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Zensur in China Auf die Gedankenkontrolle kommt es an

Von Kai Strittmatter , Peking

Um den Alltag der Zensur kümmert sich in China ein gewaltiger Apparat. Im vorigen Jahr etwa sperrten die Zensoren 128 000 Webseiten. Aber Zensur ist nie perfekt. Es wird immer Schlupflöcher geben, Ausrutscher, feine Risse in der Great Firewall, Trotzköpfe und Freigeister, die durch die Löcher und Risse ins Freie spähen. Aber die Erfahrung in China zeigt bisher eines: Das kann dem Regime eigentlich egal sein.

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Zensur funktioniert, und sie funktioniert auch, wenn sie nicht perfekt ist. Nämlich dann, wenn sie eingebettet ist in ein System aus lebenslanger Gedankenkontrolle und Propaganda. Wenn die überwältigende Mehrzahl der Menschen überhaupt nicht mehr auf die Idee kommt, es könne sich lohnen, hinter die Mauer zu sehen. Wenn die Leute das Gefühl haben, sie genössen ohnehin so viel Freiheit wie nie zuvor: Auch in der gesäuberten Informations- und Bilderflut des chinesischen Netzes - Popstars, Videospiele, Livestreams, Shopping - kann einer noch einhundert Mal ertrinken.

Viele Studenten ließen die Gelegenheit auf freie Informationen verstreichen

Im Januar veröffentlichte die Stanford University eine faszinierende Feldstudie aus China ("The Impact of Media Censorship"). Die Autoren hatten mehr als 1800 Pekinger Studenten von 2015 bis 2017 begleitet und ihre Internetgewohnheiten verfolgt. 80 Prozent der Studenten hatten vor Beginn der Studie noch nie versucht, die Great Firewall auszutricksen. Die Forscher stellten den Teilnehmern nun eine Tunnel-Software für 18 Monate kostenlos zur Verfügung. Ergebnis Nummer eins: Auch nach sechsmaliger Erinnerung aktivierten lediglich 53 Prozent der Studenten die Software.

Die Forscher interessierte vor allem diese Frage: Wie viele Studenten würden am Ende die Chance wahrnehmen, auf in China blockierten ausländischen Nachrichtenwebseiten zu surfen. Wer also würde zum Beispiel einen Blick werfen auf die chinesischsprachige Ausgabe der New York Times? Es waren nicht einmal fünf Prozent derjenigen, die ihren Tunnel überhaupt aktiviert hatten. Ein erstaunliches Ergebnis. Nicht einmal jeder Vierzigste der Ausgangsgruppe also hatte das Bedürfnis nach Informationen außerhalb des Propaganda-Rasters. Und das in einer Gruppe von Studenten, die eine der berühmtesten und liberalsten Hochschulen Chinas besuchte. Die am besten ausgebildeten jungen Menschen des Landes, die künftige Elite Chinas.

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Die Zensur, heißt das, funktioniert nicht bloß, weil das Regime den Zugang zu freier Information schwierig macht - "sondern weil sie eine Umgebung schafft, in der die Bürger überhaupt nicht auf die Idee kommen, nach solchen Informationen zu verlangen", wie die Autoren der Studie schreiben.

Ebenso bemerkenswert: In dem Moment, in dem die Studenten mit der Nase darauf gestoßen werden, dass sich außerhalb der Mauer etwas Spannendes und Wertvolles verborgen hält, steigt das Interesse rapide. Die Forscher hatten sich für eine Gruppe der Studenten Quiz-Fragen ausgedacht, deren Beantwortung die Lektüre zum Beispiel der New York Times erforderte, und deren korrekte Beantwortung mit kleinen Gewinnen belohnt wurde. In dieser Gruppe war am Ende der Studie die Zeit, welche die Studenten auf Webseiten wie der New York Times verbrachten, um das Neunfache gestiegen.

Und sie begannen nun, regelmäßig die in China verbotenen Informationen zu konsumieren. Am Ende stellten die Forscher bei dieser Gruppe einen "substanziellen und anhaltenden Wandel ihres Wissens, ihrer Überzeugungen und ihrer Einstellungen" fest. Ihr Vertrauen in Chinas Regierung war signifikant gesunken. Sie wurden pessimistischer in der Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung. Und viele äußerten die Überzeugung, Chinas politisches und wirtschaftliches System brauche grundlegenden Wandel.

Die Studie hält also eine schlechte und eine gute Nachricht für die Partei parat. Die schlechte: Sie muss den freien Fluss der Informationen tatsächlich fürchten. Die gute: So lange sie ihr System der Gedanken- und Informationskontrolle den technologischen Entwicklungen anpasst, kann sie entspannt sein. Die totale VPN-Blockade bräuchte es gar nicht. Die Menschen haben nicht das Gefühl, es fehle ihnen etwas. Es geht ihnen wie dem Frosch aus der chinesischen Fabel, dem sein Brunnen die Welt, und dem der Ausschnitt vom Himmel, den er vom Brunnenboden aus sieht, das ganze Himmelszelt ist. Als eines Tages die Schildkröte vorbeikommt und ihm vom Meer erzählt, da blickt der Frosch sie verständnislos an. "Sieh nur, wie glücklich ich bin", sagt der Frosch zur Schildkröte. "Wenn ich spielen will, dann hüpfe und springe ich hier am Rand hin und her. Ausruhen kann ich mich hier in den Nischen zwischen den Steinen. Der ganze Brunnen gehört mir! Ich kann nach Herzenslust tun und machen, was ich will. Ist das nicht fantastisch? Das Leben von Insekten, Krabben und Kaulquappen ist kein Vergleich zu meinem wunderschönen Leben hier im Brunnen!"

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