Von Tobias Schächter

Für Famagusta geht es heute abend im Spiel gegen Werder Bremen um mehr als Sport - es geht um Nationalismus und Politik.

Famagusta Bild vergrößern

Geisterstadt Famagusta: Können die vertriebenen Zyprer sich bald wieder einen Namen machen? Foto: AP

Sie werden 2000 Plakate in verschiedenen Farben verteilen, die zwei Meter hoch und 1,20 m breit sind. Viele Millionen Zuschauer in der ganzen Welt werden am Mittwochabend ja das Spiel gegen den SV Werder an den TV-Geräten verfolgen - und gewinnt Anorthosis Famagusta gegen Bremen und verliert gleichzeitig Panathinaikos Athen bei Inter Mailand, zöge der Meister Zyperns ins Champions-League-Achtelfinale ein. Das wäre: eine sportliche Sensation.

Doch es geht an diesem Mittwoch um mehr als nur Sport. Die 2000 Plakate mit den vielen eingeschnittenen Fenstern sollen 2000 Hochhäuser in Famagusta symbolisieren. Die Wahrzeichen jener Stadt also, in der Anorthosis 1911 gegründet wurde und die der Klub wie die anderen, griechisch geprägten Vereine aus dem Nordteil der Insel nach der Invasion der Türkei im Jahr 1974 verlassen musste. Seitdem sehnen sich die Anhänger von Anorthosis nach nichts mehr, als nach einer Rückkehr in die "im Sand versteckte", wie Famagusta auf Griechisch heißt. Heute trägt die Stadt einen türkischen Namen: Gazimagusa.

Famagusta ist nach der Flucht der griechischstämmigen Zyprer zu einer Geisterstadt geworden, das alte Stadion von Anorthosis ist von Stacheldraht umgeben. Die Türkische Republik Nordzypern wird nur von der Türkei anerkannt, die Wiedervereinigung des Landes lehnte der griechische Bevölkerungsteil bei einem Referendum im Jahr 2004 ab. Nur der Südteil ist seit 2004 Mitglied der EU. Von einem Versöhnungskurs halten die meisten Anorthosis-Anhänger nichts. Drei Minuten und 15 Sekunden lang werden sie vor dem Spiel gegen Werder durch die Fenster der riesigen Banner schauen. So soll der Eindruck von Famagusta als belebter Stadt vermittelt werden. Die Geschichte ihrer "verlorenen Stadt", wie sie sagen, soll auf diese Weise der Welt vermittelt werden.

Spieler wie Dellas und Savio

Die heutige Heimstätte von Anorthosis heißt Larnaka, im südlichen Teil der seit 1974 geteilten Insel gelegen. Das Spiel gegen Werder indes findet in Nikosia statt; dort steht das größte Stadion Zyperns, das gegen Bremen zum ersten Mal mit 21.000 Menschen ausverkauft sein könnte. "Ein historisches Ereignis" nennen zyprische Zeitungen nicht nur deshalb diese Partie. Und Savvas Kakos, der Vize-Präsident von Anorthosis, sagte jüngst mit viel Pathos: "Wir leben in historischen Zeiten. Und wir haben die Pflicht, diejenigen Menschen zu repräsentieren, die 1974 gezwungen wurden, alles hinter sich zu lassen, was sie hatten."

(Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2) nächste Seite

In diesem Artikel:

  1. Sie lesen jetzt Seite 1
  2. Seite 2