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Corona-Pandemie in New York:Die Millionenstadt, die der Präsident ihrem Schicksal überlässt

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Die Park Avenue im Herzen von New York liegt am Freitag still, nachdem die Straße von der Polizei geschlossen wurde, um die um sich greifenden Covid-19-Infektionen in der Millionenmetropole einzudämmen.

(Foto: AFP)
  • Die Krankenhäuser in New York City stoßen bereits an ihre Grenzen, obwohl der Höhepunkt der Pandemie erst in einigen Wochen erwartet wird.
  • Vor allem das Elmhurst Hospital Center im Stadtteil Queens ist überfüllt.
  • Der Mangel an Beatmungsgeräten ist frappierend, doch US-Präsident Trump findet die rettenden Geräte zu teuer.

Von Christian Zaschke, New York

Die Vereinigten Staaten sind nun das Land mit den meisten bestätigten Corona-Fällen weltweit, und New York City ist das Zentrum der Krise. Mehr als 100 000 Menschen in den USA sind infiziert, mehr als 1500 sind an den Folgen der Erkrankung gestorben. Allein in New York City gibt es mehr als 25 500 bestätigte Fälle und mehr als 360 Tote. Die Krankenhäuser sind an ihre Grenzen gestoßen, obwohl der Höhepunkt der Pandemie erst in einigen Wochen erwartet wird. "Fast jede vorstellbare Entwicklung wird das Gesundheitssystem überfordern", sagte New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo. Bürgermeister Bill de Blasio sagte, dass sich die Hälfte der 8,6 Millionen Einwohner der Stadt anstecken könnte.

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Die Berichte aus den Krankenhäusern der Stadt sind alarmierend. In New York steht derzeit besonders das Elmhurst Hospital Center im Stadtteil Queens im Blickpunkt. Dort sind allein am Mittwoch innerhalb weniger Stunden 13 Menschen an den Folgen des Virus gestorben. Das Krankenhaus bemüht sich darum, sämtliche Patienten zu verlegen, die nicht mit dem Virus infiziert sind. Anders lasse sich des Ansturms nicht mehr Herr werden.

Im Stadtteil Queens ballen sich 32 Prozent aller New Yorker Corona-Fälle, allerdings gibt es weniger Krankenhäuser als in den anderen vier Boroughs. Das Elmhurst Center liegt zentral, was dazu führt, dass es überlaufen ist. Vor der Notaufnahme bilden sich täglich von sechs Uhr morgens an lange Schlangen von Menschen, die starke Symptome haben und getestet werden wollen. Die New York Times berichtet von hustenden Menschen mit Fieber, die stundenlang im Regen in der Schlange stehen und teils am Abend unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen müssen.

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In der Notaufnahme, schreibt die Times, sei jeder Stuhl besetzt. Manche Patienten seien gestorben, während sie auf ein Bett warteten. Mehrmals pro Schicht ertöne über Lautsprecher der Ruf "Team 700" - das ist der Code dafür, dass ein Patient unmittelbar im Sterben liegt. Dem Nachrichtendienst Buzzfeed sagte ein Arzt, der namentlich nicht genannt werden wollte: "Elmhurst wird zerstört." Das Krankenhaus hat 56 neue Pflegekräfte angeheuert, die teils aus dem Ruhestand zurückkehren. Zudem hat die Stadt 40 neue Beatmungsgeräte zur Verfügung gestellt.

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Den Mangel an Beatmungsgeräten beschreiben die Ärztinnen und Ärzte als gravierendstes Problem. Manche Hospitäler haben begonnen, zwei Patienten mit einem Gerät zu versorgen, eine bisher ungewöhnliche Praxis. Wieder und wieder hat Gouverneur Cuomo von der Regierung in Washington mehr Beatmungsgeräte gefordert. Man brauche 30 000 bis 40 000 Stück, sagte Cuomo. Erhalten hat die Stadt aus Washington nach eigenen Angaben bisher 400. Bereits vor einer Woche hatten Cuomo und de Blasio betont, ihre vordringlichste Aufgabe bestehe darin, mehr Beatmungsgeräte aufzutreiben.

Präsident Donald Trump hat den New Yorker Bedarf in einem Interview mit dem Sender Fox News angezweifelt. Er ließ sich von Sean Hannity interviewen, einem treuen Trump-Fan, und er sagte: "Ich habe das Gefühl, dass viele Zahlen, die in manchen Gegenden genannt werden, höher sind als die tatsächlichen Zahlen." Damit meinte er New York. "Ich glaube nicht, dass man 40 000 oder 30 000 Beatmungsgeräte braucht", sagte der Präsident. Er fuhr fort: "Wissen Sie, man geht in ein großes Krankenhaus, und sie haben zwei Beatmungsgeräte, und jetzt sagen sie plötzlich: ,Können wir 30 000 bestellen?'"

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Trump findet die rettenden Geräte zu teuer und überflüssig. Er sagt den Deal einfach ab

Trump machte diese Äußerungen, kurz nachdem das Weiße Haus einen Deal mit den Firmen General Motors und Ventec Life Systems abgesagt hatte. Die Unternehmen sollten 80 000 Beatmungsgeräte herstellen. Laut New York Times war dem Weißen Haus der Preis von einer Milliarde Dollar zu hoch. In dem Interview mit Hannity erwähnte Trump den abgesagten Deal nicht. Er verwies jedoch darauf, dass medizinisches Equipment kostspielig sein kann. "Wenn man über Beatmungsgeräte spricht, das ist fast, wie ein Auto zu kaufen", sagte er, "es ist sehr teuer. Die guten Geräte sind sehr, sehr teuer."

Später kündigte er an, General Motors zum Bau von Beatmungsgeräten zu zwingen, unter Berufung auf den Defense Production Act, ein Gesetz aus der Zeit des Korea-Kriegs in den 1950er-Jahren.

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In einem Brief an die Gouverneure des Landes hatte Trump am Donnerstag einen neuen Aktionsplan im Kampf gegen das Virus in Aussicht gestellt. Zugleich gab er seiner Hoffnung Ausdruck, dass das Land bald zur Normalität zurückkehren könne. Zuletzt hatte er Ostern als möglichen Termin genannt, an dem die Geschäfte, die Kirchen, die Sporthallen oder die Schulen wieder öffnen könnten. Beobachter in Washington schätzen, dass Trump sehr wohl weiß, dass dies in Anbetracht der explodierenden Fallzahlen vollkommen illusorisch ist, er aber den Gouverneuren, denen nichts anderes übrig bleibt, als an den strikten Maßnahmen festzuhalten, die Schuld an den wirtschaftlichen Folgen zuschieben will.

Dass die Ausbreitung des Virus sich in New York City bald verlangsamt, dürfte eine vergebliche Hoffnung sein. Ein Grund dafür ist, dass die Subway die Frequenz der Züge deutlich eingeschränkt hat. Das wiederum führt dazu, dass die Züge, die noch fahren, viel zu voll sind, um den empfohlenen Sicherheitsabstand von zwei Metern einzuhalten.

In Manhattan wird ein Konferenzzentrum zum Behelfskrankenhaus umgebaut. Hotels und Sporthallen könnten folgen. Zudem sind nicht nur Intensivstationen überfüllt, auch die Leichenhallen stoßen an ihre Grenzen. Vor dem Elmhurst Hospital Center parkt ein Kühllaster, in dem die Toten vorerst aufbewahrt werden. Zwei weitere Spitäler berichten, dass ihre Leichenhallen ebenfalls voll seien. Der Staat New York habe deshalb, so berichtet die New York Times unter Berufung auf ein Briefing, bei der nationalen Koordinationsstelle für Katastrophenhilfe um 85 Kühlanhänger zur Lagerung der Toten gebeten.

© SZ vom 28.03.2020/jsa
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