Von Andrian Kreye

Wollte er wirklich nur provozieren oder meint er, was er sagt? In einer Rede hat Harvard-Chef Larry Summers jedenfalls die These vertreten, Frauen fehle möglicherweise das nötige Gen für wissenschaftliches Talent.

Bereit für provokante Thesen: Harvard-Direktor Lawrence Summers. (Foto: AP)

Vielleicht hätten Frauen ja ein genetisches Problem mit Naturwissenschaften und Mathematik. Diese These vertrat der Direktor der Harvard University, Larry Summers, letzte Woche in seiner Rede auf einer Wirtschaftskonferenz zum Thema „Frauen und Minderheiten“.

Schon zu Beginn seines Vortrags hatte er für Murren gesorgt, als er über die Schwierigkeiten von Frauen auf der Karriereleiter sprach: Ihre Mutterrolle halte sie oft davon ab, die geforderten 80-Stunden-Wochen durchzuhalten. Als er die Behauptung aufstellte, genetische Gründe spielten vielleicht eine viel größere Rolle als das soziale Umfeld, verließen fünf Konferenzteilnehmerinnen unter Protest den Saal.

Die Biologin am „Massachusetts Institute of Technology“ Nancy Hopkins meinte, sie hätte sich sonst übergeben müssen.

Summers hatte sich mit seiner Bemerkung auf die Studien der Soziologen Kimberlee Shauman und Yu Xie bezogen, die herausgefunden haben, dass weibliche Prüflinge in den oberen fünf Prozent der Zensurenskala unterdurchschnittlich vertreten sind.

Eigenwillige Interpretation

Die beiden Soziologen distanzierten sich umgehend von der Interpretation des Harvard-Chefs. Der habe ihre Forschungsergebnisse „grob vereinfacht“. Kulturelle Barrieren und Diskriminierung seien die entscheidenden Gründe für ihr Ergebnis.

Eine Studie der „Association for Women in Science“ stützt diesen soziologischen Ansatz. Sie fand heraus, dass Mädchen bis zur sechsten Klasse in Mathematik und Naturwissenschaften ebenso gut abschneiden wie ihre männlichen Mitschüler.

Auch aktuelle Zahlen sprechen gegen die These von Summers: Demnach kommen auf 100 männliche Collegestudenten in den USA inzwischen 130 weibliche. Zudem wird erwartet, dass sich dieses Verhältnis in den nächsten zehn Jahren noch einmal um gut zehn Prozent zu Gunsten der Frauen verändern werde. Dies hat Präsidentengattin Laura Bush schon so beunruhigt, dass sie Förderprogramme für Schuljungen initiieren will.

Summers’ Verhältnis zu Frauen in der Wissenschaft war bereits letztes Jahr kritisiert worden, weil die „Harvard Faculty of Arts and Sciences“ während seiner Amtszeit lediglich vier von 32 freien Lehrstühlen auf Lebenszeit an Frauen vergab. Das ist ein Drittel der Frauenquote unter seinem Vorgänger.

Auch beim Anteil von Professorinnen in Führungspositionen liegt Harvard weit hinter anderen US-Eliteuniversitäten wie Stanford, Yale und Princeton. Deswegen hatten sich 80 Prozent der Harvard-Professorinnen letztes Jahr in einem „Ausschuss für Gleichberechtigung“ zusammengeschlossen.

Summers: Reine Provokation

In der New York Times verteidigte sich Summers damit, er habe provozieren wollen. Es könnte aber auch sein, dass sich Summers der weitläufigen Bewegung gegen die politische Korrektheit angeschlossen hat: Soziologen beobachten bei Männern aller Schichten einen wachsenden Widerstand gegen allzu ausgeprägtes Verständnis für das andere Geschlecht.

Der Harvard-Chef würde sich dann in nicht immer akademisch gereifter Gesellschaft befinden. So kommentierte der ehemalige Box-Champ Rocky Rocchigiani gerade in der Bild-Zeitung den Erfolg der Weltmeisterin im Fliegengewicht, Regina Halmich: „Frauen gehören an den Kochtopf und ins Bett, und nicht in einen Boxring.“

(SZ vom 20.1.2005)

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