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Reiseführer Budapest:Stichworte

Mehr als nur Tradition: Budapest steht für Donau und Thermalbäder – und für ein Land im radikalen wirtschaftlichen Umbruch

Donau

Die Donau hält für Budapest-Besucher eine Fülle von Erlebnissen bereit. Man kann beispielsweise von Wien mit dem Tragflächenboot oder im Rahmen einer Flusskreuzfahrt anreisen, per Schiff Ausflüge ins Donauknie unternehmen oder Sightseeingtouren buchen. Wer ausgehen möchte, kann in einem Schiffsrestaurant essen, zum Jazzkonzert an Bord gehen oder in lauen Sommernächten zu DJ-Musik auf einem Schiffsdeck tanzen.

Für den 20. August, den St.-Stephans-Nationalfeiertag, reißen sich die Menschen um die Schiffstickets, um das Feuerwerk über der Stadt vom Wasser aus bewundern zu können. Eine Karte bekommt nur, wer sehr früh reserviert.

Heilige Krone

Die Stephanskrone, Heilige Krone genannt, hat den Rang einer nationalen Reliquie und ist Teil des ungarischen Staatswappens. Stephan (997–1038) war der erste ungarische König, hat aber die im Parlament präsentierte Krone nicht getragen. Wann genau das 2,5 kg schwere Ausstellungsstück entstand, liegt im Dunkeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte die Krone in den USA, doch sie wurde auf Geheiß von Präsident Carter 1978 an Ungarn zurückgegeben. Im Rahmen eines Staatsakts zog sie am 1. Januar 2000, begleitet von Tausenden Zuschauern, ins Parlament um. Die Stephanskrone wurde in den letzten Jahren mehr und mehr zum Symbol für das christlich-magyarische Selbstverständnis der Ungarn, für nationale Einheit und Größe. Stephan, der Ungarn mit allen Mitteln zum Katholizismus bekehrte, ging 2011 auch in die ungarische Verfassung ein – als offizieller Staatsgründer.

Hinterhofszene

Easy going à la Budapest findet in den Sommermonaten in Hinterhöfen statt. Die Hinterhofkneipe Nr. 1 ist der ­Szimpla kert. Er ist, wie einige andere, eine feste Größe. Andere existieren nur einen Sommer lang. Wo welcher Hof gerade zur Kneipe geworden ist? Den Weg weist nur das Szenegeflüster. In jedem Sommer tauchen neue Kultadressen auf. Gemeinsam ist allen Hinterhofkneipen das coole Ambiente mit mal mehr, mal weniger Ruinenappeal. Man sitzt draußen, die Szene ist jung, locker und oft auch kunstinteressiert. Die Preise sind zumeist durchschnittlich bis günstig.

Höhlenzauber

Auf der Budaer Seite besitzt Budapest eine einzigartige „Unterwelt“. Die gewaltigen Höhlenlabyrinthe entstanden durch Gebirgserhebungen und die Einwirkung von Thermalwasser, das auf seinem Weg im Untergrund ungezählte Gänge und Hallen ausgewaschen hat. Vier Höhlenareale sind zu besichtigen: Das touristisch am besten erschlossene Höhlensystem ist das Labyrinth im Burgberg. Eine weitere Attraktion, das Felsenkrankenhaus, liegt ebenfalls im Burgviertel. Nordwestlich der Margaretenbrücke sind im II. Bezirk zwei Höhlen zugänglich, die mit faszinierenden Tropfstein- und Mineralienformationen aufwarten: die Pálvölgyi-Höhle und die Szemlőhegyi-Höhle. Es werden in Budapests Tiefen auch immer wieder neue Höhlen entdeckt. 2008 stellten Forscher einen bemerkenswerten Fund vor: einen 25 m hohen, kuppelförmigen Raum. Schon 2003 war eine Forschergruppe auf einen fast 54 m tiefen, mit 300 000 l Thermalwasser gefüllten See gestoßen. Er ist Ungarns tiefstes Gewässer.

Jazz meets Blues & Klezmer

Jazz, Pop, Soul: Kati Rácz ist ein stimmgewaltiger Star der Jazzszene, und das Publikum liegt ihr zu Füßen. Zusammen sind sie und ihre Band Kati Rácz és a Flush. Die angesagten Budapester Clubs reißen sich um Künstler wie sie. „Meine Musik“, sagt Kati Rácz, „ist städtisch oder besser: budapesterisch.“ Das Budapesterische bringen Künstler wie Rácz und Ferenc Jávori, Chef der Budapest Klezmer Band, auch über ihre Wurzeln in die Musik ein. Kati Rácz hat einen Roma-Vater und eine jüdische Mutter. Roma-Wurzeln, jüdische Wurzeln – das hat Rácz mit vielen Künstlern in dieser Szene gemeinsam. Dieser Herkunft entspringt ein Sound, der begeistert, denn er bedient sich der unterschiedlichsten Traditionen. Die Budapest Klezmer Band hat mit ihrem Sound in besonderer Weise Maßstäbe gesetzt. Jávori bezeichnet seine Musik aus traditionell jüdischem Klezmer, Latin-Rhythmen und Jazz als „Blues des 21. Jahrhunderts“. Die Budapester Jazz- und Klezmerszene ist lebendiger denn je. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen.

Jugendstil

Budapest zeichnet sich durch einen vielfältigen architektonischen Stilmix aus. Herausragend ist der ungarische Jugendstil, der maßgeblich von dem Architekten Ödön Lechner (1845–1914) geprägt wurde. Lechner schuf auf der Basis der ungarischen Volkskunst sowie der indischen und persischen Formensprache einen faszinierenden Baustil mit geschwungenen Linien, Tier- und Blumenornamenten. Eine Schlüsselrolle kam dabei der Manufaktur Zsolnay zu, in der farbenprächtige Majoliken entstanden. Sie prägen z. B. die Kuppel des Kunstgewerbemuseums, des prächtigsten Baus, den Lechner und sein Kollege Gyula Pártos (1845–1916) hinterlassen haben. Die meisten Jugendstilgebäude liegen in der Innenstadt (Belváros und Lipótváros) und beim Stadtwäldchen. Dazu gehören das Hotel Gresham Palace am Széchenyi István tér (früher Roosevelt tér) sowie die ehemalige Postsparkasse (Magyar Király Takarék Pénztár) in der Hold utca. Ein Jugendstiljuwel im Budapester Zoo ist das Elefantenhaus. Nahe dem Stadtwäldchen, in der Straße Városligeti fasor, stehen die Jugendstilvillen Eger (Nr. 24) und Vidor (Nr. 33).

Kaffeehaustradition

Kaffeehäuser sind ein Stück schönster Budapest-Tradition. Ende des 19. und Anfang des 20. Jhs. waren sie die Treffpunkte der Eliten des Landes: der Schriftsteller und Maler, der Universitätsintelligenz, der Journalisten. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam für die Kaffeehäuser das Aus. Seit der Wende von 1989 ist es um die kávéház-Tradition wieder bestens bestellt. Die großen alten Namen wie New York, Centrál, Művész und Gresham sind wieder da und erstrahlen in neuem Glanz.

Musiktitanen

Ungarns Musikklassiker sind in Budapest überall präsent, allen voran Ferenc (Franz) Liszt (1811–86). Liszt wurde 1875 der erste Präsident der Budapester Musikakademie. Selbstbewusstsein und Nationalgefühl standen ab 1867, nach dem Ausgleich mit Österreich, in Budapest in voller Blüte – und dieses Hochgefühl trieb auch die musikalischen Großmeister des Landes um. Sie machten sich auf die Suche nach ihren musikalischen Wurzeln. So führte Liszt an der Musikakademie eine Klasse zum Studium des ungarischen Volkslieds ein.

Den Volksliedern widmeten sich zwei Musikgenies mit besonderer Passion: Béla Bartók (1881–1945) und Zoltán Kodály (1882–1967). Ab 1906 unternahmen beide ausgedehnte Reisen und zeichneten uralte ungarische Lieder auf. Die Melodien flossen in die Kompositionen der Meister ein, trugen zu deren Einzigartigkeit bei und setzten magyarischen Liedtraditionen ein ewiges Denkmal. In der Andrássy út 89, wo Zoltán Kodály von 1924 bis zu seinem Tod lebte, befindet sich eine Gedenkstätte (Kodály Zoltán Emlékmuzeum). Béla Bartók bewohnte eine Villa in den Budaer Bergen, in der Csalán út 29. Sie ist heute die Bartók-Gedenkstätte (Bartók Béla Emlékhaz).

Nationalismus

Auf dem Budapester Burgberg thront der Turul in majestätischer Größe. Dieses ungarische Fabelwesen, eine Mischung aus Adler und Falke, liefert Stoff für schöne Geschichten – und wird zugleich für rechtsradikale Geschichtsdeutungen und Rassismus instrumentalisiert. In den 1940er-Jahren mutierte er zum Kampfvogel der ungarischen Faschisten, der Pfeilkreuzler. Heute sammeln sich Ungarns Rechtsradikale in der Jobbik-Partei, die bei den Parlamentswahlen 2010 fast 17 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Auch die rot-weiße Árpád-Flagge, die Flagge des ersten ungarischen Herrscherhauses, wird von den Rechten für ihre Zwecke vereinnahmt und ist Teil eines gespenstischen „Trianon-Kults“. In Trianon, einem Lustschloss in Versailles, wurde 1920 der Erste Weltkrieg mit einem Friedensvertrag beendet, durch den Ungarn zwei Drittel seines Territoriums und 3,2 Mio. Einwohner an Nachbarländer verlor. Mit Turul, Árpád-Flagge und dem Rückgriff auf Trianon werden die einstige Größe und eine über die Landesgrenzen hinausreichende magyarische Nation beschworen. Nationalismus bestimmt auch die Politik der seit 2010 regierenden Fidesz-Partei. Eine der ersten Aktionen war die Einführung eines alljährlichen Trianon-Gedenkens im Budapester Parlament.

Schlagfertigkeit

Die Geheimwaffe der Budapester ist ihr Witz. Über den schreiben Aranka Urgin und Kálman Vargha in der Anthologie „Budapester Cocktail“: „Wie die Gemütlichkeit zu den Wienern gehört der Witz zu den Budapestern.“ Ein Budapester hat immer einen Witz parat – um sich damit in allen Lebenssituationen, und seien sie noch so aussichtslos, über Wasser zu halten. Geschlagen gibt er sich erst, wenn ihm kein Witz mehr einfällt. Auf diesen Tag warten viele Nichtbudapester schon lange. Denn die Hauptstädter werden zwar wegen ihrer Cleverness bewundert, gelten aber auch als arrogant und versnobt. Dass sich ein Budapester geschlagen geben muss, würde daher so manchem eine klammheimliche Freude bereiten.

Sinti und Roma

„Zigeunerkönig“ wurde János Bihari (1764–1825) genannt. Der Geiger war ein Rom, ein Angehöriger der Volksgruppe der Roma. Er wurde im 18. Jh. zum Star und spielte mit seiner Kapelle in den elegantesten Budapester Restaurants. Franz Liszt war einer seiner großen Fans. János Bihari folgten andere Geigenvirtuosen, die es mit ihren Orchestern zu Ruhm und Anerkennung brachten. Heute gibt es kaum noch Restaurants, die eine Roma-Kapelle beschäftigen, und es ist zu Recht vom Aussterben einer kulturellen Institution die Rede.

Sinti und Roma haben es in Ungarn schwerer denn je. Diskriminierung und Ausgrenzung sind allgegenwärtig, und die Arbeitslosenrate ist hoch. In Budapest leben viele Sinti und Roma im östlichen Teil des XIII. Bezirks (Józsefváros). Dort befindet sich auch das Roma-Parlament, eine Bürgerinitiative mit Sozialarbeitern, einem Gemeindezentrum und einer Kunstausstellung. Die Armut ist unübersehbar.

Sprache

Der Inselcharakter Ungarns drückt sich nirgendwo deutlicher aus als in der Sprache, die mit keiner anderen vergleichbar ist. Sie gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie, doch Gemeinsamkeiten mit dem Finnischen sind nur noch in der Sprachgeschichte auszumachen.

Budapest-Besucher kommen mit Englisch und Deutsch ohne größere Probleme weiter. Schwierig ist allerdings die Verständigung bei öffentlichen Unternehmen und im öffentlichen Nahverkehr. Wichtig zu wissen: Namen werden in umgekehrter Reihenfolge geschrieben – zuerst kommt der Nachname, dann der Vorname. Das gilt auch für Daten: zuerst das Jahr, dann der Monat, dann der Tag.

Thermal- und Wellnessbäder

Mit zwölf Thermalbädern ist Budapest ein attraktiver Kurort. Ob zu Heilzwecken oder aus Vergnügen – ins Bad zu gehen gehört zur Lebensart der Hauptstadtbewohner. Die Architektur der Bäder schlägt einen Bogen von der Türkenzeit bis zur Gegenwart. Architektonische Highlights sind beispielsweise die stilvollen osmanischen Heilbäder Király und Rudas, der neobarocke Prunk des Széchenyi-Bads und die Jugendstilpracht des Gellért-Bads.

Umweltschutz

Über 20 000 Autowracks sollen angeblich auf Budapests Straßen stehen. Die Budapester sind an Smogalarm gewöhnt, im Sommer wie im Winter, aber Staat und Bürger haben eines gemeinsam: In der Praxis wird dem Natur- und Umweltschutz wenig Beachtung geschenkt. Gesetzliche Vorschriften wie Abgaskontrollen werden ausgesprochen lasch gehandhabt. Das kommt vielen gelegen, denn es spart Geld. EU-Vorschriften werden durchaus in nationale Gesetze gegossen, aber zwischen dem, was auf dem Papier steht, und der Realität liegen oft Welten. An grüner Politik fehlt es in Budapest noch ebenso wie an Umweltbewusstsein und an städtischem Grün. Zum Vergleich: Berlin hat z. B. 6,4 Prozent öffentliche Grünflächen, Budapest nur 2,4 Prozent. Rar sind vor allem schöne grüne Spielflächen für Kinder.

Verkehrschaos

Defensive Autofahrer haben in Budapest schlechte Karten. Die Hauptstädter stehen auf dem Gaspedal und bremsen oft nur ab, wenn sie dazu genötigt werden. Die vielen Staus und der Zustand vieler Straßen laden nicht gerade dazu ein, in Budapest mit dem Auto unterwegs zu sein. Es gibt auch viel zu wenige Parkhäuser und Tiefgaragen. Wer seine Nerven schonen und vor allem Zeit gewinnen will, nutzt besser die guten öffentlichen Verkehrsmittel.

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Der Reisejournalist und Übersetzer Matthias Eickhoff ist seit 25 Jahren von der Vielseitigkeit Budapests fasziniert: „Die Donaumetropole ist eine der spannendsten und attraktivsten Städte Mitteleuropas, die ihre Traditionen bewahrt und immer offen für neue Trends ist. Budapest ist voller Dynamik.“ Auch privat ist Matthias Eickhoff mit Budapest eng verbunden, da seine Frau aus der ungarischen Hauptstadt stammt.

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Quelle: www.marcopolo.de

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