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Reiseführer Irland:Auftakt

Entdecken Sie Irland!

So mancher Smalltalk beginnt in Irland mit dem Standardthema Wetter. Die Bemerkung „Isn't it a nice day today“ ist nicht nur der perfekte Einstieg für die stets zu einem Gespräch aufgelegen Einheimischen, sondern zeigt auch ihre ziemliche Robustheit in puncto Wetter. Wenn selbst an einem düsteren, wolkenverhangenen Morgen von einem herrlichen Tag gesprochen, wundert es einen nicht, dass auf der Grünen Insel die Schulkinder der mitunter grimmigen Kälte der Wintermonate unverdrossen Kniestrümpfe und Röcke entgegensetzen. Das wechselhafte Wetter, so heißt es pragmatisch, habe viel Gutes, und im Pub regne es schließlich auch nicht.

Eindrucksvoll ist bereits das Vokabular, mit dem auf der Insel zwischen der Größe der Regentropfen und dem dazu wehenden Wind differenziert wird. Der Wetterbericht kennt Dutzende von Bezeichnungen für Regen. „Fein zerstäubter Nieselregen“, für den es im Gälischen sogar eine eigene Bezeichnung gibt, ist jedenfalls mit verantwortlich dafür, dass Irland so herrlich grün ist. Wie ein moosgrüner Stein liegt die Insel vor der Nordwestküste Europas im Meer. Windumtoste Küsten, karge Hochebenen und üppige Vegetation bilden eine einmalige Naturlandschaft. Wer auf zum Teil holprigen und engen Straßen über die Insel fährt, stellt fest, dass die viel besungenen forty shades of green (40 Grün-Schattierungen) alles andere als ein Klischee sind. Der rasche Wechsel von Regen und Sonne sorgt zudem für die vielen Regenbögen.

Wechselhaft war auch während der letzten Jahre die Wirtschaftslage. Bis zum EU-Beitritt 1973 galt Irland als Armenhaus Europas, seit Mitte der 1990er-Jahre erlebte das Land einen Wirtschaftsboom, der ihm zum Beinamen „keltischer Tiger“ verhalf und zu einem der reichsten Länder der EU werden ließt. Seit 2008 geht es wieder rasant auf Talfahrt. Anfang 2011 half nur noch eine Milliardenspritze der EU. Von der Weltwirtschaftskrise ist Irland in besonders starkem Maße betroffen, u. a. durch den Zusammenbruch der lokalen Bauwirtschaft sowie durch einen drastischen Rückgang an Exporten. Die Arbeitslosigkeit steigt, und immer mehr Bevölkerungsgruppen sind von Armut bedroht. Einen absoluten Tiefpunkt erreichte die öffentliche Stimmung, als eine Untersuchungskommission aufdeckte, dass Priester und Bischöfe der römisch-katholischen Kirche über Jahrzehnte hinweg Kinder und Jugendliche misshandelt und sexuell missbraucht hatten. Zehntausende von Fällen kamen ans Tageslicht – für die mehrheitlich katholische Bevölkerung ein Schock.

Ein weiterer, schon lange schwelender und immer wieder ausbrechender Konfliktherd liegt in Nordirland. Nach der Teilung des Landes (1921) begannen die blutigen Unruhen, und die Anschläge der IRA (Irish Republican Army) dehnten sich auf London und das europäische Festland aus. Erst 1998 schien sich mit dem Karfreitagsabkommen, das für Nordirland Autonomie und im Gegenzug eine Entwaffung der IRA vorsah, eine friedliche Lösung abzuzeichnen. 2005 entschied sich die Führung der IRA für die Einstellung des bewaffneten Kampfes. Doch der Frieden in Nordirland ist noch eine zarte Pflanze.

Als Therapie gegen deprimierende Nachrichten müssen, wie seit jeher, die Gespräche im Pub herhalten. Hier steht der mit Tattoos übersäte Bauarbeiter genauso am Tresen wie der Bankangestellte im gebügelten Designerhemd. Näher kommt man sich auch beim Sport: Besonders gern wird Golf gespielt – ein Sport, dem auf der Insel nichts Elitäres anhaftet – und pitch and putt, eine Miniversion des Golf. Hunderte von Plätzen gibt es in Irland. Die meisten bestechen durch ihre üppig grüne Vegetation, manche beeindrucken auch durch ihre Traumlage mit Blick auf das tosende Meer und raue Klippen.

Eine generations- und schichtenübergreifende Leidenschaft ist das Wetten. Windhundrennen (greyhound races) sind für so manchen Dubliner die liebste Freizeitgestaltung. Zu den abendlichen Veranstaltungen auf der Hunderennbahn von Shelbourne Park drängen sich Alt und Jung, Männer im Cordanzug und Schiebermütze, Jugendliche in weiten Jogginghosen und schick herausgeputzte Frauen in Begleitung ihrer Freundinnen. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten Pferderennen und -wetten als Domäne wohlhabender Bevölkerungsgruppen, Hunderennen verband man damals mit dem Arbeitermilieu. Noch eine andere Tradition hat Bestand: Lieblingsvergnügen vieler auf dem Land lebender Frauen ist nach wie vor Bingo.

Was Irland so liebenswert macht, sind neben den kontaktfreudigen Menschen die Naturschönheiten. Die Insel besitzt ungezählte prähistorische und mittelalterliche Kulturschätze: mystische Kraftorte, an denen Druidensteine in den Himmel ragen, frühzeitliche Grabkammern und Ruinen namenloser Burgen aus der Normannenzeit. Zu den herausragenden vorgeschichtlichen Zeugnissen gehören Dun Aengus, ein Steinfort auf den Aran-Inseln, sowie eine rund 5000 Jahre alte Grabkammer in Newgrange in der Grafschaft Meath. Jedes Jahr am 21. Dezember offenbart sich hier ein magisches Lichtspiel, wenn durch eine geschickt angebrachte Öffnung Sonnenstrahlen in das Innere der Anlage fallen. Die frühe Christianisierung hinterließ ihre Spuren mit Hochkreuzen, Rundtürmen und Klosteranlagen. So entstand um 1000 n. Chr. die Klostersiedlung in Glendalough (Grafschaft Wicklow), aus dem 8. Jh. stammt das Gallarus Oratory, ein Gebetshaus auf der Dingle-Halbinsel.

An den schönsten Stellen des Landes erbauten britische Adlige einst ihre mansion houses, herrliche Landsitze, die im Lauf der Zeit mit der sie umgebenden Landschaft gleichsam zusammenwuchsen. Typisch sind ihre von Efeu und Wein umrankten Eingangsportale, ihre hohen Sprossenfenster, ihre bruchsteingemauerten Stallungen und turmgekrönten Wächterhäuschen sowie ihre Wintergärten in viktorianischem Stil. Viele der Herrenhäuser, Burgen und Schlösser haben heute ihre Tore einem zahlenden Publikum geöffnet, dienen als Restaurants oder Hotels. Originalgetreu ist meist das Interieur: mannshohe offene Kamine, holzgetäfelte Bibliotheken, sanft geschwungene Freitreppen sowie mit Antiquitäten ausgestattete Zimmer.

Eine Reise nach Irland konfrontiert auch mit einem anderen Zeitbegriff. „Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht“, schrieb bereits Heinrich Böll in seinem „Irischen Tagebuch“. Was nichts anderes heißen soll, als dass man Gelassenheit üben sollte. Zum Beispiel, wenn der Schiffsverkehr auf eine kleine Insel erst am nächsten Tag wieder aufgenommen wird oder wenn es regnet und der geplante Ausflug buchstäblich ins Wasser fällt. Besonders schön ist Irland im Frühjahr: Dann leuchten riesige Rhododendronbüsche, ausgedehnte Fuchsienhaine und sattgrüne Wiesen. Vogelkolonien brüten an den Steilküsten, der Zauber des Lichts entzieht sich jeder Beschreibung. Die Westküste zieht die meisten Besucher an. Im Süden beeindruckt der Ring of Kerry, eine atemraubende Straße am Meer, sicher eine der schönsten Routen Irlands. Die Küste im mittleren Westen zeigt sich rau mit ihren Kliffen und Bergen aus Granit und Quarz. Im Osten gibt es Dünenstrände und mit Heide bewachsene Hochplateaus. Der Nordwesten wiederum ist Gaeltacht-Gebiet – Gaeltacht bezeichnet jene Regionen, in denen irisches Gälisch die offizielle Sprache ist: Wo Sie auf die karge Schönheit der Hochmoore und der unerschlossenen Bergwelt treffen, heißt es: Failte go Eireann – Willkommen in Irland.

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In die Grüne Insel hat sich der promovierte Psychologe und Reisejournalist, der im Rheingau lebt, schon vor 20 Jahren verliebt. Damals unterrichtete er das erste Mal an der Universität von Cork. Seitdem hat es ihm die frische und unverblümte Art der irischen Bewohner angetan. Und natürlich die mal herbe, mal saftig grüne Landschaft – auch wenn es wieder einmal regnet.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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