Von Christopher Schrader

Steigert häufiger Handy-Gebrauch das Krebsrisiko? Die größte Studie zum Thema lässt auf sich warten - und das nährt Gerüchte.

Kind am Handy; ddpGrossbild

Kindern raten viele Forscher, das Mobiltelefon zurückhaltend einzusetzen. (Foto: ddp)

Wenn Elisabeth Cardis die Frage "wann?" hört, weiß sie schon, worum es geht. Die Standard-Antwort der Forscherin vom Epidemiologie-Institut Creal in Barcelona ist entsprechend knapp: "Bald, hoffe ich." Der kurze Dialog handelt stets von der Interphone-Studie.

Elisabeth Cardis koordiniert das internationale Projekt, das untersucht, ob Handys das Risiko für seltene Hirntumore steigern. Eigentlich hätte der Abschlussbericht schon vor drei Jahren vorliegen sollen; nun wird er im Herbst zur Veröffentlichung eingereicht - hofft Cardis.

Die Ergebnisse werden mit besonderer Spannung erwartet, denn erste Teilresultate aus sechs Ländern hatten Risiken offenbart. Demnach treten Tumore der Stützzellen im Gehirn, des Hörnervs und der Speicheldrüsen nach langem und intensivem Gebrauch von Handys etwas häufiger als erwartet auf. Und zwar ausgerechnet auf jener Seite des Kopfes, an die die Patienten ihr Telefon gewöhnlich halten.

Diese Resultate, die aus den vier skandinavischen Staaten, aus Großbritannien und Israel stammten, waren statistisch belastbar; sie beruhten aber auf wenigen Fällen, in denen Langzeitnutzer erkrankt waren. Sogar die Forscher selbst zweifeln, wie sehr sie ihren Zahlen glauben dürfen, zumal die Untersuchungen aus anderen Ländern wie Deutschland, Frankreich und Japan kein erhöhtes Krebsrisiko durch Handys zeigen.

Vier weitere Staaten - Italien, Kanada, Australien und Neuseeland - haben ihre Daten zudem noch nicht veröffentlicht. Aber wenn am Ende Angaben über 6300 Krebspatienten analysiert und mit 7700 Kontrollpersonen verglichen sein werden, sollte eigentlich ein überzeugendes Ergebnis herauskommen. Zumindest war das der Plan der Interphone-Forscher, doch nun sehen sie die Gefahr, dass ihre Arbeit zerredet wird.

Eine Gruppe internationaler Krebsexperten mochte nicht mehr warten. Sie hat vor kurzem öffentlich Vorsorgemaßnahmen empfohlen und sich dabei auf die Teilergebnisse der Interphone-Studie gestützt. Zwei leitende Interphone-Forscher äußerten sich ähnlich. Zudem nährt die Wartezeit Gerüchte.

Manche meinen, die Informationen kämen nicht heraus, weil die Ergebnisse alarmierend sind und Druck auf die Forscher ausgeübt werde, darüber zu schweigen. "Aber das stimmt überhaupt nicht", sagte Martine Hours von der Universität Lyon, Leiterin der französischen Interphone-Gruppe, im Interview mit L’Express.

In die Lücke, die der fehlende Abschlussbericht hinterlässt, sind derweil andere Fachleute gestoßen. Der Schwede Lennart Hardell von der Universität Örebro zum Beispiel hat die veröffentlichten Interphone-Daten zusammen mit eigenen und anderen Befragungen analysiert. Nun spricht er davon, dass sich das Risiko von zwei Tumorarten nach zehnjährigem Handy-Gebrauch auf der bevorzugten Telefonierseite verdopple. Zur Einordnung: Da die in Betracht kommenden Krebsarten sehr selten sind, würde selbst diese Verdopplung des Krebsrisikos nur wenige Menschen treffen.

Die "Psychologie der Gruppe"

Wer Wissenschaftler aus den 13 Ländern nach Gründen für die Verzögerung fragt, hört auch von ernsthaften Differenzen im internationalen Team. Martine Hours sagt, es gebe eine Dreiteilung: Ein Drittel der Forscher hält das Krebsrisiko durch Handys für real und die Daten für valide, während ein weiteres Drittel annimmt, Handys seien harmlos und die Zahlen nur durch Fehler zu erklären. Das dritte Drittel meint, die Fehler seien so gravierend, dass die wahren Zusammenhänge nicht zu ergründen seien. Elisabeth Cardis bestätigt die Existenz dieser drei etwa gleich großen Gruppen.

Schon heißt es, manche Interphone-Forscher sprächen kaum noch miteinander. Maria Blettner von der Universität Mainz sagt hingegen, es sei "Quatsch, von Zerwürfnissen zu reden". Der Entwurf des Schlussreports sei mehrfach zirkuliert, nun gehe es um "inhaltliche Nuancen und die Interpretation von Formulierungen". Ähnlich stellt es Joachim Schüz dar; er gehörte zur deutschen Interphone-Gruppe, bevor er zur Dänischen Krebsgesellschaft wechselte. "Ich will kein Öl ins Feuer gießen. Es gibt einen regen Austausch von Meinungen, über einige Details wird heftiger diskutiert."

"Wir versuchen, die Daten so zusammenzustellen, dass alle zustimmen können", ergänzt Anssi Auvinen von der Universität Tampere, der finnische Interphone-Leiter. Die "Psychologie einer Gruppe" sei oft schwierig. Hinzu kommt, dass die Forscher nicht nur nackte Zahlen präsentieren, sondern eine Interpretation anbieten möchten. Dabei wollen sie auch Fehlerquellen diskutieren.

Welches die häufigsten Fehler sind, lesen Sie auf Seite 2

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Leserkommentare (9)



25.08.2008 12:46:10

Schnolfi: Zufall ?

Ich kannte mal jemanden, der, als er wieder alleine war, sich die Basisstation seines schnurlosen DECT-Telefons (diese Dinger senden 'ununterbrochen' im GHz-Bereich) neben das Kopfkissen auf das Nachtschränkchen stellte. Nach ca. 3 Jahren bekam er plötzlich einen Gehirntumor und starb innerhalb eines Monats.


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