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Sammler von Ungerechtigkeiten

Psychologie von Amokläufern

24.09.2009, 12:49

Seite 1 von 2

  1. Sammler von Ungerechtigkeiten
  2. Folgen für die Betroffenen

Von Max Hägler

Die Psychologie von Amokläufern: Wer wird zum Amokläufer, was sind die Folgen für die Betroffenen - und wie man solche Taten verhindern kann.

Ansbach, dpaGrossbild

(Foto: dpa)

Aus Winnenden und Erfurt waren Polizisten und Pädagogen gekommen, dazu Wissenschaftler und Politiker aus Bayern: "Extremsituation Amoklauf"‘ - so hatte die Landesgruppe der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) ihre Jahrestagung in dieser Woche betitelt. Die Veranstaltung war zwar schon lange geplant, erhielt durch die jüngste Bluttat in Ansbach aber eine neue Aktualität. Ein Überblick über die wichtigsten Beiträge der Fachtagung in Ingolstadt.

Wer wird zum Amokläufer?

Dazu hat Psychiatrieprofessor Armin Schmidtke von der Universität Würzburg ein recht genaues Bild. Zwischen 16 und 30 Jahre alt seien die Täter, meist männlich, besuchten zumeist "gute" Schulen. Zuneigung haben sie oft nicht erfahren, im Elternhaus nicht und auch nicht von Freunden. Selten haben sie eine feste Freundin. Und vor allem, so meint Schmidtke, seien Amokläufer übersteigert empfindlich gegenüber Kränkungen - verursacht durch Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen.

"Sammler von Ungerechtigkeiten" nennt er diese Menschen, die irgendwann nur noch die Alternativen Rache oder Tod sähen - und als Ausweg daraus den stillen Suizid oder den öffentlichkeitswirksamen Amoklauf. "Durch eine Kette von belastenden und kränkenden Ereignissen kommt es zur Tat."

Das letzte, auslösende Ereignis sei dabei für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar. "Das kann die Tasse Kakao sein, die jemandem nicht hingestellt wurde." Wobei Schmidtke doch einen feststellbaren Beweggrund nennt: Nachahmung.

Mehr als die Hälfte aller Amoktaten findet in den zehn Tagen nach der Berichterstattung über ein Attentat statt: In den Tagen nach Winnenden wurden etwa in der Jugendpsychiatrie in München 20 männliche Jugendliche behandelt. Sein Tipp deswegen: Keine "Hitliste" von Amoktaten abdrucken und eigentlich auch keine Trauerkultur zulassen, so schwer das für die Angehörigen auch sei. Denn ein Staatsakt führe mitunter zu einem "Will ich auch".

Für die Erstdiagnose instabiler Personen hat Schmidtke ein einfaches Kriterium parat: "Man muss prüfen, ob die Person Humor hat." Wenn jemand etwa noch lachen könne über den Vorschlag, die erlittene Ungerechtigkeit für alle Welt sichtbar an die Chinesische Mauer zu pinseln, dann sei alles halbwegs im Lot.

Professor Helmut Lukesch von der Universität Regensburg hält auch Gewaltvideos oder sogenannte Killerspiele für eine der Ursachen für Gewalttaten. "Je neuer die Studien sind, desto deutlicher sind diese Ergebnisse." Solche Medien seien nur Teil der relevanten Einflussfaktoren, aber auch Teil einer Abwärtsspirale. "Wer sowieso schon aggressiv ist, wendet sich Gewaltmedien zu."

Wie reagieren die Schulen?

Es ist noch nicht lange her, da gab es offiziell keine Sicherheitsprobleme an Schulen. Prügeleien und Drogenvorfälle wurden verschwiegen. Wie anders klingt die Diagnose des Ministerialrats Thomas Schäfer vom Bayerischen Kultusministerium nach dem jüngsten Amoklauf in Ansbach: "Das sind keine Einzelfälle, da haben sich gesellschaftliche Dinge verändert." An den einzelnen Schulen werde das mitunter noch ausgeblendet. Dabei gäbe es häufiger Amokdrohungen "als wir denken". Mindestens zweistellig sei die Zahl pro Jahr in Bayern.

Und fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen seien psychisch krank. "Das sind 50 von 1000", verdeutlicht er die Problematik an großen Schulen. Eine Konsequenz des Ministeriums: Schulleiter bekommen Fortbildungen in Krisenmanagement. Der Forderung eines Psychologen bei der Tagung, den Leistungsdruck in Schulen abzustellen, teilt der Beamte aber nicht: "Schule ist dem Leistungsprinzip verpflichtet." Damit gäbe es auch Misserfolgserlebnisse und mitunter Brüche. Früher allerdings sei so etwas ein Verwaltungsakt gewesen; ein gescheiterter Schüler habe dann eben an einer anderen Schulart weitergemacht.

Heutzutage gebe es eine "neue Qualität" beim Erfolgsdruck, das gesteht auch Schäfer ein. Damit könnten die Schulen "noch nicht in ausreichendem Maße" umgehen. Man müsse lernen, die Gescheiterten und die Mobbing-Opfer zu betreuen. Zugleich müssten sich an Schulen generell wieder besondere Verhaltensregeln etablieren, die den Lernort vom Alltag unterscheiden.

Zentrale Forderung von Schäfer: feste Psychologen an jeder größeren Schule - in Ansbach war einer für drei Schulen zuständig. "Einer von uns sollte die Schule ständig beobachten und Ansprechpartner sein", sagt Schäfer. Gäbe es diese personelle Unterstützung, "dann kämen wir zurecht", meint Schäfer - und warnt zugleich vor überzogenen Reaktionen bei ungewöhnlichem Verhalten.

Nach den jüngsten Amoktaten habe es an jeweils anderen Schulen in Bayern "Panik" gegeben. "Es gab Klassen, wo kein Lehrer mehr reingehen wollte."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die Polizei tut und welche Folgen es für die Betroffenen hat.

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Leserkommentare (9)



28.09.2009 11:32:01

meditz: @ jan2bach

Ich weiss nicht, ob die Diagnose "Persönlichkeitststörung und/oder Psychose" stigmatisierend, vernichtend, belastend und kränkend ist (oder sein muss). Immerhin könnte die Diagnose einer Krankheit ja auch Schuld (und damit Scham) vom Betroffenen nehmen und zu Hilfsbereitschaft bei anderen führen. Persönlichkeitsstörung und Psychose sind ja auch heilbar. Und immerhin versucht Herr Schmidtke vernünftige Erklärungsansätze zu geben, was in dem allgemeinen Gejammer vom "Unerklärlichen" und den verzweifelten Ausflüchten zu Nebenthemen (Waffenverbote, Computerspielverbote, ...) schon eine große Wohltat ist. Aber sie haben recht, Herr Schmidtke drückt sich im entscheidenden Punkt um die wesentliche Sache. Er sagt nicht, wie Persönlichkeitsstörung und Psychose entstehen. Seine getrennte Erwähnung von "Keine Zuneigung erfahren / Ungerechtigkeiten sammeln" und "Persönlichkeitsstörung / Psychose" auf der anderen Seite, legen eher nahe, dass das Eine nur die Folge vom Anderen ist, beides aber getrennte, unzusammenhängende und verschiedene Dinge sind. Die aktive Formulierung "Sammler von Ungerechtigkeiten", eine Tätigkeit die wohl keiner gerne aktiv macht, ist sehr verwirrend. Entweder ist Herr Schmidtke hier bewusst vorsichtig oder sein Unbewusstes macht ihm hier einen Strich durch die Rechnung.


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