JAKOB AUGSTEIN

SZ-Serie über große Journalisten: Egon Erwin Kisch nutzte bei seinen Reportagen literarische Stilmittel.

Kisch

(SZ v. 02.06.2003)

(SZ v. 02.06.2003) Im Jahr 1979 erschien ein Taschenbuch mit dem Titel Der Rasende Reporter. Es handelte sich um eine Sammlung von Geschichten, die von den Abenteuern eines Lokaljournalisten erzählen, der zwielichtigen Gestalten in verrufene Gegenden folgt, um Licht in ihre finsteren Machenschaften zu bringen.In diesem Band 63 aus der Reihe Walt Disneys Lustige Taschenbücher tauscht Micky Maus also seine übliche Rolle des Detektivs mit der des Reporters. Der Wechsel fällt ihm offenbar nicht schwer.


» Den sprichwörtlich gewordenen Titel für einen 1924 erschienen Sammelband hat er selbst ausgesucht: Der rasende Reporter. «

Schon nach seiner ersten Arbeit empfängt ihn der Chefredakteur des Entenhausener Boten mit den Worten: „Gute Arbeit, Ihr Artikel, Herr Maus! Ich biete ihnen die Leitung der Lokalredaktion an! Einverstanden?“ Es muss also eine Verwandschaft zwischen der Profession des Detektivs und jener des Reporters geben. Durch ihr Erscheinungsbild legt das auch eine andere populäre Reporter-Figur nahe: Der Trenchcoat mit aufgeklapptem Kragen, die locker gebundene Krawatte und der leicht in die Stirn gezogene Hut, den Kermit, der Forsch als Reporter der Sesamstraße trägt – all das scheint aus dem Kleiderschrank eines Sam Spade oder Philip Marlowe zu stammen. Detektiv und Reporter sind Archetypen des 20. Jahrhunderts, geboren aus dem Elend und dem Glanz der großen Städte, im Zeitalter der Beschleunigung auf der Suche nach den Zielen der Aufklärung: Wahrheit und Gerechtigkeit.

Solche Typen brauchen Vorbilder, literarische oder reale. Egon Erwin Kisch ist beides: Eine reale Figur, die wahrhafte Taten und grandiose Selbststilisierung zum Archetypus werden ließen, der das Ethos einer ganzen Zunft formulierte: „Nichts ist erregender als die Wahrheit!“, und mit dessen Namen sich ihr Schlachtruf verbindet: „Schreib das auf, Kisch!“ Die Vorstellung vom Reporter, der seinen Stift nimmt und seinen Block und sich dann auf den Weg macht, durch die Straßen und Gassen, unter den Eisenbahnbrücken hindurch, die Fassaden der Kaufhäuser, Fabriken und Bürogebäude entlang, um zu erleben, zu verstehen und zu berichten, immer rastlos, immer rasend, weil das Wirbeln der Moderne nie zum Stillstand kommt – das ist Kisch. Wohlgemerkt: Kisch, der am 29. April 1885 in bürgerlichen Verhältnissen in Prag zur Welt kam, und seinen Ruhm bei der Prager Zeitung Bohemia begründete, für deren Lokalteil er von 1906 bis 1913 tätig war, auf Deutsch schreibend, hat sein Bild selbst erfunden. Verkaufen können, das gehört zum Handwerk. Den sprichwörtlich gewordenen Titel für einen 1924 erschienen Sammelband hat er selbst ausgesucht: Der rasende Reporter. Eine hübsche Alliteration, ein wirkungsvoller Begriff. Da ist Kisch schon 40Jahre alt und längst berühmt.


» „Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und hat unbefangene Zeugenschaft zu liefern, so verlässlich, wie sich eine Aussage geben lässt.“ «

1913 hatte er den Fall des Oberst Redl beschrieben, der homosexuell war und ein Landesverräter, kein kleiner Skandal im sterbenden K.u.K.-Staat. Kischs Reporter gibt ja nicht den Märchenonkel der Moderne, seine Beobachtungen und Berichte sind kein Selbstzweck. Er schreibt: „Ich drängte mich mit der Masse der Frierenden in den Wärmestuben, ich wartete mit den Hungernden in der Volksküche auf die Armensuppe, ich nächtigte mit den Obdachlosen im Nachtasyl, mit den Arbeitslosen hackte ich Eis auf der Moldau, schwamm als Flößerbursch nach Hamburg, statierte im Theater, zog mit dem Heerbann des Lumpenproletariats ins Saazer Land auf Hopfenpflücke und arbeitete als Gehilfe eines Hundefängers.“ Und warum? Weil er dem Fortschritt dienen will, der sozialen Sache. Das ist – neben dem Tempo der Urbanität – das zweite Merkmal der Moderne bei Kisch.

Wenn er dann sagt: „Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und hat unbefangene Zeugenschaft zu liefern, so verlässlich, wie sich eine Aussage geben lässt“, dann ist das natürlich gelogen. Ansehen, aber nicht anfassen; zuschauen, aber nicht eingreifen; berichten, aber nicht bewirken – diese Form von bigottem Voyeuristen-Journalismus ist nicht Kischs Sache. Kisch ist Kommunist, er gründet nach dem Ersten Weltkrieg in Wien die „Rote Garde“, er bereist legal die Sowjetunion und illegal die USA und Australien und schreibt Artikel und Bücher darüber, er kämpft im spanischen Bürgerkrieg gegen Francos Faschisten, nach dem Reichstagsbrand wird er von den Nazis verhaftet, flieht nach Mexiko und kommt erst nach Kriegsende zurück nach Prag, wo er 1948 stirbt. Unbefangen? Keinen Standpunkt? Von wegen.

Und die Wahrheit? Die leidet manchmal notgedrungen. Kisch selber hat beschrieben, wie er sich bei seinem ersten Auftrag als Volontär beim Brand der Schittkauer Mühlen aufs Dichten verlegt, weil die Ergebnisse der Recherche zu dürftig waren. Die Kollegen beschwerten sich, dass seine Erfindung besser gewesen sei als die Wirklichkeit und er sie daher rechtzeitig hätte unterrichten müssen. Wer die Anekdote liest, erkennt, dass sie sich so nicht abgespielt haben kann, dass es sich um ein Gleichnis handeln muss: Für die Grenze zwischen Reportage und Literatur, für jene zwischen Erfindung und Realität und für die Wahrnehmung des Publikums, die bereit ist, diese Grenzen in beide Richtungen zu passieren. Nach 70 Jahren spielt es ja für den Leser keine Rolle mehr, dass Kisch viele seiner Geschichten für die Veröffentlichung in Büchern erheblichen Änderungen unterzogen hat. Es zählt nur: Sie hätten sich so ereignen können.

Lägen die Ereignisse aber nur wenige Tage zurück, sähe das anders aus. Da erlaubt der Leser dem Reporter das Literarische nur als Stilmittel der Darstellung der Realität. Kisch konnte das. Aber er war gleichwohl kein Dichter. Wäre sein einziger Roman Mädchenhirt (1914) nie erschienen, die Literaturgeschichte hätte es verschmerzen können. Der hellsichtige Robert Musil nannte Kisch einen „Tagesschriftsteller“; er sei „kein durchgefallener, sondern ein aus der Ewigkeitsschule davongelaufener Dichter“. Nun gibt es nicht viele Musils in deutschen Redaktionen und entsprechend wenig Verständnis fürs Literarische in der Zeitung. Allerdings auch nicht viele Kischs. Und nicht immer, wenn jemand nachdenklich in einer Kaffeetasse rührt, tief den Rauch seiner Zigarette inhaliert und dann bedächtig anhebt, hat es der Leser mit einer Reportage zu tun, oder wenigstens nicht mit einer guten.

Was jedenfalls Musil über Kisch schrieb, seine Art der Reportage sei eine „Zeitnotwendigkeit“, würde heute kaum jemand über die Arbeit eines Reporters bei der Zeitung sagen. Reporter sind zu einem Luxus geworden, mit dem man immer weniger anzufangen weiß. Was die Zeitung für ihr Kerngeschäft hält, wird in den Ressorts für Politik und Nachrichten erledigt. Arbeitsteilung und Expertentum begünstigen eine Divergenz von Kenntnissen und Fähigkeiten: Wer Ahnung hat, kann nicht schreiben und wer schreiben kann, hat keine Ahnung.

Würde Kisch also heute noch gedruckt? Wenn er sich zum Sechstagerennen begeben hatte, jener Radsportveranstaltung, die in Berlin eine ziemlich populäre Angelegenheit war, las sich das ja nachher so: „Gott denkt, der Mensch lenkt. Gleichmäßig dreht sich die Erde, um von der Sonne Licht zu empfangen, gleichmäßig dreht sich der Mond, um der Erde Nachtlicht zu sein, gleichmäßig drehen sich die Räder, um Werte zu schaffen – nur der Mensch dreht sich sinnlos in seiner willkürlichen Ekliptik, um nichts, sechs Tage und sechs Nächte lang.“

Nein, das wenigstens würde heute nicht mehr ohne weiteres gedruckt. Der zuständige Redakteur würde vermutlich fragen, ob der Autor wirklich sicher sei, dass der Mensch sich in einer willkürlichen Ekliptik drehe, ob er für diese Behauptung drei unabhängige Quellen vorweisen könne; er würde fragen, ob man diese ganze Passage mit Gott und den Rädern nicht sowieso kürzer fassen könne; oder er würde einfach anmerken, dass ihm das Thema nicht einleuchte: Radfahren in einer Halle? Wo ist da die gesellschaftliche Relevanz, werter Kollege? Und wenn der zuständige Redakteur das alles wider Erwarten nicht täte, sondern dankbar den Text druckte – dann würden die Herren aus dem Ressort für Politik und Nachrichten sich am nächsten Morgen spöttisch lachend auf ihre Schenkel schlagen, weil schon wieder ein Stück „Literatur“ den Weg in die Zeitung gefunden habe. Beim nächsten Mal wäre der zuständige Redakteur dann vorsichtiger.

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