Süddeutsche Zeitung

Reiseführer Ligurien:Stichworte

Italiens schönste Dörfer, Fassadenschmuck an Häusern, Blumenfeste an der Riviera, Glamour in Portofino: prächtiges Ligurien!

Blumenriviera

Gladiolen, Nelken, vor allem aber duftende Rosen in zauberhaftem Gelb, Rosa, Blutrot, diese Blumenpracht hat dem Küstenabschnitt zwischen Ventimiglia und Imperia seinen Namen Riviera dei Fiori, Blumenriviera, gegeben. In zahllosen Gewächshäusern - nicht immer eine Zierde für die Landschaft - entstand hier eine der bedeutendsten Schnittblumenindustrien Europas. Für die Blumenriviera noch bis ins späte 20. Jh. die wichtigste Einnahmequelle, ist das im doppelten Wortsinn blühende Geschäft heute arg bedroht von der Konkurrenz aus Indien, Lateinamerika, Afrika und dem süditalienischen Kampanien. Um die hohen Kosten der Gewächshäuser zu reduzieren, setzt man heute auch auf Freilandblumen wie Ranunkeln, Calendulae, Mohnblumen, auf Ziergrün und auf Kräuter. Ventimiglia und Sanremo haben ihre phantastischen Blumenfeste, und zu Fronleichnam werden die Straßen mit Blütenteppichen geschmückt, am schönsten in Diano Marina. Angefangen hatte es 1874, als der deutsche Gartenmeister Ludwig Winter die ersten frischen Rosensträuße aus Bordighera auf die Märkte nach München schickte, im Herbst und per Eisenbahn. Winter hatte an diesem Flecken mit seinem wunderbar milden Klima sein Wirkungsfeld gefunden, neben Blumen pflanzte er Dutzende Palmenarten, Kakteen, Farne, Agaven an. Hier, nur wenige Hundert Kilometer vom rauen Norden, konnten sie gedeihen. Mitgestaltet hat er die berühmten Giardini Hanbury bei Ventimiglia sowie zahlreiche Parkanlagen in Bordighera und Sanremo, alle mit dieser typischen Mischung aus exotischen und mediterranen Pflanzen, die den Reiz der ligurischen Vegetation ausmachen.

Borghi Belli

Der Club der Borghi più belli d'Italia (www.borghitalia.it), der schönsten Dörfer Italiens, ist in Ligurien besonders oft fündig geworden. Die Dörfer müssen ein schönes, intaktes Ensemble aus historischen Gebäuden aufweisen, um das sich die Bewohner aktiv kümmern, etwas Typisches, Einzigartiges haben und ein wenig abseits der großen touristischen Routen liegen - kurz: Schönheit, Charakter und Lebensqualität demonstrieren. In diesem MARCO POLO Band finden Sie eine ganze Reihe dieser borghi belli: Apricale, Borgio Verezzi, Cervo, Colletta di Castelbianco, Finalborgo, Laigueglia, Moneglia, Montemarcello, Noli, Tellaro, Triora, Vernazza und Zuccarello. Aber es gibt noch mehr, die sich diese Auszeichnung verdient haben, wie Brugnato im Tal Val di Vara oberhalb der Cinque Terre, Campo Ligure im Nordwesten von Genua, Millesimo auf dem Weg von Savona hinauf in die Berge und vor allem das gerühmte Biodorf Varese Ligure ebenfalls im Varatal.

Cristoforo Colombo

Am Ende ist es egal, ob Christoph Kolumbus (1451-1506) wirklich in Genua geboren ist oder, wie einige vermuten, ein spanischer Matrose war. Auch waren es die Spanier und nicht die Genueser, die ihn mit den drei Karavellen für seine Entdeckerreise ausgestattet hatten (allerdings mit Geld, das sie sich von den Genueser Bankiers geliehen hatten). Cogoleto, ein Vorort Genuas, erhebt ebenfalls Anspruch, sich Geburtsort des ruhmreichen Seefahrers und Amerikaentdeckers nennen zu dürfen, wie Gedenktafeln bezeugen. Keine handfesten Beweise gibt es, dass die Casa di Colombo in Genua wirklich sein Geburtshaus war, die nötige Aura aber hat es, dem Besucherinteresse nach zu urteilen. Und darauf kommt es schließlich an: 1492, das Jahr der Amerikaentdeckung, gab 1992 den Anlass für die 500-Jahr-Feiern, die Genua im Namen seines berühmten Sohnes genutzt hat, sich ebenfalls mal wieder neu zu entdecken. Seither weht frischer Wind durch die Stadt! Grazie, Cristoforo Colombo, der immerhin behauptet haben soll (so eine Inschrift am Bahnhof Principe): "Ohne Genua wäre ich nie zum Entdecker geworden."

Fassadenschmuck

Steinerne, dekorativ geschwungene Fenstereinrahmungen, Quadersteinfassaden, Nischen mit Skulpturen, Relieffriese, verschnörkelte Balkone, Säulen und überhaupt Fenster: So aufwendig schmückten die Ligurer seit dem 16. Jh., dem "goldenen Zeitalter", ihre Häuser - doch all dieser Dekor ist aufgemalt in meisterhafter Trompe-l'Œil-Technik. Man wollte zeigen, was man wert war, aber es gab auf den winzigen Siedlungsflecken zwischen Meer und Bergen keinen Platz für die Entfaltung von ausladenden Barock- und Renaissancepalazzi. Also malte man sie sich. Die Siedlungen wuchsen statt in die Breite in die Höhe, wie es die schönen Häuser von Camogli zeigen. Die gemalten Fensterreihen wurden geradezu Pflicht, um dem Gebäudewirrwarr einen einheitlichen Fassadeneindruck zu verleihen. Auch in Genuas Altstadt sehen Sie viele schöne Beispiele oder in Santa Margherita Ligure. In neuerer Zeit waren sie verblasst, zu teuer, zu pflegebedürftig, doch heute ist die Dekorfreude wieder da, engagierte Malermeister haben sich darauf spezialisiert, und die Region Ligurien hat ein Gesetz zum Schutz der facciate dipinte erlassen. Selbst auf Neubauten tauchen inzwischen wieder gemalte Fenster auf. Eine andere Art der Bemalung findet man im Dorf Valloria 15 km landeinwärts von Imperia: Hier werden Künstler dazu eingeladen, die Haustüren des Dorfs als Leinwand zu nutzen. 130 Türgemälde sind so entstanden und damit ein Grund, Valloria zum Ziel eines Ausflugs zu machen.

Glamour

Die winzige Fischerbucht von Portofino war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jhs. ein Hideaway der Schönen und Reichen und das Flaniertrottoir der Glamourgrößen Hollywoods: Alle kamen sie, von Ava Gardner und Humphrey Bogart bis Liz Taylor und Greta Garbo. Heute kommen George Clooney, Kylie Minogue und Naomi Campbell. Die reichen Gäste von einst waren Reeder Aristoteles Onassis und Fiatboss Gianni Agnelli, heute heißen sie Bill Gates und Silvio Berlusconi.

Grotten

In Ligurien hat man einzigartige Spuren menschlichen Lebens gefunden, die bis zu 240000 Jahre zurückreichen, in die Steinzeit, in der Grotten und Höhlen den ersten Menschen als Lebensraum dienten. So etwa im Hinterland der Riviera di Ponente in den phantastischen Tropfsteinhöhlen von Toirano, in denen man Fuß- und Knieabdrücke, Reste von Fackeln und Krallenspuren des Höhlenbärs - alles mindestens 100000 Jahre alt - gefunden hat. Die spektakulärsten Funde menschlichen Lebens sind die bis zu 85000 Jahre alten Skelettreste in den Grotten in den Kalkfelsen der Balzi Rossi unweit von Ventimiglia an der Grenze zu Frankreich sowie die Tausende von steinzeitlichen Ritzzeichnungen am Monte Bego, heute jenseits der Grenze auf französischem Gebiet gelegen. Die meisten stellen Tiere dar, aber auch Waffen und Szenen des alltäglichen Lebens. Einige Abdrücke dieser Ritzzeichnungen kann man in Bordighera im Museo Bicknell sehen.

Grüne Experimente

Ligurien kann mit einem in ganz Europa gerühmten Beispiel für umweltbewusstes Leben aufwarten: Im Varatal oberhalb der Levanteküste hat man sich ganz auf biologische Landwirtschaft spezialisiert (www.valledelbiologico.it). Alle ziehen an einem Strang, Landwirte, Viehzüchter, Imker. Obst und Getreide werden biologisch angebaut, die autochthonen Rinderrassen biologisch und artgerecht gehalten, Schweine kommen raus aus dem Stall und dürfen auf Wiesen und im Wald streunen, Schafe und Ziegen sowieso - entsprechend ist auch die Käseproduktion "bio". Jeden Dienstagmorgen ist Biomarkt im Städtchen Varese Ligure, das mit seinem kreisrunden mittelalterlichen Grundriss auch Mitglied im Club der schönsten Dörfer Italiens ist. Zu guter Letzt steht hier auch das größte Windkraftwerk Italiens. Ein weiteres Beispiel ist das Ökodorf Torri Superiore (www.torri-superiore.org) oberhalb von Ventimiglia am Fuß der Seealpen, eine pittoreske Ansammlung grauer Steinhäuser aus dem Mittelalter. In den Neunzigerjahren des 20. Jhs. halb verfallen, restaurierte es eine Gruppe von Bürgern nach Kriterien der Bioarchitektur. Heute bewohnen sie es, betreiben biologische Eigenversorgung, empfangen Gäste und versuchen, in Seminaren, Initiativen und im Austausch mit anderen Ökodörfern neues Know-how für die Zukunft zu erlangen.

Liedermacher

Wer nach einem besonderen Mitbringsel sucht, einem Stück von der Seele Liguriens, dem seien die poetischen Lieder der sogenannten cantautori genovesi empfohlen: In den Sechzigerjahren des 20. Jhs. fingen auf der Welle der französischen Chansonniers ein paar junge, begabte Leute aus Genua an, poetische Texte zu schreiben - empfindsam, lapidar -, sie zu vertonen und zu singen. Sie hießen Bruno Lauzi, Umberto Bindi, Luigi Tenco, Gino Paoli und verstanden es, jeder in einem eigenen, unverwechselbaren Stil, Lieder zu schreiben, die mit den Klischees von Sanremo-Schlagern nichts zu tun hatten. Die scuola genovese war geboren. Der Berühmteste und wohl auch Geliebteste unter ihnen ist der 1999 gestorbene Fabrizio De André, eine regelrechte Kultfigur. Von Literaturkritikern als einer der größten zeitgenössischen Dichter Italiens eingeschätzt, erzählen viele seiner Lieder, manche in Genueser Dialekt, vom Straßenleben in der Altstadt Genuas, vom Meer, von den Menschen Liguriens. In der Altstadtgasse Via del Campo - sogar Titel eines Songs von De André - befand sich bei der Hausnummer 29 r der legendäre Schallplattenladen Gianni Tassio mit einer Riesenauswahl an Platten dieser Liedermacher, selbst die Originalgitarre von De André hütete der Laden. Heute ist aus dem Geschäft ein regelrechtes Musikmuseum geworden - ein Muss, wenn Sie die musikalische Seite Genuas kennenlernen möchten.

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