Reisetipps USA Neuengland

Auftakt USA Neuengland Was für eine Region!

Neuengland! Das klingt anders als das, was man sonst aus Amerika gewohnt ist. Unaufdringlich und leise stellt sich der äußerste Nordosten der USA mit hübschen alten Städtchen, Kunst und Kultur und fortschrittlich gesinnten Menschen vor. Etwa halb so groß wie Deutschland, fasziniert die Region auch durch ihre menschenleere Wildnis in den endlosen Wäldern von Maine oder den rauen White Mountains. Und vor den herrlichen Küsten kreuzen Windjammer und stoßen Wale Atemfontänen aus. Kultur und Natur - Neuengland bringt beides unter einen Hut. Gepflegt und ohne große Umstände. New Englandly eben.

Unter den vielen Gesichtern Amerikas befinden sich nur wenige, bei denen man europäische Kulturtradition spürt. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat sich vollständig von Europa abgenabelt.

Das gilt vor allem für Neuengland, die Region im äußersten Nordosten der USA. Doch gerade dort, wo sich die heutige Supermacht einst zuerst von Europa lossagte, ist das Flair der Gründerzeit nie ganz verschwunden, ist Amerika der Alten Welt am nächsten. Massachusetts, Rhode Island, Connecticut, Vermont, New Hampshire, Maine: Zwischen den Dünenlandschaften von Cape Cod und den Klippen von Maine, den bewaldeten Höhen von Vermont und dem Großstadttrubel von Boston lebt „Good Old England„ auf eine stoische Weise weiter.

Neuengland ist dabei mehr als nur ein fein herausgeputztes Freilichtmuseum. Die Region war der Motor jener 13 Kolonien, die sich 1776 von der britischen Krone lossagten und in einem langen, zähen Krieg Unabhängigkeit und Demokratie erstritten. Und der Geburtshelfer einer Nation, die später zur Supermacht wurde.

Ohne Neuenglands Bildungsindustrie, eine der besten der Welt, und ohne die in Neuengland angestoßene Industrialisierung Amerikas wäre dieser sagenhafte Aufstieg nie möglichgewesen. Es waren Connecticut und Massachusetts, wo Postkutschen und Revolver gebaut wurden, mit denen der Wilde Westen erschlossen wurde. Es war in Hartford und nicht in Detroit, wo die ersten Autos entstanden, die Amerika mobil machen sollten. Es waren Textilfabriken in New Hampshire und Rhode Island, die das Garn spannen, mit dem die Nation eingekleidet wurde. Und es waren Atom-U-Boote aus Connecticut, die im Kalten Krieg das militärische Gleichgewicht mit den Sowjets hielten.

Zwar brummt der Motor Amerikas heute im Sonnengürtel des Landes, doch das Energiezentrum von einst steht mit Erfindungen wie dem Internet und Venture Capital bereits mitten im dritten Jahrtausend. Dabei sieht es auf den ersten Blick so aus, als sei in den putzsauberen Städten und Dörfern die Uhr stehen geblieben. Der Eindruck täuscht. Der Geist der wertkonservativen, strebsamen und sparsamen Puritaner hat das amerikanische Wertesystem grundlegend geprägt. Die von ihnen schon früh mit Colleges und Universitäten gepflegte Kultur des kritischen Denkens mündete später in eine glückliche Ehe von Traditionsbewusstsein und progressiver Umwelt- und Sozialpolitik.

Neuengland ist eine Region mit ausgeprägtem „Wir„-Gefühl. Noch immer bauen die Neuengländer Holzhäuser, und zwar am liebsten im Stil der vergangenen Jahrhunderte. Dabei konservieren sie lieber anstatt abzureißen und kümmern sich um den Erhalt und Ausbau von Museen, Konzerthäusern und Theatern. Als traditionelle Erholungslandschaft reicher Städter aus Boston oder New York (das nicht zu Neuengland gehört) hat diese Region nie ihren ursprünglichen Charakter eingebüßt. Shoppingmeilen und Motelalleen bestätigen eher die Ausnahme von der Regel.

Die Küstenstädte besitzen eine reiche Vergangenheit. Überseehandel, vor allem mit China, und Walfang produzierten hier die ersten Millionäre der USA. Heute pflegt man mit viel Geschmack die alten Piers, Lagerhäuser und Straßenzüge. Das Bild allerdings, das sich spontan bei Neuengland aufdrängt, besteht aus den Dörfern im Landesinneren - mit weißen Holzkirchen, stattlichen Wohnhäusern, dem General Store für die Dinge des täglichen Bedarfs, dem Town Hall genannten Rathaus und dem zentralen Green, einem Rasen mit Schatten spendenden Bäumen in der Mitte. Der Charme dieser Ortschaften wird noch gesteigert, wenn Ahorn, Birken, Eichen und Hickory den sogenannten Indian Summer beginnen. Die Siedler nannten so die kurze Wärmeperiode nach dem ersten Frost, in der sie noch einmal mit Indianerüberfällen rechnen mussten. Heute allerdings steht der Indian Summer nur für einen prachtvollen Farbenrausch: Nirgendwo sonst auf der Welt produziert der Rückgang des Chlorophylls in den Blättern und die Ausbreitung der übrigen Farbpigmente eine solche Farbenpracht wie in Neuengland. Touristisch ist dies die fünfte Jahreszeit: Die Hotels sind trotz verdoppelter Zimmerpreise voll.

Erst vor 10000 Jahren gab die letzte Eiszeit dem Gebiet den letzten Schliff. Die Höhenzüge der White und Green Mountains und der Taconic Range überragen eine Region, die vom 600 km langen Connecticut River von Nord nach Süd halbiert und an der zerlappten Küste von tiefen Buchten und Abertausenden Inseln und Schären zerschnitten wird.

Dort, wo 1614 mit der Namensgebung durch einen britischen Kapitän und 1620 mit der Landung der Mayflower mit ihren Pilgervätern die Neue Welt begann, leben heute mehr als 14 Mio. Menschen. Zu ihnen gehören jene, die sich als die einzig wahren, angestammten Yankees betrachten. Yankees halten die traditionellen Werte Neuenglands hoch: Fleiß, praktische Veranlagung, Bescheidenheit und die Begabung, aus allem das Beste zu machen. Längst verstehen sich auch die Nachkommen katholischer Einwanderer aus Irland, Italien und dem französischsprachigen Teil Kanadas sowie Skandinavier und Juden aus Osteuropa auf diesen Yankeestolz, der in den einzelnen Neuenglandstaaten in unterschiedlichen Nuancen existiert. Zum Beispiel bei den Connecticut Yankees, die sich einst als Handelskaufleute einen Namen machten und heute noch landesweit die meisten Patente pro Kopf der Bevölkerung besitzen. Oder bei den Maine Yankees, denen man nachsagt, dass sie kein Wort zu viel in den Mund nehmen. Oder bei den Massachusetts Yankees, bei denen die Abstammung von der „richtigen„ Familie angeblich noch immer die Türen öffnet.

Wer nach Neuengland fährt, mag sich für all das nicht gleich interessieren, besonders nicht, wenn er Einsamkeit, raues Klima, leere Strände, frischen Hummer und das Farbenfurioso des Indian Summer sucht. Aber jeder spürt, dass ohne die Menschen, die hier leben, ohne den guten alten Neuenglandgeist, ohne dieses Bewusstsein, dass Holz schöner ist als Plastik, Zurückhaltung wohltuender als Marktschreierei und langfristige Investitionen besser sind als schnelle Profite, die bloße Natur nichts anderes wäre als ein nördliches Disneyland. Nichts läge Neuengland, dem Landstrich, der von seinen Fans gern das bessere Amerika genannt wird, ferner. Ein Besuch Neuenglands ist eine Reise in eine andere Zeit, die - vielleicht - den USA den Weg in eine bessere Zukunft weist.