Von Charlotte Frank

Einsamkeit, Überforderung, Erschöpfung: Noch nie war die Zahl der ausgebrannten katholischen Geistlichen so hoch wie heute. Immer mehr Priester brauchen eine Therapie.

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Burn-out: Warum auch sollte ein Phänomen, das unter Arbeitnehmern in der freien Wirtschaft verbreitet ist, nicht genauso in der Kirche vorkommen? (Foto: iStock)

Gerade jetzt will die Vorstellung so gar nicht passen, ausgerechnet an Ostern, wo ein Priester doch tagelang funktionieren und predigen und feierlich sein muss. Gerade jetzt wirkt das besonders befremdlich: Dass ein Seelsorger eine beschädigte Seele haben kann.

Zu einem besseren Zeitpunkt hätte Wunibald Müller seine Warnung also kaum anbringen können: Noch nie sei die Zahl der ausgebrannten katholischen Geistlichen so hoch gewesen wie zurzeit, sagt Müller, der im fränkischen Münsterschwarzach das Recollectio-Haus leitet, das einzige Therapiezentrum für katholische Seelsorger in Deutschland.

Das Zentrum, das von acht Diözesen mitfinanziert wird, behandelt 18 katholische Geistliche jeweils ein Vierteljahr lang, außerdem bietet es Kurzzeittherapien und Kriseninterventionen. Das Haus ist auf Monate ausgebucht.

Typische Anzeichen des Burn-out-Syndroms

Die Priester und Ordensschwestern, die ins Recollectio-Haus kommen, sind Menschen, die ein Leben lang anderen Hilfe und Halt gegeben haben und plötzlich selbst keinen Ausweg mehr wissen. Sie alle sind, sagt Müller, müde, traurig, erschöpft und lustlos. Typische Anzeichen des Burn-out-Syndroms.

Warum auch sollte ein Phänomen, das unter Arbeitnehmern in der freien Wirtschaft verbreitet ist, nicht genauso in der Kirche vorkommen? Auch hier sind die Belastungen stark gestiegen; so müssen manche Priester inzwischen fünf Pfarreien betreuen. Im Bistum Essen zum Beispiel, wo eine radikale Strukturreform durchgesetzt wurde, sind 259 ehemals selbständige Gemeinden zu 43 Großgemeinden zusammengefasst worden.

"Alleine körperlich ist das aufreibend", sagt Müller, psychisch aber sei die Belastung als Seelsorger für bis zu 10000 Menschen kaum zu bewältigen. Bei der Deutschen Bischofskonferenz betrachtet man auch neue Rollenkonflikte mit Sorge, in die Priester dadurch geraten: Die Geistlichen müssten gleichzeitig Verwalter und Seelsorger sein, sagt Pater Hans Langendörfer, der Sekretär der Bischofskonferenz. Das sei für Pfarrer viele extrem schwierig.

Wunibald Müller sieht noch ein anderes Problem, das an Priestern genauso wenig vorbeigeht wie am Rest der Gesellschaft: Ein "ungesunder Gebrauch" des Internets. "Gerade katholische Priester, die durch den Zölibat viel alleine sind, versuchen, den Mangel an Erfahrung und Intimität durch das Internet aufzubrechen", sagt er.

"Viele sind vereinsamt"

Kontakte würden nur noch über Chat-Räume gepflegt und Langeweile durch Surfen und Spielen am Computer erstickt. "Viele Männer, die zu uns kommen, sind vereinsamt", sagt Müller. Er warnt aber davor, ihre Probleme allein auf den Zölibat zurückzuführen.

Keine 50 Kilometer vom katholischen Recollectio-Haus entfernt gibt es eine ähnliche Einrichtung der evangelischen Kirche, das Respiratio-Haus. Auch dort herrscht reger Zulauf, auch in der evangelischen Kirche wächst die Arbeitsbelastung. Doch während die Katholiken meistens unter Einsamkeit leiden, kommen die Protestanten am häufigsten wegen Sorgen in der Ehe.

Sowohl im Recollectio- als auch im Respiratio-Haus sieht man den Andrang aber auch positiv: Er liege nicht nur an wachsenden Problemen der Geistlichen, sondern auch an der größeren Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. "Männer können das oft nicht, und Priester erst recht nicht", sagt Müller. Seit etwa fünf Jahren würde sich das bessern. Die Einsicht wächst, dass auch ein Seelsorger sich manchmal um die eigene Seele kümmern muss.

(SZ vom 09.04.2009/mri)

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Leserkommentare (17)



17.04.2009 09:43:13

f.j.neffe: Der kleine Unterschied zwischen: DER Glauben und DAS Glauben

Der Pfarrer ist für DEN Glauben zuständig aber er weiß nicht wie DAS Glauben geht. Wenn jemand kommt und ihm sagt: "Herr Pfarrer, ich kann nicht mehr glauben", dann kommt raus, dass er es auch noch nie konnte und dass er es einem folglich auch nicht zeigen kann. Wenn man leere Formeln wiederholt, dann hat das fatalerweise nicht keine Wirkung sondern es macht einen immer leerer und leerer, und das tut irgendwann weh.

Der Hüter des Glaubens (Substantiv) ist inkompetent für DAS Glauben (Verbum) und darin stehen wir ihm alle nicht nach. Folglich wäre Häme nur ein Zeichen eigenen Unverständnisses und die Aufgabe für ALLE ist: endlich DAS Glauben zu lernen und nicht ausweichenderweise noch mehr DEN Glauben.

Als Ich-kann-Schule-Lehrer untersuche ich DAS Glauben und die Folgen davon und kann nur dringend raten, dass wir ALLE endlich anschauen, um was es da geht, denn wir machen es ALLE zu unseren Ungunsten verkehrt. Ein einfaches Vorbild, von dem man es konkret praktisch lernen könnte, DAS Glauben, wäre der franz. Apotheker Émile Coué (1857-1926) mit seiner Autosuggestion; auf dieser Basis habe ich es auch schon in der Priesterausbildung als Lebensschlüssel anbieten können. WAS wir glauben, wird unser Schicksal so WIE wir es glauben; Wenn es uns bewusst wird, können wir es ändern. Ich grüße freundlich.

Franz Josef Neffe


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