Von von Rebecca Casati

Seine Fotoagentur bestimmt über unser Bild von der Welt: Ein seltenes Treffen mit Mark Getty.

Gedächtnis unserer Zeit: Ein Archivfoto eines Arbeiters vor 75 Jahren beim Bau des Empire State Building. (Foto: AFP)

Mark Getty hat etwas Unbezahlbares: seinen Spruch. Getty ist 45 Jahre alt und stammt nicht nur aus einer der reichsten, sondern auch legendärsten Familien Amerikas.

Sein Großvater Jean Paul Getty hat ein Öl- Imperium geschaffen, ein fabelhaftes Museum, eine Sage und, wie manche sagen, auch einen Bann. Als Enkel dieses Mannes prägt man normalerweise keinen Spruch, man wird an den Sprüchen seines Großvaters gemessen.

So war es auch bei Mark Getty. Aber dann kamen die neue Technologie und das Jahr 2000, und da sagte Mark Getty zu einem Reporter des Economist: „Geistiges Eigentum ist das Öl des 21. Jahrhunderts.“

Eine halbe Milliarde Dollar

Da war er. Sein Spruch. Eine große Wahrheit. Und die Wachablösung innerhalb einer Dynastie. „Getty Images“, dieser Name erscheint wahrscheinlich häufiger in der Presse als der von George W. Bush.


» Geistiges Eigentum ist das Öl des 21. Jahrhunderts «

Getty Images ist eine digitale Fotoagentur, gegründet Mitte der Neunziger, als der Milliardenerbe und Banker Mark Getty keine Lust mehr hatte, vor allem Banker und Milliardenerbe zu sein.

Auf einem Blatt Papier hatten er und sein Freund und Kollege Jonathan Klein einen Finanzplan für ein nicht näher benanntes Unternehmen entworfen.

Mit diesem Papier hatten sie Mark Gettys Vater Sir Paul Getty, Marks Onkel Gordon und noch andere überredet. So lange, bis sie eine halbe Milliarde Dollar zusammen hatten. Mit dieser Ausrüstung waren sie auf die Suche gegangen: nach dem Öl des 21. Jahrhunderts.

In wetterfester Freizeitkleidung

Sie sichteten und verwarfen Immobilien- und Manufakturoptionen. „Wir hatten eine halbe Milliarde in Cash“, sagt Jonathan Klein, aus dessen Mund Zahlen so klingen wie lustige bunte Bälle, die man in die Luft wirft und paar Mal aufspringen lässt. „Sie können sich vielleicht vorstellen, wie viele Angebote wir bekamen und wie oft wir nein, nein, nein gesagt haben.“

Bis man ihnen eine erfolgreiche Bildagentur zum Kauf anbot: „Wir besuchten die Kunden, die Konkurrenten, die Fotografen. Alle erzählten uns alles, niemand fühlte sich bedroht. Denn wer waren wir schon? Uns aber war schnell klar: Das ist es, wir haben es. Sofort kaufen, Geschäftsprinzipien einführen und: digitalisieren!"

Das war vor elf Jahren. Damals gab es eine ambitionierte und viele unübersichtlich organisierte Agenturen. Heute gibt es zwei alles bestimmende: Corbis und Getty Images. Und eine, die profitabel ist. Das ist Getty Images.


» Wir hatten eine halbe Milliarde in Cash, Sie können sich vielleicht vorstellen, wie viele Angebote wir bekamen und wie oft wir nein, nein, nein gesagt haben «

Sponsor der Fußball WM

Wer Mark Getty und Jonathan Klein sieht, denkt nicht an Öl oder Digitalisierung, auch nicht an einen Bann. Der Betrachter sieht etwas völlig Unprätentiöses: Zwei lebhafte Männer in wetterfester Freizeitkleidung, wohl Freunde oder zumindest gute Kollegen, die angeregt diskutieren und mit großen Schritten die Welt durchmessen.

An diesem Tag ist die Welt ausgelegt mit dem Teppichboden eines Pressezentrums in Turin. Getty Images haben hier die Olympischen Spiele gesponsert, im Sommer werden sie in Deutschland sein und die Fußball-WM sponsern. Zwischendurch kleidet man sich vernünftig und diskutiert angeregt.

Jonathan Klein ist gebürtiger Südafrikaner, Mark Getty gebürtiger Amerikaner mit irischer Staatsbügerschaft. Klein wohnt in Seattle, Getty pendelt zwischen London und Siena in Italien. Ihre Kunden, Mitarbeiter und ihre 120 festangestellten Fotografen verteilen sich über die Welt.

Fast jeder Mensch sieht mindestens einmal am Tag eine Filmsequenz oder ein Foto von Getty Images. Innerhalb von elf Jahren haben sie eines der profitabelsten Medienimperien der Welt aufgebaut, inklusive Börsengang. Ihre Laune ist verständlicherweise prächtig.

Geist und Materie

Mark Getty hat nicht nur Milliarden geerbt, sondern auch die Getty-Geschichte, die im kollektiven Gedächtnis als schillernd, tragisch, skurril, glamourös und außerordentlich vertäut ist. Mit Geist und Materie ist der Name Getty verknüpft, mit Instinkt und Genie, mit Kultur und Geschäft, genauso aber auch mit Ausschweifung und Tod.

Mark Gettys Großvater, der Ölmagnat Jean Paul Getty senior, war einer der ersten Milliardäre der Welt. Um trotzdem Telefonkosten zu sparen. hatte er für seine Gäste ein Münztelefon im Haus aufstellen lassen. Mark Gettys Bruder Paul III. wurde als Teenager von der sizilianischen Mafia entführt und fünf Monate lang in einer Scheune in Kalabrien angekettet.

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