Von Alex Rühle

Außer einem turtelnden Präsidentenpaar hat die Grande Nation doch noch ernsthafte Leidenschaft zu bieten: Theaterregisseurin Ariane Mnouchkine stellt chinakritische Filme gegen Folter ins Netz. Die Videos.

Kampagne: Amnesty InternationalGrossbild

Die preisgekrönte Fotokampagne von Amnesty International gegen Folter in China wurde offiziell zurückgezogen. (Screenshot: http://blog.calii.fr)

Es steht nicht gut momentan um die französisch-chinesischen Beziehungen. Erst haben renitente Demonstranten den Chinesen die telegene Inszenierung des Fackellaufs durch Paris verdorben.

Staatliche chinesische Reisebüros strichen daraufhin bei ihren Europarundreisen alle französischen Orte aus ihrem Programm. Und der Künstler Wang Guangyi sagte seine Teilnahme an einer Pariser Ausstellung ab, weil er sich über "diese permanenten Menschenrechtsproteste" der Franzosen ärgerte.

Dann waren wieder die Franzosen dran: Zuerst drohte Nicolas Sarkozy mit einem Boykott der Eröffnungszeremonie in Peking. Einige Tage später präsentierte die französische Sektion von Amnesty International eine preisgekrönte Kampagne, Bilder, die Sport mit Unterdrückung und Misshandlung verschränkten: Ein Chinese wird in einer Schwimmhalle von Sicherheitskräften mittels Water Boarding gefoltert; eine Frau ist in einer Zelle an die Stange eines Gewichthebers gekettet.

Man kann nicht davon ausgehen, dass sich Sarkozy mit Amnesty abspricht, aber merkwürdig ist schon, dass der französische Präsident plötzlich doch seine Teilnahme versprach, um wie er ausrichten ließ, den chinesischen Nationalstolz nicht zu verletzen, und Amnesty Frankreich fast zeitgleich die Kampagne zurückzog.

Das Aufatmen, das daraufhin durchs diplomatisches Corps ging, war weithin zu hören. Jetzt aber kommt diese Querulantin daher und schüttet wieder Öl ins olympische Feuer . . .



Quelle: YouTube

Drei kleine Filme, der längste dauert knapp zwei Minuten: Ein Athlet steht hoch oben auf einem Sprungturm, er breitet die Arme aus, alles an ihm ist nervöse Konzentration vor dem Sprung, der Blick nach innen, unter der Haut arbeiten die Muskeln wie Tiere im Gebüsch, gleich wird er springen.

Plötzlich hört er Lärm, zehn Meter unter ihm protestieren Dissidenten für Redefreiheit und Menschenrechte. Sie werden von Polizisten gewürgt und abgedrängt. Der Sportler ist irritiert, eine Minute schaut man ihm nur dabei zu, wie er versucht, seine Konzentration wiederzufinden, am Ende aber dreht er sich um und tritt ab.



Quelle: YouTube

Die Szene haben sich die französische Regisseurin Ariane Mnouchkine und ihr Schauspielensemble ausgedacht und zusammen mit Exiltibetern und -chinesen in Szene gesetzt; sie ist einer von drei Boykott-Aufrufen, die jetzt auf YouTube zu sehen sind.

Einer richtet sich an die Touristen, einer an die Sportler, der dritte, szenisch stärkste, appelliert an die Politiker, die nun eben doch zu den Eröffnungsfeierlichkeiten fahren werden.

Er heißt nur "Un couple", womit für alle Franzosen klar ist, um welches Paar es sich da handelt, man sieht sie von hinten, die beiden sitzen am Rand der Tartanbahn, vor ihnen wärmen sich Läufer auf, er nestelt noch nervös an seinem Handy herum, sie legt ihm beruhigend den Arm auf die Hand, da stellt sich ein Demonstrant vor das Präsidentenpaar.

Der Störenfried wird mit dem Startschuss für die Läufer exekutiert, der Arm der Präsidentengattin ist blutbespritzt. Ein Schriftzug beendet die Szene: "Beruhigen Sie sich, das werden Sie nicht sehen. Das wird alles erledigt, bevor Sie kommen."



Quelle: YouTube

Mnouchkine hätte den Zeitpunkt nicht besser wählen können für die Veröffentlichung ihrer Filme. Seit dem Erdbeben von Sichuan ist alle künstlerische Kritik an den Spielen verstummt (gut, es gab die dummen Sätze von Sharon Stone, in dem Beben hätte sich nicht nur tektonische Spannung, sondern auch das schlechte Karma der chinesischen Führung entladen, aber lassen wir das).

Irgendwie scheinen sich alle in einer Art resignativem Pragmatismus eingeigelt zu haben. Die französische Amnestysprecherin sagte, man habe die Kampagne zurückgezogen, "aber die Botschaft, dass der Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen nach den Sommerspielen weitergehen muss, unterstützen wir zu 200 Prozent."

Wie traurig. Der einzige Moment, an dem man die chinesische Führung durch etwas so Lächerliches wie Bilder und Filme ärgern kann, dürfte jetzt sein. Die schäumenden Kommentare auf YouTube zeigen jedenfalls, wie tief Mnouchkine die Chinesen mit ihren kleinen Szenen ins Mark traf.

(SZ vom 22.07.2008/mst)

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Leserkommentare (5)



23.07.2008 10:51:27

postit: @charmzou

Es geht in den Clips nicht um Olympia und China. Jedenfalls nicht als künstlerische Intention. Dass die Kommentatoren aus China, ob der gezeigten Darstellungen, vor Wut schäumen ist nicht verwunderlich. Schließlich wird in den Videos absichtlich zugespitzt.

Trotzdem sind Chinesen nicht die avisierte Zielgruppe dieser Videos und so gesehen ist der letzte Satz des Artikels auch irreführend.

Mnouchkine geht es nicht um Menschenrechtsverletzungen in China, sondern um den bigotten Umgang mit diesen hier im Westen. Deshalb meine ich, dass Ihr Kommentar an dieser Stelle im Forum falsch platziert ist. Er würde gut zu einem Artikel über chinesische Menschenrechtsverletzungen passen.


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