Von Martina Knoben

Der Mann, der zwischen den Türmen des World Trade Centers balancierte: Ein Dokumentarfilm zeigt die waghalsigen Aktionen des Seiltänzers Philippe Petit.

Man on wireGrossbild

Seiltänzer Philippe Petit über den Niagara-Wasserfällen. (Foto: ap)

Die Schwere, die dem Dokumentarfilm scheinbar naturgegeben innewohnt, die ihm zur Last geworden ist, als Image-Problem und vermeintlicher Zwang zur Seriosität - sie ist in "Man on Wire" vollkommen überwunden. Selten korrespondieren Inhalt und Form eines Films so vollendet wie hier: Der Film von James Marsh über einen spektakulären Seiltanz ist selbst ein so luftiges Kunststück, wie es nur die Beherrschung eines Metiers hervorbringen kann.

Das Bild, in dem die Verbindung von Leichtigkeit und Perfektion kulminiert, ist atemberaubend: Da spaziert ein Mann auf einem Drahtseil zwischen den Türmen des World Trade Center hin und her. Achtmal überquert der französische Seiltänzer Philippe Petit am 7. August 1974 den Abgrund, läuft vor und zurück, kniet auf dem Seil und lässt die Beine baumeln. 45 Minuten verbringt er auf diese Weise in 417 Metern Höhe. Zwischen den massiven Stahltürmen des World Trade Center, über der auch akustisch wuchtig präsenten Stadt wirkt das drahtige, ganz in Schwarz gekleidete Männchen mit der Balancierstange noch kleiner. Petit ist ein Punkt in der Leere, das Drahtseil kaum zu sehen.

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Während etwa Pepe Danquart in seinem Extrem-Bergsteigerfilm "Am Limit" das Heroische betont und auch die Kamera äußerste Anstrengung dokumentiert, kreieren Petit und Marsh die Illusion von Mühelosigkeit, ganz in der Tradition des Films als Jahrmarktsattraktion. Zur zauberhaften Atmosphäre trägt auch die Filmmusik von Michael Nyman bei, die Petit selbst beim Training ausschließlich hört. Petit, der ohne jede Sicherung arbeitet, fordert den Tod heraus - indem er mit ihm flirtet! Auf dem Seil ist dieser Mann ganz bei sich; einmal legt er sich hin, als träume er. "Wie schön, wie schön", ruft seine damalige Freundin Annie noch heute aus und hat Tränen in den Augen.

Auch Marsh arbeitet gewissermaßen ohne Netz, die Sicherheit, die Gattungsgrenzen bieten, hat der Regisseur, der zuvor "The King" und "Wisconsin Death Trip" gedreht hat, nicht nötig. Das, was nicht dokumentiert wurde, was sich vielleicht nicht dokumentieren lässt, wird von ihm nachinszeniert, ohne die üblichen Unbeholfenheiten, ohne mit dem Zaunpfahl die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion zu markieren. Ist "Man on Wire" also noch ein Dokumentarfilm?

Aber ja doch, weil die artistische Leistung im Zentrum tatsächlich stattgefunden hat und auch dokumentiert wurde; genauso wie die Akteure "real" sind, vor allem Petit, der auch heute noch kriminell viel Energie und Charisma ausstrahlt, keine Minute stillsitzen kann und jeden Raum in eine Bühne verwandelt - ganz so, wie er architektonische Wahrzeichen der Macht für seine Auftritte okkupierte. "Man on Wire" gewinnt seine Überzeugungskraft jedoch nicht nur durch solche Inhalte, sondern maßgeblich durch seine Form, das ist das Begeisternde an diesem Film, was ihm unter anderem den Grand-Jury- und den Publikumspreis in Sundance einbrachte.

Es gibt kein Warum

Besonders charmant sind die Elemente des Heist-Films, mit denen Marsh seine Geschichte versieht - ein Genre, in dem es ebenfalls um äußerste Professionalität im Kriminellen geht, deshalb sind die Erzählmuster so passend. Paul Auster, ein Freund Petits, nennt den Seiltanz zwischen den WTC-Türmen "das künstlerische Verbrechen des Jahrhunderts". Denn natürlich war es auch damals nicht legal, zwischen den - noch im Bau befindlichen - Türmen hin und her zu spazieren.

Monatelang wurde der "Coup" vorbereitet, unter dem Vorwand, Journalist zu sein, interviewte Petit den WTC-Bauleiter Guy F. Tozzoli, verschaffte sich einen gefälschten Zugangsausweis, um schließlich mit Hilfe von Komplizen das schwere Equipment ins oberste Stockwerk zu schaffen. Das ist spannend wie ein Thriller; vor allem in den Rückblenden, die in Frankreich spielen, verströmt der Film aber auch die romantisch-anarchische Atmosphäre der Nouvelle Vague mit ihren schönen jungen Menschen. "Warum?" wird Petit nach seinem Seiltanz zwischen den Türmen von der Polizei gefragt. "Die Schönheit", sagt er, "besteht darin, dass es kein Warum gibt."

Pfeil und Bogen im Gepäck

Wie nebenbei wird eine Zeit lebendig, in der Nixon zurücktrat wegen der Watergate-Affäre, Manhattan schmutzig und gefährlich war und fünf Jungs mitfranzösischem Akzent am John-F.-Kennedy-Flughafen einreisen konnten, mit Drahtseilen, Werkzeug sowie Pfeil und Bogen im Gepäck. Die USA waren eine himmelstürmende Nation, die es sich leisten konnte, einen Mann wie Petit straffrei ausgehen zu lassen. Dem Nimbus des Landes wie des WTC haben solche Aktionen natürlich nur genutzt.

9/11 wird in Marshs Film mit keinem Wort erwähnt, das muss, ja darf auch gar nicht sein: Bilder der einstürzenden Türme oder der Ruinen könnten das luftige Gespinst des Films zerstören. Man muss "Man on Wire" vor dem Hintergrund der Bush-Ära sehen, als der Überschuss an Energie, die Leichtigkeit und poetische Rebellion, die in Petits Aktion stecken, regelrechte Phantomschmerzen auslösten.

MAN ON WIRE, GB 2008 - Regie: James Marsh. Kamera: Igor Martinovic. Schnitt: Jinx Godfrey. Musik: Michael Nyman / J. Ralph. Mit: Philippe Petit, Ardis Campbell. Arsenal, 94 Minuten.

(SZ vom 22.1.2009/holz)

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