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Reiseführer Tirol:Stichworte

Warum werden die Tiroler bei Föhn grantig? Wer hat die Schreibmaschine erfunden? Die Geheimnisse Tirols, ausführlich erläutert

Architektur

Seit jeher versuchen sich die Tiroler, den widrigen Gegebenheiten in den Alpen auch im Wohnen anzupassen. Traditionell wurde mit Stein und Holz gebaut und die Häuser mit großen Kachelöfen geheizt. Mit dem Einzug des Massentourismus nahmen die Gebäude zwar andere Dimensionen an, an der Bauweise hat sich aber nicht viel geändert – was man heute oft abschätzig als Lederhosenstil bezeichnet.

Erst in jüngerer Zeit ist man etwas gewagter geworden und setzt auf die Verbindung von Traditionellem, etwa Holz, mit modernen Elementen wie Glas. Dies ist heute sichtbar an Sportstätten, Liftanlagen, Aussichtsplattformen, Einkaufszentren oder Hotels. Und auch beim Heizen hat sich einiges getan: Man setzt vermehrt auf Niedrigenergiehäuser, die auch stark gefördert werden und auf vielen Häusern finden sich Solarzellen als alternative Stromquelle.

Bollywood

Die größte Filmindustrie der Welt ist nicht etwa Hollywood, sondern das asiatische Pendant Bollywood – eine Wortkreation, zusammengestückelt aus der indischen Stadt Bombay und Hollywood. Und Bollywood hat sich in Tirol verliebt. Vor allem für die Traumszenen – in denen der Held seine Angebetete schon im Arm hält, während er im Film noch allerhand Abenteuer zu bewältigen hat – ist die Bergwelt hervorragend als Kulisse geeignet. Denn die Phantasiesequenzen spielen sich oft an für Inder exotischen Orten ab, und dafür wurde in den vergangenen Jahren immer öfter Tirol ausgewählt. In Indien gelten die schneeverwehten Berge und die saftig grünen Täler nämlich als besonders reizvoll. Mehr als 60 indische Filmproduktionen wurden deshalb schon teilweise in Tirol gedreht. Eine der bisher größten indischen Produktionen war „Yuvraaj“. Fast zwei Monate lang drehten 2007 die Superstars Salman Khan, Anil Kapoor und Katrina Kaif in Innsbruck, Wattens, Kufstein, im Alpbach- und im Stubaital. Insgesamt werden jedes Jahr mehr als 1000 Spielfilme in der Bollywood-Traumfabrik produziert. Gemeinsamkeiten gibt es in fast allen Produktionen: Sie sind sehr farbenprächtig, fast immer wird getanzt und gesungen und die Handlung dreht sich oft um Liebe.

Die vielen Filme haben auch dazu geführt, dass mehr Inder nach Tirol in den Urlaub fahren: In den letzten acht Jahren ist die Zahl um mehr als das Doppelte auf 23 000 Gäste jährlich gestiegen.

Dialekt

Der Tiroler Dialekt ist hart. Einige Laute – vor allem k und ch – werden kehlig ausgesprochen, es entsteht das typische Krachen. Außerdem wird sch gern dort gesprochen, wo eigentlich ein s hingehört. Jedes Tal hat seinen eigenen Dialekt. Das Außerfern ist ein Sonderfall und teilt sich in zwei Regionen: Die Zugspitzarena bis Reutte wurde von Imst her besiedelt, die Aussprache ist ein raues Oberländlerisch. Das Lechtal jedoch besiedelten zuerst die Alemannen, die Aussprache ist deswegen mit dem Schweizerischen verwandt. Im Paznauntal verhält es sich ähnlich, überhaupt ist im Westen Tirols der Übergang zum Schweizerdeutsch überall zu erkennen.

Auch wenn die Tiroler in anderen Regionen Österreichs wegen ihrer Aussprache gern auf den Arm genommen werden: In Tirol ist man stolz auf dieses Unterscheidungsmerkmal zu den anderen Bundesländern. Zahlreiche Mundartdichter, darunter Hans Haid als einer der berühmtesten, haben mit ihren Werken Erfolg. Die Gruppe „Bluatschink“ aus dem Außerfern stürmte mit mundartlichen Songs sogar die österreichischen Hitparaden, obwohl sie im Rest des Landes gar nicht verstanden wurden.

Erfindergeist

Tiroler sind nicht nur ein findiges, sondern auch ein erfinderisches Volk. 1832 etwa baute der Osttiroler Simon Stampfer das Lebensrad, das bewegte Bilder vortäuschen konnte und als Vorläufer des Kinematografen gilt. Ohne den aus Südtirol stammenden Peter Mitterhofer würden wir den Computer heute wohl nicht so nutzen, wie wir es tun: Er erfand in den 1860er-Jahren die Schreibmaschine, die später ihren Siegeszug durch die Welt antrat. Der Tischler baute davon fünf Stück und präsentierte sie am Kaiserhof in Wien. Doch die Erfindung stieß auf keine Zustimmung. Gekränkt versteckte Mitterhofer die Schreibmaschinen auf seinem Dachboden, wo sie erst rund zehn Jahre nach seinem Tod gefunden wurden.

Überhaupt war das 19. Jh. ein sehr ideenreiches Jahrhundert. Der in Kufstein geborene und nach Wien ausgewanderte Josef Madersperger erfand 1814 die erste Nähmaschine. Christian Reitmann aus St. Jakob in Haus baute um 1870 die ersten Zwei- und Viertaktmotoren. Und der Welschtiroler Alois Negrelli plante 1846–56 den Suezkanal mit, der 1869 eröffnet wurde.

Mit dem 20. Jh. endete der Erfindungsreichtum der Tiroler nicht. Der Innsbrucker Arzt Anton Nagy etwa ersann den Sterilisationsapparat und der Bozener Schriftsteller Max Valier war einer der Pioniere des Raketenmotors und entwickelte zusammen mit Fritz von Opel ein Raketenauto. Er starb, als er eine seiner Raketen testete, und gilt als erstes Todesopfer der Raumfahrt.

Föhn

Mit bis zu 150 km/h fällt dieser warme Wind in das Inntal herab. Föhn kommt aus Italien, lässt Luftfeuchtigkeit in Form von Regen dort, schleppt sich über die Berge und gewinnt beim Abstieg deutlich an Geschwindigkeit und Temperatur. Sogar im Winter kann es auf diese Weise zu Plusgraden kommen, dann schmilzt der Schnee. Fällt der Föhn zusammen, folgt meist schlechtes Wetter.

Am meisten betroffen ist wohl die Region Innsbruck. Der Brennerpass ist die niedrigste Alpenüberquerung, der Wind saust hinunter durch das Wipptal, wird beim Eingang zum Stubaital durch die Talenge beschleunigt und schlägt dann hart gegen die Nordkette. Innsbruck kann dadurch in zwei Hälften geteilt werden. Im Westen ist es kühl, im Osten bläst ein Sturm und es ist bis zu 10 Grad wärmer. Das schlägt sich auch aufs Gemüt: Der warme Wind sorgt bei vielen Menschen oft für Kreislaufbeschwerden, Kopfweh und Schlafstörungen. Weht er länger als eine Woche, können die Innsbrucker schon mal grantig werden. Durch den starken Wind sind schon Straßenbahnwaggons umgekippt und das Dach des Innsbrucker Eisstadions beschädigt worden.

Gletscher

Dass Ötzi 1991 aus dem Gletscher herausschmolz, war weniger ein Zufall als vielmehr die Folge des Treibhauseffekts, der sich in Tirol massiv bemerkbar macht: Die globale Erwärmung bringt die Gletscher, das Wasserreservoir der Alpen, zum Schmelzen. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass am Ende dieses Jahrhunderts drei Viertel aller Gletscher verschwunden sein werden, manche Prognosen sprechen schon von 2050. Für Tirol hat das katastrophale Auswirkungen: Kurzfristig wird das Schmelzwasser vermehrt zu Überschwemmungen und Murenabgängen führen. Längerfristig aber trocknen die Wasserspeicher aus – Wasser wird knapp. Die Folgen wären fatal für die Menschen, die Natur und nicht zuletzt die Wirtschaft. Denn sind die Alpen eisfrei, bleiben auch die Touristen aus, die seit einem Jahrhundert dem Land den Wohlstand bringen. An der Innsbrucker Universität gibt es mehrere Projekte, die erforschen, wie das Abschmelzen der Gletscher zu verlangsamen ist. Beispielsweise durch Verdichten der Schneedecke: Wasser wird in die Schneeschicht oder den Gletscher gespritzt und mit einem Vlies abgedeckt – als Schutz vor der Sonne. Solche und ähnliche Maßnahmen zeigen kleine Erfolge, können den Prozess jedoch nicht aufhalten.

Grünes land

Längst sind sich die Tiroler bewusst, dass sie ihr wichtigstes Gut, die Natur, schützen müssen. Mehr als ein Viertel der Gesamtfläche des Landes gilt mittlerweile als Schutzgebiet, insgesamt gibt es mehr als 80 derartig ausgewiesener Regionen. Viele Pflanzen, etwa das Edelweiß, stehen unter Naturschutz und dürfen nicht gepflückt werden. Und auch viele Tiere werden geschützt, für Fledermäuse etwa gibt es ein spezielles Programm.

Man setzt in Tirol schon immer auf Wasserkraft, auch wenn der Kraftwerksbau zuweilen übertrieben wird. Dieses grüne Denken spiegelt sich auch in der Politik wieder. Die Grüne Partei ist in Tirol konstant stark und hat bei vergangenen Wahlen meist zugelegt. Als wohl einzig ernstzunehmende Oppositionspartei macht sie immer wieder auf Verfehlung der konservativen Landesregierung aufmerksam. Aber nicht nur in der Politik, auch Tirolerinnen und Tirolern haben das grüne Denken längst verinnerlicht. Müll wird überall säuberlich getrennt und anschließend recycled, Sammelinseln für die verschiedenen Müllarten finden sich überall. Abfall auf den Boden zu werfen, ist in Tirol gar nicht gern gesehen.

Heiliges Land

Dieser Beiname von Tirol geht auf die Zeit der Gegenreformation im 16. Jh. zurück. Die Habsburger regierten Österreich und setzten, teilweise mit Gewalt, den katholischen Glauben durch, von dem fast das ganze Land abgefallen war. Im Osten wandten sich die Menschen den Lehren Luthers zu, in Tirol erfreuten sich die Täuferbewegungen großen Zuspruchs. Also holte man katholische Orden ins Land, die den Katholizismus fördern sollten: Prozessionen und Wallfahrten erlebten einen neuen Aufschwung, Andersgläubige wurden gnadenlos verfolgt. Noch 1837, also 300 Jahre später, wurden 427 Zillertaler Protestanten des Landes verwiesen. Aufgrund der rigorosen Verfolgung und Vertreibung der Protestanten weist Tirol heute mit weit mehr als 90 Prozent den höchsten Anteil an Katholiken aller österreichischen Bundesländer auf. Immer noch nehmen Prozessionen und Wallfahrten einen hohen Stellenwert ein. In den letzten Jahren allerdings ist die Zahl der Kirchenaustritte angestiegen und auch die Zahl der praktizierenden Katholiken ist konstant im Sinkflug begriffen.

Ötzi

Ötzi oder „Frozen Fritz“, wie er im Englischen genannt wird, war ein etwa 45-jähriger Mann und lebte um 3000 v. Chr. Er starb an einem Pfeil, der seine Schulter durchbohrte. Man nimmt an, dass er auf der Flucht war oder von einem Angriff überrascht wurde. Der Fund der Eismumie in der Nähe des Hauslabjochs in den Ötztaler Alpen Anfang der 1990er-Jahre war jedenfalls eine archäologische Sensation: Nie zuvor war eine derart gut konservierte Leiche aus der Kupferzeit, wie die Jungsteinzeit auch genannt wird, in Mitteleuropa gefunden worden. Noch dazu brachte Ötzi einen Großteil seiner Ausrüstung mit in unsere Zeit: seine Axt, seine Bekleidung, sein Jagdgerät. Er war tätowiert und zu medizinischen Zwecken akupunktiert worden. Stück für Stück gab er den Wissenschaftlern preis, wie das Leben in der Steinzeit, lange bevor es in den Alpen schriftliche Aufzeichnungen gab, ausgesehen haben muss. Und da es sich um eine richtige Mumie handelt, umranken den Mann aus dem Eis – genau wie den berühmten Pharao Tutanchamun – allerlei mythische Gerüchte: Sein Finder, der Deutsche Helmut Simon, und einige der Ärzte und Archäologen sind mittlerweile verstorben – und man sagt, es sei der Fluch des Ötzi, der die Männer dahingerafft habe.

Russen

Felix Mitterers vierteilige Fernsehsatire „Die Piefke-Saga“ ist legendär: Der typisch deutsche Urlauber und die Tiroler Gastfreundschaft werden dabei gehörig auf die Schippe genommen. Jetzt schreibt Mitterer an einer Fortsetzung des Stücks: „Die Russen-Saga“, bei der der deutsche Urlauber in Tirol auf eine reiche russische Familie trfft und allerhand Kulturkonflikte vorprogrammiert sind. Hintergrund der Satire ist die große Zahl an russischen Gästen, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs die noblen Tiroler Skiorte besuchen. Mehr als 200 000 verbringen jährlich das orthodoxe Weihnachtsfest Anfang Januar in Tirol.

Aufgrund der unterschiedlichen Kultur und der fremden Sprache wurden diese neuen Besucher von den Stammgästen und den einheimischen Touristikern kritisch beäugt und nicht immer so geliebt wie der Rubel, den sie gerne und viel in Tirol ausgeben. Jetzt hat sich das Land aber auf die neuen Gäste eingestellt: Viele Hotels beherbergen zur russischen Hauptreisezeit nur noch Russen, es gibt Speisekarten auf Russisch, und an den Volkshochschulen werden Russischkurse für Skilehrer angeboten. Und seit Innsbruck bei der Fußballeuropameisterschaft 2008 die russische Mannschaft und Zehntausende Fans beherbergte, ist die Skepsis gegenüber den neuen Gästen verschwunden.

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Andreas Lexer ist Journalist und hat als Reporter oft aus den Krisengebieten dieser Welt berichtet. Geboren und aufgewachsen ist er in Tirol, und hierher kehrt er immer wieder zurück: um bei Wanderungen in die Berge den Blickwinkel zu verändern und seine Heimat stets aufs Neue zu erkunden. Mittlerweile lebt er in Wien und arbeitet für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Wiederaufbau.

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Quelle: www.marcopolo.de

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