SZ: Die USA haben Gründe, warum sie Verhandlungen ablehnen. Irans Verstrickung in den Terrorismus ...

ElBaradei: Wenn die USA sich mit Nordkorea an den Tisch setzen, einem Regime, das nicht als das demokratischste angesehen wird, das darüber hinaus bereits Atomwaffen besitzt - dann verstehe ich nicht, warum sie nicht mit Iran verhandeln können.

SZ: Die USA wie der UN-Sicherheitsrat verlangen ein Einlenken Irans.

ElBaradei: Wenn man an Diplomatie glaubt, muss man mit seinen Gegnern reden, nicht mit seinen Freunden. Die Idee, man könne Länder wirkungsvoll isolieren, funktioniert nicht, und meist erreicht man das Gegenteil des gewünschten Effekts. Die einzige Option, die ich sehe, sind Verhandlungen.

SZ: Mit Nordkorea haben die USA das versucht. Gerade fährt das Land seine Wiederaufarbeitung wieder an, weil es nicht bekommen hat, was es will.

ElBaradei: Diplomatie ist kein Instant-kaffee, den man einrührt und dann hat man die Lösung. Als wir in den neunziger Jahren mit Nordkorea geredet haben, besaß das Land keine Atomwaffen. Dann wurden die Gespräche jahrelang eingestellt. Jetzt haben sie Atomwaffen. Es ist natürlich derzeit keine erfreuliche Situation. Aber wenn wir nicht mit Nordkorea reden, wird sie nur noch schlimmer. Man muss den Standpunkt der Gegenseite begreifen. Man braucht Zuckerbrot und Peitsche, weder das eine noch das andere wirkt alleine. Sanktionen alleine lösen keine Probleme.

»Für meinen Nachfolger wäre ein bisschen diplomatisches Geschick hilfreich«

SZ: Welche Schwächen des Atomwaffensperrvertrags müssten behoben werden, um solche Krisen künftig vermeiden zu können?

ElBaradei: Fünf Punkte! Erstens: Die Atommächte müssen endlich ihre Abrüstungsverpflichtung ernstnehmen. Zweitens: Wir müssen den Brennstoffzyklus internationalisieren, um zu verhindern, dass Anreicherungs- und Wiederaufarbeitungstechnologie sich weiter verbreiten. Drittens: Kollektives Handeln gegen die Möglichkeit des nuklearen Terrorismus. Viertens: Die Atomenergiebehörde muss das Recht und die Ausstattung bekommen, um überall verlässliche und vollständige Kontrollen vorzunehmen, auch in Bezug darauf, ob es nicht deklariertes nukleares Material oder Anlagen gibt. Fünftens: Wir brauchen einen UN-Sicherheitsrat, der die moralische Autorität hat, Länder zu konfrontieren, die sich nicht an die Spielregeln halten. Das alles muss geschehen, wenn der Atomwaffensperrvertrag den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts standhalten soll.

SZ: Herr ElBaradei, Sie haben angekündigt, dass Sie aufhören werden. Welche Eigenschaften und Qualifikationen muss Ihr Nachfolger mitbringen?

ElBaradei: Es ist nicht wichtig, aus welchem Land er stammt, und ich hoffe, dass es nicht nach geographischer Herkunft oder ähnlichen traditionellen UN-Kriterien geht. Unabhängigkeit ist zweifellos das Wichtigste. Diese Behörde beurteilt Regierungen, das ist ziemlich einzigartig. Das heißt: viel Druck von allen Seiten. Die Person muss völlig unabhängig und objektiv sein. Zweitens muss sie sich mit der ganzen Breite der Themen auskennen, die wir bearbeiten, von der Entwicklungs- bis zur Sicherheitspolitik. Und sie muss ein Manager sein. Ich habe 2500 Mitarbeiter zu managen, aber auch die Beziehungen zu 145 Mitgliedstaaten mit gegenläufigen Interessen. Und ein bisschen diplomatisches Geschick wäre wohl auch hilfreich.

(SZ vom 26.09.2008/pir)

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