"Eine Art Reisepass": Hat der Schriftsteller Walter Kempowski nach dem Zweiten Weltkrieg für die Amerikaner spioniert?
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"Bautzen war ein Segen für mich": Walter Kempowski im Jahr 2005. Foto: ddp
Das Leben ist voller Konspiration: Kaum hat die ARD den großen polnischen Geheimdienstmann Marcel Reich-Ranicki zwar nicht enttarnt, aber doch gefeiert, erfährt die Welt, dass der im vorvergangenen Jahr gestorbene Schriftsteller Walter Kempowski als Spion für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet hat. In einem Interview mit der FAZ erklärt der amerikanische Germanist Alan Keele, dass der 18-jährige Kempowski in Wiesbaden dem Counter Intelligence Corps (CIC) der amerikanischen Besatzungsmacht 1947 seine Dienste angeboten habe. Er und seine Rostocker Familie hätten diese Tätigkeit "als eine Art Reisepass betrachtet. Die erhofften sich davon eine Möglichkeit, leichter in den Westen zu kommen".
Das Gegenteil trat ein: Am 8. März 1948 wurde Kempowski bei einem Besuch in Rostock verhaftet und von einem sowjetischen Militärgericht zu einem Vierteljahrhundert Arbeitslager verurteilt. Wer Kempowskis Bücher kennt, weiß, wie ihn dieses Unglück geprägt hat. Auch wenn seine Kuriertätigkeit zwischen Ost und West in der offiziellen Lesart bisher nicht besonders deutlich dargestellt worden ist, gab es doch Hinweise.
Der deutlichste findet sich bei Kempowski selber. In einem Beitrag für das Merian-Haft Wiesbaden/Rheingau, das 1987 erschien, schildert er sein Leben in Wiesbaden: "Ich saß im Café Blum und trank illegalen Schnaps, zu Tarnungszwecken aus einer Kaffeetasse, oder ich lag im Pariser Hof in einer Wanne und las Hemingway."
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In den handelsüblichen Reminiszenzen, wie sie nicht nur von der staatstragenden Geschichtswerkstatt Guido Knopp am Fließband produziert werden, binden sich entbehrungsbereite Trümmerfrauen das Tuch noch fester um den Kopf, achten nicht des Hungers und der allgemeinen Not, sondern schaffen aus zerbombten Städten das moderne Deutschland, während Ludwig Erhard dem besiegten Volk die D-Mark schenkt und dazu eine dicke Zigarre schmaucht. Unvermeidlich blüht das Wirtschaftswunder, die Bundesrepublik entsteht, das Grundgesetz wird verkündet und drüber weh'n die Fahnen schwarz, rot und gold.
Nicht alle freilich mussten entbehren. "Irgendwo zwischen Röderstraße und der Langgasse gab es ein Nachtkabarett, zu dem auch Deutsche Zutritt hatten. Da kostete die Flasche Wein hundert Mark (. . .). Zweimal täglich bekamen wir eine warme Mahlzeit, Corned beef, Mais, Pudding, und wir wurden sehr beneidet von den Wiesbadenern, die es nicht so gut hatten wie wir." Ja, schön war die Zeit für den jungen Walter Kempowski, der 1947/48 als Verkäufer in einem Lebensmittelgeschäft für amerikanische Soldaten arbeitete.
Aber auch wenn er von den Segnungen der westlichen Welt zu profitieren wusste, macht ihn das noch lange nicht zum Spion. Unter grauenhaften hygienischen Bedingungen musste Kempowski im "Gelben Elend" in Bautzen vegetieren, und doch sagte er später "Bautzen war ein Segen für mich", denn dort wurde er zum Schriftsteller. In der Gefangenschaft sagte er sich den Roman seines Lebens vor, den er draußen schreiben würde, in der Freiheit, im Ton des klassischen deutschen Bildungsromans, aber für die geneigten Amerikaner schon Englisch formuliert: "My father was a shipowner and my mother was always friendly . . .".
Acht Jahre saß er in Bautzen, ehe er in die Freiheit und die Bundesrepublik entlassen wurde. In der Haft hatte er sich eine glänzende Rehabilitierung erträumt. In Wiesbaden würde er bei den Amerikanern eine Pressekonferenz geben, nein, besser gleich in New York, am allerbesten vor der Vollversammlung eine Rede: "Behutsam und leise ein einzelnes Wort fallen lassen von äußerstem Gewicht, dann noch ein Wort, größer und größer werden, höher hinauf!"
Doch die Amerikaner rehabilitierten nicht ihn, sondern - mit Verzögerung - seine Leser. Sie ließen sich von dem Ex-Häftling die Geschichte einer bürgerlichen Familie aus Rostock erzählen, über die 1948 das Unheil der deutschen Geschichte hereinbricht.
(SZ vom 4.5.2009/korc)


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