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Facebook Die AGB als Musical

Die Schauspieler präsentieren die ganze Bandbreite der Allgemeinen Geschäftsbedingungen.

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Kaum einer hat sie gelesen. Nun hat eine Theatergruppe aus den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook ein emotionales Musical geformt.
Von Marvin Strathmann , Bremen

Mehr als zwei Milliarden Menschen sind bei Facebook und alle haben sie akzeptiert: die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, kurz AGB. Aber kaum einer hat sie gelesen. Unverständliche juristische Klauseln, Schachtelsätze, seltsame Definitionen. Das hat eine Theatergruppe aus Bremen nicht davon abgehalten, aus dem Stoff ein emotionales Musical zu formen - Liebesgeschichte inklusive.

Darum geht es: Jahrelang arbeitet eine junge Autorin an ihrem Meisterwerk: "Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook inkl. Datenrichtlinie und Cookierichtline". Aber kein Verlag will ihr herausforderndes Werk drucken. Sie nimmt Drogen, muss sich prostituieren, will sich sogar umbringen. Bis ein junger Informatiker zufällig ihren Text findet und noch unbedingt einen Namen für sein soziales Netzwerk benötigt.

Das Musical besteht in großen Teilen aus dem AGB-Text, Verweisen und Unterpunkten, die man als Mitglied akzeptiert hat. Mal kommen die AGB als direktes Zitat vor, mal in vereinfachter, also verständlicher Form. Der Text wird gesungen, gerappt oder geschrien und in die Liebesgeschichte zwischen Autorin und Informatiker eingebaut. Die Hauptdarsteller wirbeln von rechts nach links und im Hintergrund tanzt ein elfköpfiges Ballett im Mark-Zuckerberg-Outfit: blaue Jeans und graues T-Shirt.

"Niemand liest die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Das ist kein Wunder, denn das ist ein abartig geschriebenes Werk, obwohl es viele betrifft", sagt Tim Gerhards. Er hat zusammen mit Peer Gahmert das Stück geschrieben und führt mit ihm Regie. So kam die Idee, daraus ein Musical zu machen. Denn ein Musical mit seinen Tanzeinlagen und seiner Gefühligkeit ist weit von juristischen Texten entfernt: Es ist meist leicht und unterhaltsam.

Es hat etwa ein Jahr gedauert, bis aus der ersten Idee eine Premierenvorstellung wurde. Unterstützer zu finden war schwierig. Auch an Facebook haben sich Gerhards und Gahmert gewandt - das Unternehmen hat nie geantwortet.

Hilfe bekamen die Autoren hingegen von der Datenschutzbeauftragten für das Land Bremen, Imke Sommer. Ihr Team hat geholfen, einzelne Passagen zu erklären und verständlich zu halten. "Wir hoffen auch, dass wir den Zuschauern etwas mitgeben können", sagt Gerhards. "Damit sie Einzelheiten in den Geschäftsbedingungen erkennen und vielleicht sensibler mit ihren Daten umgehen."

In dem Musical geht es zudem um die ganz eigene Dramaturgie, die in den AGB von Facebook liegt: Wird man am Anfang noch vom Unternehmen freundlich empfangen ("Deine Privatsphäre ist uns sehr wichtig"), geht es zum Ende hin um harte Trennungsdetails ("Wenn Du gegen den Inhalt oder den Geist dieser Erklärung verstößt oder auf sonstige Art und Weise mögliche rechtliche Risiken für uns erzeugst, können wir die Bereitstellung von Facebook für dich ganz oder teilweise einstellen"). In Absatz 15.3 wird man sogar in Großbuchstaben angeschrien ("FACEBOOK IST NICHT VERANTWORTLICH FÜR DIE HANDLUNGEN, INHALTE, INFORMATIONEN...").

Diese Vielfalt überträgt sich auf die Lieder: "Ich habe versucht, unterschiedliche Stimmungen mit den Songs rüberzubringen, daher klingen sie auch sehr verschieden", sagt Dan Eckert, der für die Musik verantwortlich ist. "Die Trennung von Facebook ist zum Beispiel ein sehr dramatischer Moment, da werden große Klänge aufgefahren."

Die Songtexte dazu stammen von Philipp Feldhusen, der für die Satireseite Der Postillion Artikel schreibt. Komponist Eckert und Miterfinder Gahmert sind ebenfalls Postillion-Autoren. Ohne Satire wäre ein Stück über die AGB von Facebook wohl kaum zu ertragen. Das amerikanische Unternehmen wollen die Künstler damit aber nicht angreifen: "Das Musical ist nicht gegen Facebook gerichtet, wir wollen die Leute nur informieren", sagt Gerhards. "Facebook sollte uns eigentlich dankbar sein, denn so erfahren die Menschen mehr über die Bedingungen, denen sie zugestimmt haben."

Etwa 120 Leute haben dann bei der Premiere die Spedition in Bremen gefüllt, ein Kulturzentrum im alten Bahnhof. Man kann annehmen, dass nicht annähernd so viele Menschen das Machwerk von Facebook gelesen haben. Die Spedition ist übrigens das Gegenteil der sterilen Facebook-Bedingungen: eine provisorische, schwarze Tribüne dient als Sitzplatz, der Boden besteht aus nacktem Beton, die Backsteinwände sind kahl - alles ist ein wenig abgewrackt. Es hätte also kaum einen besseren Ort geben können, um seelenlose Schachtelsätze als Musical zu inszenieren.

Das Stück wird in den nächsten Tagen noch einige Male in Bremen aufgeführt, Gerhards und Gahmert wollen das Musical aber auch in andere deutsche Städte bringen. Den Eintrittspreis können die Besucher frei wählen, mindestens drei Euro sollten es aber sein. Weitere Informationen gibt es, natürlich, auf einer zugehörigen Facebook-Seite. Und vielleicht nehmen sich ja Facebook oder andere Unternehmen ein Beispiel an dem Stück: Die Welt wäre ein sehr viel schönerer Ort, wenn alle Geschäftsbedingungen als Musical vorgetragen werden.