Von Suzanne Vega

Jeder kennt Suzanne Vegas Radio-Hit "Luka" - und vielleicht noch "Tom's Diner", aber nicht viel mehr. Ein "Two Hit Wonder" schreibt über die Anatomie eines Superhits.

Suzanne Vega, APBild vergrößern

Eigentlich sollte Suzanne Vegas Hit "Luka" keine Sozialkritik, sondern ein kleines Portrait darstellen. Es kam anders. Foto: AP

Vor einigen Wochenenden ging ich auf eine kleine, wie ich sie nenne Brot-und- Butter-Tournee. Ich gab zwei Konzerte, eins in Long Island, eins in Saratoga, New York. Beide mit schlimmer Kopfgrippe, aber irgendwie quälte ich mich durch. Wieder zu Hause, checkte ich meine E-Mails, und während ich durch meinen Account und irgendwelche Nachrichtenseiten stöberte, stieß ich, zwischen lauter Fotos von einem Brand in den Universal Studios, auf: mein eigenes Gesicht. Kein aktuelles Bild, sondern eins aus dem Jahr 1990. Ich dachte: Ist mein AOL-Foto-Ordner geplatzt? Hat er sich in alle möglichen Online-Kanäle ergossen?

Dann las ich den dazugehörigen Text: "Ihr erster Hit, Luka, brachte das Thema Kindmissbrauch in die Top 40. Wie aber hieß ihr zweiter Hit? Kleiner Tipp: Er war tanzbar ..."

Ich starrte auf meinen Monitor, immer abwechselnd auf das - mein - Gesicht, dann wieder auf das Feuer in den Universal Studios. Mein Mann Paul sah mir über die Schulter. "Klick sie doch mal an, deine Geschichte!", sagte er.

Da stand: "Mit ihrem schmerzlichen Lied brachte diese New Yorkerin eine Dosis soziales Bewusstsein in die oberen Ränge der Hitparaden. Ihren zweiten und finalen Ausflug in die Charts machte Vega dank eines zunächst unautorisierten Remixes, der von ihrem Lieblings-Imbiss in Manhattan handelte, nämlich 'Toms Diner’, den man dann später auch in einigen Episoden der Sitcom 'Seinfeld’ sah ..."

"So sollten die nicht über dich reden", sagte Paul. "Wieso?" fragte ich. "Das ist doch alles sehr nett." Ich hatte die Überschrift übersehen. Sie lautete: "Two Hit Wonders". Ach. Das.

Dieses Siegel hatte man mir schon so oft aufgedrückt, dass ich mich schon so gut wie dran gewöhnt hatte. Andererseits hatte Paul natürlich recht - es ist erniedrigend. Es lässt mich lächerlich aussehen. So, als hätte ich mal eben zwei Hits rausgequietscht und sei dann wieder zurück in das Leben einer Rezeptionistin geschlurft. Was selbstverständlich nicht stimmt.

Aber - wie stimmt es denn? Ich selber spreche am liebsten von einer "20-plus-Karriere". Davon, dass ich eine Menge Veröffentlichungen hatte, mit vielen Liedern, die die Menschen gerne hören, und mit zwei Liedern, die besonders viele Menschen besonders gerne hören. Dass zwei meiner Songs große Hits waren, macht meine anderen Songs nicht kleiner, es macht die zwei zu den Kirschen auf der Torte. Wieso sollte ich sie runterreden? Sie waren mein Ticket, mit ihnen konnte ich dem Angestellten-Dasein entfliehen, Künstlerin sein, reisen, zum Beispiel nach Korea, wo der Typ, der meinen Pass abstempelte, sagte: "Sie sind die Suzanne Vega? Hier kennt Sie jedes Kind." Und ich sah aufrichtige Bewunderung in seinem Blick.

Launen des Schicksals

Niemals würde ich mich für diese zwei Hits schämen. Aber ich gebe zu, ich habe schon oft überlegt: Warum ausgerechnet diese beiden? Ich habe andere Lieder geschrieben, die ebenso funkelnd und schön und radiofreundlich waren, zum Beispiel "Book of Dreams", "No cheap thrill", "Frank und Ava" - und so weiter. Aber keiner davon hatte die Lebensdauer wie die zwei. Woran lag das?

Es waren zwei Launen des Schicksals, meinen manche. Das glaube ich nicht. Dafür war es zu schwer, sie zu produzieren und zu arrangieren. Bevor ich "Luka" schrieb, hatte ich dauernd Lou Reeds Berlin-Album gehört - ein großer Teil des Albums handelt von allen möglichen Arten von Missbrauch, inklusive dem häuslichen. Live kam "Luka" überhaupt nicht an. Wenn ich es spielte, beobachtete ich das Publikum von der Bühne aus. Man konnte richtig sehen, wie sich beim Zuhören ihre Mienen veränderten. Man sah zunächst eine Art Stirnrunzeln, dann ein physisches Unwohlsein, finstere Blicke auf den Boden, und als Conclusio: bruchstückhafter, widerstrebender Applaus. Dazu riefen sie nach etwas anderem, für gewöhnlich nach dem Song "Gypsy". Oder irgendeinem anderen, der Dur im Refrain hatte.

Das könnte ein Hit sein

Es war mein damaliger Manager, Ron Rierstein, der "Luka" aus allen anderen herauspickte. "Handelt der Song tatsächlich davon?", fragte er mich eines Tages im Backstageraum von Folk City. In meiner Erinnerung entspann sich daraus folgende Unterhaltung.

Ich: "Keine Ahnung. Was denkst Du denn, von was er handelt?"
Er: "Wenn ich mich nicht irre, singst du ihn aus der Perspektive eines misshandelten Kindes."
"Stimmt. Ein Neunjähriger namens Luka."
"Wie kommst du auf den Namen?"
"Luka ist so ein Neunjähriger, der in meinem Haus wohnt. Der übrigens kein Stück misshandelt wird. Aber ich mag den Namen Luka; er ist universell, er wird in vielen Ländern benutzt, und Jungs und Mädchen können ihn beide tragen."
"Weißt du", sagte Ron, "ich glaube, das könnte ein Hit sein."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Musik als Sozialkritik und die Reaktionen auf die Missbrauchs-Thematik in "Luka".

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