Von Simone Kosog

An Sudbury-Schulen lernen Kinder ohne Klassen und Noten - und Skeptikern zum Trotz auch ohne Chaos.

SchulanfangGrossbild

Frontalunterricht ist an Schulen, die nach der Sudbury-Methode unterrichten, nicht vorgesehen. (Foto: AP)

Es gab eine Zeit, da hat Willemijn Hartkamp, Schülerin im holländischen Amersfoort, ganze Schultage lang aus dem Fenster gestarrt. "Die Lehrer haben mir nichts zugetraut, ich hatte schlechte Noten, und in der Klasse war ich nicht gerade beliebt", erzählt die 16-Jährige. "Ich war kurz davor, depressiv zu werden." Damals begann eine große Diskussion im Haus der Familie Hartkamp: Was ist denn eigentlich Lernen? Und wie müsste die ideale Schule aussehen?

Am Ende stand der Entschluss, eine eigene Schule zu gründen. Eine Schule nach dem Sudbury-Modell, deren erste 1968 in den USA, im Sudbury-Tal von Massachusetts, eröffnet wurde. Dort entscheiden die Schüler selbst, was und wie sie lernen. Es gibt keine Noten, keine Klassen und Unterricht nur dann, wenn die Schüler es wünschen. Sie haben die gleichen Rechte wie die Lehrer.

Deutschland hinkt hinterher

Mit diesen Merkmalen gehören die Sudbury-Schulen zur Bewegung der "demokratischen Schulen", von denen es weltweit mittlerweile mehr als 100 gibt. In Deutschland bemühen sich die meisten Initiativen bisher allerdings vergeblich um eine Genehmigung. "Das hängt auch damit zusammen, dass das deutsche Schulsystem mehr als andere von Hierarchien geprägt ist", sagt der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann von der Universität Siegen, der sich seit langem mit dem Thema beschäftigt.

Zu den wenigen demokratischen Schulen hierzulande gehört die Neue Schule Hamburg, mitbegründet von der Sängerin Nena, die sich ebenfalls an Sudbury orientiert - und prompt in die Kritik geraten ist. Von prügelnden Schülern und großem Durcheinander war die Rede. Die Schulgründer beteuern, Gewalt werde auf keinen Fall toleriert. Und die Erziehungswissenschaftlerin Tanja Pütz von der TU Dortmund, die die Schule wissenschaftlich begleitet, betont, im Laufe des ersten Schuljahrs seien viele verbindlichen Regeln entstanden. "Von Regellosigkeit kann nicht gesprochen werden."

Auch als die Hartkamps und ihre Mitstreiter vor eineinhalb Jahren ihre neue Schule "De Kampanje" im Flügel eines alten Klosters eröffneten, war die Skepsis zunächst sehr groß. Wie sollen Kinder lernen, wenn ihnen niemand eine Richtung vorgibt? "Jeder Mensch trägt die Motivation zu lernen in sich, wenn man ihn lässt", argumentieren die Sudbury-Anhänger. Die andere Sorge: Sowas muss im Chaos enden!

Lesen mit Vergnügen

Die Kampanje beweist allerdings bisher das Gegenteil. Entspannt und freundlich geht es hier zu. Erst zehn Schüler gibt es momentan, es sollen einmal 85 werden. Ein Junge arbeitet am Computer, ein Mädchen spielt Gitarre, ein paar Kinder toben draußen. Ordentlich ist es, in der Sitzecke, auf den Arbeitstischen, genauso in der Chemie-Abteilung. Denn für alles hier gibt es Regeln - nachzulesen in einem dicken Ordner, vom Grundsätzlichen (niemand darf einem anderen Gewalt zufügen) bis zum Speziellen: In der Schule wird nicht gerannt, und wer die Kaffeemaschine benutzen will, muss ein Zertifikat erwerben.


» Das ganze Auswendiglernen kann man vergessen. «

Neurobiologe Gerald Hüther

Willemijn geht summend durch die Räume. Das Lernen ist für sie nun tatsächlich ein Vergnügen. Mit Hilfe von Harry Potter und einem Wörterbuch hat sie Englisch gelernt. Kein Schulgong hat sie unterbrochen. Jetzt brennt sie für ein neues Projekt: Gemeinsam mit anderen will sie ein Musikfestival organisieren. Ein Ort muss gefunden werden, ein Termin, die Bands, die Finanzierung. Es ist diese Art von Lernen, um die es an der Kampanje geht, aus eigener Begeisterung heraus, mit Aufgaben aus dem Leben. Glaubt man dem Neurobiologen Gerald Hüther, ist dies der einzig wirkungsvolle Weg. "Lernen ist nur nachhaltig, wenn es erfahrungsbasiert ist. Das ganze Auswendiglernen kann man vergessen", sagt Hüther.

Auch die anderen Schüler schätzen ihre Freiheit und ihre Verantwortung: Linda konnte irgendwann lesen und weiß selbst nicht genau, wie sie es gelernt hat. Patricia studiert Niederländisch, freiwillig, weil es sie interessiert und natürlich auch, weil es ihr später nützen könnte. Das Mädchen lernt mit Hilfe eines Internetprogramms, manchmal fragt sie Lehrer, die hier Mitarbeiter heißen, oder Mitschüler, oder sie liest ein Buch. "Die Schüler wählen ganz unterschiedliche Wege, um an Wissen zu kommen", sagt Anjo Snijders, einer der Mitarbeiter.

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Leserkommentare (8)



02.10.2008 14:57:55

f.j.neffe: Und wenn ich Dir zeige, was Du für fantastische Talente hast?

Lernen bedeutet immer ERFAHRUNGEN MACHEN. Unsere Pädagogen - die der Wortbedeutung nach KINDERFÜHRER sein und mit mitreißendem Beispiel vorausgehen sollten - sind als UNTERRICHTSVOLLZUGSBEAMTE auf eine Planstelle gesetzt. Sie vollstrecken den Lehrplan ihm Auftrag der Staatsgewalt am Objekt Schüler. Statt SOG zu erzeugen machen sie DRUCK. So ist es nicht verwunderlich, dass bei ihrer "ErZIEHung" stets das Gegenteil dessen herauskommt, was sie beabsichtigten. Erstaunlich, dass eine ganze auf Wissenschaft verschworene Pädagogik diesen Irrsinn weltweit über Jahrzehnte mitmacht und bis zum Gehtnichtmehr gesteigert hat. Im formalen Perfektionswahn haben wir SCHULE zur Zwangsanstalt gemacht, auch bei "modernen Unterrichtsformen", auch sie werden in kleinkarierten GEIST der Beglückung angewandt. Diese Schulen sind das Gegenteil von SCHULE, sie sind Du-musst-Schulen. Seit über 30 Jahren halte ich dieser Du-musst-Schule mit der neuen Ich-kann-Schule den Spiegel vor.

Ich muss mich als Lehrer nicht für alle Verfehlungen aller bisherigen Unterrichtsvollzugsbeamten zur Abwechslung der Willkür der Schüler unterwerfen. Ich kann jederzeit ein Angebotmachen, das ZIEHT. Ich habe kein Recht, meine Schüler zum Mitmachen zu erpressen, damit ich in den Lehrnachweis schreiben kann, dass ich die Lehraufgabe erfolgreich vollzogen habe. Als Lehrer sollte ich etwas von den Kräften des Lebens und den Talenten verstehen und vom Umgang damit. Wenn ich einem Menschen Gelegenheit gebe, seine unbewussten Schätze zu erkennen und zu heben und damit wichtig zu werden und Einfluss auszuüben, dann möchte ich den sehen, der keine Lust hat, mein Interesse und meinen Respekt für seine Potentiale entgegenzunehmen. Dazu muss ich aber erst einmal meine eigenen Kräfte verstehen und mit ihnen umgehen können. All das lernt man in der Ausbildung zum Unterrichtsvollzugsbeamten nicht! Die Schule und ihre Pädagogik leben für die Unkunst des Fügens: Einfügen, mitmachen, willig sein, sich unterwerfen´, darauf läuft ihre Verunselbständigung und Lebensveruntüchtigung hinaus. In der Ich-kann-Schule dagegen ist jedes Kind schon als souverän geachtet und behandelt. Erstes Bildungsziel ist es, über alle Schablonen hinauszuwachsen, ja, über sich selbst hinauszuwachsen. Und das geht gut, wenn man seine Talente nicht quält sondern achtet und nährt und pflegt. Ich grüße herzlich.

Franz Josef Neffe


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