Von Bernd Dörries

Stuttgarts Kommissar Bienzle war nirgendwo so unbeliebt wie in Stuttgart selbst. Der neue "Tatort" mit Richy Müller soll urbaner, schneller und vor allem weniger schwäbisch sein.

Die Stadt musste sich nicht verändern. Es war ja alles schon da, die Straßen, die Plätze, die Kulisse. Aber vielleicht wird das, was dort gedreht wurde, die Stadt verändern. Zumindest das Bild von ihr.

Das Bild von Stuttgart, so befürchtete man vor allem in Stuttgart, wurde in den vergangenen Jahren auch vom Tatort in der ARD geprägt. Vom schwäbelnden Kommissar Bienzle, von Viertelesschlotzern, vom Hausmeister und der Kehrwoche. Bienzle war wohl nirgendwo so unbeliebt wie in Stuttgart selbst. Viele haben Bienzle persönlich genommen. Weil man gar nicht so sei wie er. Oder nicht so sein wollte. Was sollen bloß die Leute denken? Von dieser Stadt. Ha noi.

Die Menschen im übrigen Bundesgebiet haben sich wahrscheinlich gar nicht so viel gedacht, wie mancher in Stuttgart befürchtete. Bienzle war der letzte Tatort-Kommissar, der deutlichen Dialekt sprach. Nimmt man den Tatort als föderale Landeskunde, dann war Bienzle der letzte Kommissar, bei dem das Lokale nicht nur die Kulisse war. Krimi und Brauchtum. Von außen kann das authentisch wirken. Im Stuttgarter Talkessel fühlte man sich eher eingeengt.

Falsch repräsentiert

"Bienzle war schon sehr speziell, vielleicht sah sich mancher da falsch repräsentiert ", sagt Brigitte Dithard, die zuständige Redakteurin des SWR. Vielleicht habe es auch so provinziell gewirkt, weil in den Bienzle-Tatorten immer jeder jeden kannte. Und alle Schwaben waren. Jetzt gibt es einen neuen Kommissar und ein neues Bild der Stadt. Nur der Gerichtsmediziner spricht noch Dialekt, die Staatsanwältin hat argentinische Eltern, die Kriminaltechnikerin serbokroatische.

"Schneller und urbaner", so Dithard, soll der Tatort sein. Obwohl nur höchstens 20 Prozent selbst in Stuttgart gedreht wurden. Der Rest kommt aus Baden-Baden, wo die zuständige SWR-Abteilung ihren Sitz hat. Man muss also genau hinschauen.

Thorsten Lannert heißt der neue Tatort-Kommissar, der am Sonntag seinen ersten Fall löst. Er ist jung und nicht von hier. Richy Müller, der Lannert spielt, ist so etwas wie das Gegenteil von Dietz-Werner Steck, der Bienzle war. Müller hat einiges Mitspracherecht an seiner Rolle und er hat entschieden, dass er keine Familie haben will und einen Porsche fahren möchte, einen schönen alten. Der wird aber erst in der zweiten Folge geliefert. In der ersten Folge fährt Müller den Dienstwagen der Staatsanwältin zu Schrott. Es gibt eine schöne Verfolgungsjagd durch Stuttgart, wofür sich die Stadt besonders gut eignet. Es gibt hier viele große Straßen.

Das ist auch so eine Sache in Stuttgart. Die Menschen mögen ihre Straßen nicht mehr so richtig. Nach dem Krieg entschieden die Stuttgarter Stadtplaner eine Stadt für das Individium schaffen zu wollen, nach der Massenbewegung der Nazis. Man plante die autogerechte Stadt von morgen. Heute hat Stuttgart in seiner engen Innenstadt viele Straßen, aber nur "wenig Vorzeigbares", wie Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) neulich sagte. Wenig Atmosphäre, das Zentrum ist zweckmäßig eingerichtet. Deshalb sollen nun einige Straßen und auch der Bahnhof untertunnelt werden. Vor den Museen und der Oper wird die Stadtautobahn verschwinden, ein richtiger Boulevard entstehen.

In Stuttgart hat sich schon länger die Einsicht durchgesetzt, dass man zwar Bosch hat, Porsche, den Daimler und je nachdem auch den VfB, dass aber in Sachen Lebensqualität noch Verbesserungsmöglichkeiten vorhanden sind. Die Stadt hat durchgelüftet in den letzten Jahren. Bienzle war für viele so gestrig wie Gerhard Mayer-Vorfelder.

Amtlich anerkannt

Vielleicht wollten die Menschen diese Erkenntnis und die Fortschritte endlich auch im Tatort gewürdigt sehen - amtlich anerkannt. Im neuen Tatort verfolgen Richy Müller und sein Partner Bootz eine Bande von Kinderhändlern. Sie geben sich als schwules Paar aus und versuchen, sich mit einem der Hintermänner zu treffen. Sie sitzen am Treffpunkt, auf der Treppe vor dem neuen Stuttgarter Kunstmuseum, die Kamera schwenkt über den Schlossplatz, auf dem während der Fußball-WM zehntausende vor Großbildleinwänden standen. Und auf das Neue Schloss.

Es sind wenige Minuten, in denen die Errungenschaften Stuttgarts im Bild sind. Das scheint zu reichen. Schon jetzt jubeln die Stuttgarter Stadtmagazine. "Stuttgart sieht endlich aus wie Stuttgart. Stuttgart schmeckt nicht mehr nach Kehrwoche, Blockwart und Trollinger", schrieb das Magazin Lift. In einem Stuttgarter Kino zeigte der SWR die Folge vorab, die Reaktionen waren ähnlich.

Es scheint also um eine Art Authentizität zu gehen, um das Wiedererkennen. Auch wenn es nur eine Treppe ist. Man darf es nur nicht zu genau nehmen.

Im Kölner Tatort steht eine Curry-Wurst Bude am Rhein, mit Blick auf den Dom, die es in Wahrheit natürlich nicht gibt. Im Stuttgarter Tatort finden die Ermittler eine Kinderleiche im Neckar. In den echten Neckar hätte man sie kaum werfen können. Der ist in Stuttgart kein Fluss, sondern eine Wasserschifffahrtsstraße zwischen Beton und Eisen. Der eigentliche Stuttgarter Fluss ist der Nesenbach. Man hat ihn schon vor Jahrzehnten in einen Kanal gesteckt und eingetunnelt. Jetzt überlegt man, den Nesenbach wieder auszugraben. Für Kommissar Lannert ist der Neckar in der ersten Folge erst einmal der Rhein. Man muss das wohl als gezielte Provokation sehen. Lannert kommt aus Hamburg neu in die Stadt. Für ihn scheint es egal zu sein, wo er wohnt. Die Kollegen fragen ihn, warum er denn hierher gekommen ist.

Man ist sich noch nicht sicher in Stuttgart. Als vor einigen Monaten der Verlag Klett-Cotta zwei neue Verleger bekam, zwei ganz junge aus Berlin, da wurden sie von der Stuttgarter Zeitung gefragt, ob ihnen nicht das wilde Leben fehle. Das würde man hier ständig von ihm wissen wollen, antwortete der Neu-Stuttgarter Tom Kraushaar.

Holger Karsten Schmidt ist eigentlich aus Hamburg. Er hat an der Filmakademie Ludwigsburg studiert und das Drehbuch für den neuen Tatort geschrieben. Er ist aus Hamburg hierher gezogen. Wenn Leute von ihm wissen wollen warum, sagt Schmidt, der Freunde wegen. Er wohnt im Grünen, Stuttgart ist ihm ziemlich egal, einfach eine mittelgroße Stadt an einem Fluss. "Ich habe einen Krimi geschrieben, der überall spielen kann", sagt Schmidt.

Wahrscheinlich ist es genau das, wonach Stuttgart sich gesehnt hat.

(SZ vom 7.3.2008/rus)

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Leserkommentare (3)



10.03.2008 16:31:31

wischiwaschi: PS:

Zitat SZ:

""Bienzle war schon sehr speziell, vielleicht sah sich mancher da falsch repräsentiert ", sagt Brigitte Dithard, die zuständige Redakteurin des SWR."

Ich fühle mich bei deutschen Fernsehproduktionen eigentlich grundsätzlich falsch repräsentiert. Was müssen da erst die anderen über die Deutschen denken, wenn sie deutsche Produktionen gucken? Vielleicht...

... alle Deutschen wohnen in feudalen Villen mit riesigen Parkgrundstücken.

... zumindest aber in großzügigen, zentral gelegenen, 1a-sanierten Altbauwohungen in den Innenstädten der Großstädte.

... jede deutsche Putzfrau kann sich ein eigenes Häuschen leisten.

... deutsche Ärzte residieren grundsätzlich in Schlössern in Postkartenlandschaften.

... wer nicht Arzt oder Putzfrau ist, oder Kriminalkommisar, arbeitet in der Werbebranche.

... usw. usf.


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