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Reiseführer Nordseeküste Schleswig-Holstein:Auftakt

Entdecken Sie Die Nordseeküste!

Als Erstes ist da der Wind: Bei null ruht er, bis fünf schafft er es nahezu täglich, ab sechs wird er ungemütlich, über zehn gefährlich, erreicht er gar zwölf, meldet das Radio Unwetterwarnungen. Der Wind lässt die Bäume gen Osten wachsen und verpasst den Büschen eine Sturmfrisur. Meistens bläst er aus Westen; mal aus Nordwest, mal kommt er aus Südwest, der „Schietecke“, denn von dort bringt er Wolken und Regen mit.

Bei Windstille oder leichtem Ostwind bleibt das Wetter zwar beständig, doch bei ablandigen Brisen plätschert das Meer wie gelähmt vor sich hin, und die Menschen an der Küste fühlen sich „dösig“. Ohne Wind ist die Welt an der Nordsee nicht in Ordnung. Er ist hier zu Hause; oft lässt er das Meer „kabbelig“ werden: Dann türmen sich Wellen auf, stürzen in sich zusammen, Kämme brechen, die Gischt schäumt, und die Wassermassen werden mit aller Macht gegen das Land gedrückt. Schon immer hieß es für die Menschen im Westen Schleswig-Holsteins, den Naturgewalten zu trotzen.

Rund 300 km lang ist die Deichlinie, die die Landschaft in zwei Teile teilt. Binnen, auf der Landseite, zerschneiden Gräben und Sielzüge das Marschland. Ein ausgeklügeltes Kanalsystem sorgt dafür, dass niemand nasse Füße bekommt. Buten, auf der Seeseite, müht sich der Mensch, das Meer zu zähmen. Seit Jahrhunderten rammt er Pfähle ins Watt, schüttet Erdhaufen auf, zieht Gräben, heute wird auch asphaltiert und betoniert – allein um der stürmischen See, dem „Blanken Hans“, die Stirn zu bieten.

Ein Blick auf alte Landkarten zeigt, wie viel Land sich das Meer in den vergangenen Jahrhunderten geholt hat. So ist die heutige Nordseeküste mit den Inseln und Halligen ein Ergebnis vergangener Katastrophen. Nur dank des intensiven Küstenschutzes hatte das Meer in den letzten Jahrzehnten kaum eine Chance, sich noch mehr Land einzuverleiben. Die „Landschaft“ vor dem Deich ist wahrlich schützenswert. So ist das Wattenmeer, das sich von Holland bis nach Dänemark erstreckt, neben den Alpen das letzte flächendeckende Wildnisgebiet Europas. Hier leben 250 Tierarten, die nur hier vorkommen; im Watt und auf den Salzwiesen entlang der Küste rasten auf dem Zug im Frühjahr und Spätsommer bis zu zwölf Millionen Wat- und Wasservögel.

300 000 Menschen leben an der Westküste Schleswig-Holsteins, südlich der Eider die Dithmarscher (136 000), nördlich die Nordfriesen (167 000). Was sie unterscheidet? Steht ein Nordfriese auf dem Deich, schaut er aufs Meer, mit Wehmut und Stolz. Waren seine Vorfahren doch Kapitäne, Steuerleute, Matrosen. Der Dithmarscher hingegen, so die gern erzählte Anekdote, kehrt der See den Rücken zu. Er blickt auf das grüne, fruchtbare Land und sagt stolz: „All min!“ Wind und Wasser haben das Denken und Handeln der Menschen nördlich wie südlich der Eider schon immer bestimmt. Flutkatastrophen raubten den Nordfriesen ihr fruchtbares Land; sie heuerten auf Walfängern an und fuhren zur See. Die Dithmarscher blieben zu Hause. Zwar wurden auch sie vom „Blanken Hans“ nicht verschont, doch da das Marschland südlich der Eider höher liegt, konnten die Bauern sorgloser ihre Äcker bestellen und von den Erträgen Frau und Kinder ernähren.

Heute ist der gesamte Küstenstrich zwischen Elbmündung und deutsch-dänischer Grenze, wie es Politiker nennen, strukturschwaches Gebiet. Folglich gibt es für Finanzminister hier wenig zu holen. Und auch dem Arbeitsminister bereitet das platte Land Kopfschmerzen. Werden die Arbeitslosenzahlen bekannt gegeben, steht die Westküste regelmäßig an der Spitze. Attraktive Arbeitsplätze gibt es nur in den Städten. Die Folge: Die Jungen, die Erben von Hof und Acker, sehen hinter dem Deich kaum eine Zukunft. Viele verlassen die Küste. Wer bleibt und allein von Raps, Weizen, Kohl, Schafen und Kühen nicht leben kann, der investiert in eine Biogas- oder eine Solaranlage, um in den Genuss staatlicher Subventionen zu kommen, und er baut Stall oder Dachgeschoss aus, hängt ein Schild in den Vorgarten und hofft so auf ein Zubrot durch Feriengäste.

Dithmarscher wie Nordfriesen wissen: Mit Welle, Wind und Watt allein können sie die Urlauber nicht glücklich machen. Zwar ist die Küste lang, doch Sandstrände gibt es kaum, und schließlich soll der Gast bei Tiefdruck nicht Trübsal blasen. So bieten die Küstenorte eine umfangreiche Palette an Sport, Spiel und Spaß für die ganze Familie. Zu Fuß, mit dem Rad oder an Bord eines Schiffs können Urlauber die faszinierende Welt des Nationalparks Wattenmeer kennenlernen. Nahezu jeder Ort an der Küste hat sein Museum; doch da diesem Wort oft etwas Langweiliges anhaftet, spricht man lieber von Erlebniswelten: Multimediale Inszenierungen vermitteln Wissenwertes über das Leben vor und hinter dem Deich.

Und die Bemühungen der Küstenbewohner um ihre Gäste tragen Früchte: Immer mehr Menschen wollen das Land vor und hinter den Deichen entdecken; die Besucherzahlen steigen Jahr für Jahr. Die Erhebung des Wattenmeers zum Weltkulturerbe wird für den Tourismus an der Küste einen weiteren wichtigen Beitrag leisten – und bietet den Verantwortlichen zudem die Chance zu beweisen, dass sie das Konzept der Nachhaltigkeit – gerade bei einem so sensiblen Ökosystem wie dem Wattenmeer – umzusetzen verstehen.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung!“ Diese, zugegeben, etwas kesse Gleichung soll Sonnensüchtige trösten, wenn beim Blick aus dem Fenster mal wieder „Schietwetter“ aus der besagten Ecke aufzieht. Kein Trost? Nun, vielleicht vertreibt ja die Statistik die letzten Zweifel am Nordseewetter: Von Juni bis August gibt es schlechtestenfalls zehn Regentage im Monat. Die Sonne scheint sieben bis neun Stunden am Tag (!), und die Nordsee erwärmt sich auf erfrischende zwanzig Grad.

Den wahren Nordseefan schert die Wetterkarte ohnehin nicht. Er kommt im Herbst, Winter oder im Frühjahr, holt sich statt eines Sonnenbrands eine kalte Nase, schwört auf das gesunde Reizklima und schwärmt von der Ruhe. Auch die Küstenbewohner sind nicht traurig, wenn die meisten Gäste weg sind, ihr Leben wieder beschaulich wird. Ihnen wird ja eh nachgesagt, sie seien wortkarg. Wahr ist, dass der Mensch hinter dem Deich gern auch mal schweigt, länger, als es so mancher Stadtbewohner aushalten mag. Wer viel fragt, bekommt hier nur kurze Antworten, ein kehliges „Jo“ vielleicht oder ein lang gezogenes „Dooch“. Mehr nicht. Und dies ist bitte nicht als Ablehnung zu verstehen. Im Gegenteil: Gemeinsam auf der Bank vor dem Haus oder am Deich sitzen, in die Weite schauen und schweigen – das ist Glück an der Nordseeküste.

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Der gebürtige Hamburger (55) lebt im Städtchen Burg am Nord-Ostsee-Kanal, wo er sein Geld als freiberuflicher Autor – u. a. auch für die MARCO POLO Bände „Sylt“ und „Föhr/Amrum“ – und als Lektor verdient. In seiner Freizeit ist er gern im Marschland der Westküste – quasi direkt vor seiner Haustür – unterwegs und engagiert sich für den Schutz des Weltnaturerbes Wattenmeer.

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Quelle: www.marcopolo.de