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12.11.2004    17:18 Uhr Drucken  |  Versenden  |  Kontakt
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Kommentar

Der neue Kulturkampf

Warum das Experiment des Multikulturalismus nicht gescheitert ist.
Von Gustav Seibt


» Alles, was den Europäern an der fundamentalistischen muslimischen Frömmigkeit so bedrohlich erscheint, könnten sie aus ihrer eigenen religiös-kulturellen Überlieferung kennen «

Kürzlich hat ein laizistisch gestimmtes europäisches Parlament einem EU-Kommissar den Segen verweigert, weil dieser sich zu traditionellen Lehrsätzen der katholischen Morallehre bekannt hatte: Homosexualität sei Sünde, und Frauen seien vor allem dazu bestimmt, Mütter zu werden und dem Manne zu dienen.

Wenige Wochen nach diesem Vorgang wird ein niederländischer Regisseur von einem fanatischen Muslim erschossen, weil er es gewagt hatte, die Grausamkeit der archaischen islamischen Frömmigkeit gegen Frauen anzuprangern, und weil er es sich nicht nehmen ließ, öffentlich den Propheten Mohammed zu verhöhnen und Muslime mit einem sexuell gefärbten Schimpfwort zu bedenken.

Der muslimische Ayatollah und der katholischer Bischof

Was immer die beiden, derzeit oft zusammen genannten Ereignisse miteinander zu tun haben – gerade in ihrer Gleichzeitigkeit stellen sie noch kein Argument gegen jenen Multikulturalismus dar, dessen Berechtigung und Möglichkeiten in der akuten Aufregung so heftig angezweifelt werden.

Denn eines ist gewiss: Ein muslimischer Ayatollah und ein katholischer Bischof dürften sich bis heute über weniges so rasch einig werden wie über die naturgemäße Rolle der Frau oder die Homosexualität.

Und die Bestimmungen des Korans, welche Lästerungen Allahs mit schwersten Sanktionen belegen, finden ihre Parallele (und vielfach sogar Quelle) in den Gesetzen der jüdisch-christlichen Thora, die den Schändern des Jahwe-Kultus den Tod androhen.

Alles, was den Europäern an der fundamentalistischen muslimischen Frömmigkeit so bedrohlich erscheint, könnten sie aus ihrer eigenen religiös-kulturellen Überlieferung kennen.

Der zurückkehrende Horror

Dabei hatte der verhinderte EU-Kommissar Buttiglione nicht nur säkulare Gegner, sondern auch liberale Verteidiger in der europäischen Öffentlichkeit. Diese wollten sich zwar nicht dessen Ansichten zu eigen machen, bedauerten aber, dass man ihm die Möglichkeit beschnitten habe, sich zu seinen „Überzeugungen“ zu bekennen – auch für den frommen Konservativen gelte Meinungsfreiheit, selbst in einem politischen Spitzenamt.


 
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Dies ist ganz unbestreitbar und trotzdem eine Verharmlosung des Problems. In der Bundesrepublik war Homosexualität bis vor 35 Jahren strafbar; im vor 60 Jahren zu Ende gegangenen Dritten Reich wurden Zehntausende Männer wegen ihrer Homosexualität zu Tode gequält.

Die Verfolgung dieser Minderheit – mit ihren tief in die Gesellschaft hineinwirkenden Folgen an Unehrlichkeit und Erpressung – hat unmittelbar mit dem zu tun, was heute nur noch persönliche Überzeugung frommer Individuen wie Buttiglione ist. Der Satz, Homosexuelle seien Sünder, hat vor diesem Hintergrund immer noch etwas Verletzendes.

Den Schutz durch die liberale Meinungsfreiheit hat er sich eigentlich erst durch seine historisch junge Machtlosigkeit verdient.

Homosexuelle lebendig begraben

In muslimischen Gottesstaaten werden Homosexuelle lebendig begraben, während man jungen Frauen die Klitoris beschneidet und Ehebrecherinnen steinigt. Die subjektiv reine Überzeugung, dass die Frau Eigentum des Mannes sei, wird in den islamischen Gemeinschaften auf europäischem Boden nicht selten auch gegen den laizistischen Rechtsstaat mit brutaler Gewalt durchgesetzt.

Und nun trifft der Mordfall van Gogh auf ein europäisches Bewusstsein, das seit den rauchenden Türmen New Yorks in einer panischen Stimmung von Weltreligionskrieg lebt – zusätzlich befeuert vom befremdlichen Eindruck der öffentlich gelebten Religiosität des politischen Amerikas.

Wer in dieser Konstellation den Multikulturalismus bezweifelt, rührt an ein ganzes Bündel auch sozialer Probleme, vor allem zeigt es eines: den aus verschütteten Tiefen wieder zurückkehrenden Horror des laizistischen Europas vor der Religion.

Der muslimische Fanatismus berührt uns ja nicht nur wegen seiner terroristischen Drohungen so schrecklich, sondern auch deshalb, weil er uns an die eigene Vergangenheit erinnert. Europa hat eine Geschichte religiöser Gräuel hinter sich, gegen die sich die islamische Vergangenheit alles in allem pazifistisch ausnimmt.

Fast übermäßiger Pendelschwung

Und es ist kein Zufall, dass die beiden Nationen, die heute am intensivsten über Staat und Religion diskutieren, Frankreich und Deutschland, in ihrer Geschichte auch am fürchterlichsten von Religionskriegen zerrissen waren.

Es ist daher eher müßig, die Europäer auf die so entspannte wie intensive, weil individualisierte Religiosität der Amerikaner hinzuweisen. Amerika hat keine konfessionellen Kriege hinter sich, nie verbündeten sich hier die Kirchen mit den Zwangsmitteln des Staates; da kann man leicht fromm sein.

Die Freiheit, den Papst und die Kirche und selbst Gott ungestraft zu kritisieren, hat sich das christliche Europa mit Strömen von Blut erwerben müssen – Blut, das für theologische Dogmen floss, für die Rechtfertigungslehre oder die Symbolik des Abendmahls. Auch die schwerste Schande Europas, der Antisemitismus, hat einen christlichen Vorlauf, so wenig er ohne seine modernen Zutaten vorstellbar wäre.

Der durch die aktuelle muslimische Bedrohung wieder heftig aufgeflammte Laizismus hat in Europa also eine lange Vorgeschichte und gute Gründe. Dafür ist auch der holländische Fall ein bezeichnendes Beispiel.

Toleranz am Rande der Gleichgültigkeit

Die oft bewunderte Toleranz und bis zur Gleichgültigkeit gehende Liberalität der Niederlande in den letzten Jahrzehnten war ein fast übermäßiger Pendelschwung gegen die puritanische Engherzigkeit einer noch bis in die Sechzigerjahre in konfessionelle Milieus „versäulten“ Gesellschaft, wo schon der Kontakt zwischen Lutheranern und Calvinisten mühsam war.

Theo van Goghs grobianisches Rabaukentum hatte auch mit dieser, erst vor einer Generation überwundenen inneren Unfreiheit zu tun. Das Problem, das Europa heute mit seinen Muslimen hat, wird durch solche Rückblicke auf die eigene Religionsgeschichte erst in seiner Abgründigkeit fassbar. Es rührt an die Grundfesten unserer modernen Lebensform.

Da Europa seine Millionen Muslime nicht ausbürgern und umsiedeln kann, muss es sich auch mit den Gespenstern einer Religiosität herumschlagen, in denen albtraumhaft Vergangenes zurückkehrt.

Angstreaktionen und ihre Folgen

In Wahrheit kann keine europäische Gesellschaft mehr auf multikulturelle Lebensformen verzichten. Allzu lange erschöpften sich diese jedoch in einem gleichgültigen Nebeneinander. Nun drohen Angstreaktionen, die auf eine Zwangslaiisierung islamischer Mitbürger hinauslaufen.

Wer heute das Experiment des Multikulturalismus für beendet erklärt, hat nur recht, solange er die bisherige leichtsinnige Gleichgültigkeit meint; wer die Sache auf ein Verfassungsschutzproblem reduziert, begibt sich auf den Pfad des Religionskrieges, und es drohen Kulturkämpfe, wie sie noch nie gewonnen werden konnten.

Die wirksamen Antworten werden kleinteilig sein müssen: ökonomisch, pädagogisch, ökumenisch. Auch die christlichen Kirchen hätten hier reichlich Gelegenheit, etwas von ihrer historischen Schuld abzutragen und zum Frieden zu wirken.

(SZ vom 13.11.2004)