzte Refugium des Aristokratischen in der von ordinateurs (Computern) und mondialisation (Globalisierung) beschleunigten Welt. Der typisch französische Wahn, im starrköpfigen Widerstand gegen den globalen Zeitgeist alles möglichst artisanal (handgemacht) und de tradition halten zu wollen, bestimmt auch die Prêt-à-Porter-Schauen. Während anderswo Schulterklopfen die Regel ist, tut man hier immer noch unberührbar, wird durchgewunken, steht Schlange und pokert um handgeschriebene Einladungen in mindestens vier verschiedenen Kategorien, ganz als wäre die Ära des Ancien Régime nie zu Ende gegangen.

Die äußere Größe zählt

Mitunter muss, wie bei der Präsentation von Rick Owens, selbst die Vogue draußen bleiben und Legenden wie Purple-Magazin-Gründer Olivier Zahm warten eine halbe Stunde lang darauf, einem Mittzwanziger wie Gareth Pugh gratulieren zu dürfen. Bisweilen vergießen auch Profis, wie bei der 20-Jahr-Feier des Maison Martin Margiela, echte Tränen der Rührung, beziehungsweise eines drohenden Nervenzusammenbruchs. In der Mode ist es in Paris, so scheint es, immer noch die innere und vor allem äußere Größe, die zählt, und nicht der zu erwartende Profit.

Offenbar wird diese nostalgische Vorstellung der Pariser Modewelt auch noch heute von vielen geteilt. Hoffnungsvoll hatte sich etwa der Londoner Wunderknabe Gareth Pugh dieses Jahr dazu entschlossen, zum ersten Mal in Paris zu zeigen. In Paris sei es, so Pugh, im Gegensatz zu London oder New York möglich, große Kunst auf den Laufsteg zu bringen, die nicht zuallererst nach ihrer kommerziellen Verwertbarkeit beurteilt werde. Wie zu erwarten, war die Show des Futuristen Pugh ebenso einer der Höhepunkte der diesjährigen Prêt-à-Porter-Woche wie eine innige Verbeugung vor der Pariser Tradition. Der sonst für seine Fetischmode bekannte Designer schreckte nicht einmal davor zurück, Chiffon zu verwenden.

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