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Linke Szene In Hamburg wohnt die Wut schon länger

Hausbesetzer auf einem Dach in der Hafenstraße in Hamburg im Jahr 1987

(Foto: imago stock&people)
Wer die G-20-Krawalle verstehen will, muss zurückschauen in die siebziger Jahre: Wie sich Hamburgs linke Szene entwickelt hat.
Von Joachim Käppner

"Radio Hafenstraße" unterbrach das Programm für eine Eilmeldung: "Wannen im Anmarsch!" Als Wannen galten die Mannschaftswagen der Polizei. Würde der Staat jetzt Ernst machen?

Eilig mobilisierten die Bewohner der Hafenstraße ihre Freunde und Unterstützer, und als die Polizei eintraf, hatte sich schon ein Pulk von Leuten um die besetzten, mit Parolen, Bildern und roten Sternen bemalten Häuser gebildet. Die Staatsmacht nahte, 130 Mann Bereitschaftspolizei stark.

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Doch Überraschung: Sie interessierten sich zur Verblüffung der Linken nicht im Mindesten für sie, sondern stürmten das schummrige Nachtlokal ein paar Türen weiter, "Hamburgs Sex-Club Nr. 1", wie das Boulevardblatt Hamburger Morgenpost kenntnisreich schrieb, Zutritt nur für zahlungskräftige Mitglieder. Das "Gedeck Phallus" (Bier und Doornkaat) für 75 Mark war das Mindeste, was der Kunde investieren musste, um ins Gespräch mit den Damen des Hauses zu kommen.

Aber nun verschaffte sich die Polizei wuchtvoll Zutritt, beschlagnahmte Drogen, einen Revolver und einen PC samt, wie zu hören war, allerlei Adressen Hamburger Halbprominenz; auch störte sie einige peinlichst berührte Herren auf, die sich einigermaßen scheuten, hinaus auf die hell beleuchtete Straße zu treten.

Die linke Szene wiederum sah dem Treiben interessiert, aber leicht verwirrt zu. Dieses eine Mal standen nicht sie im Licht der Öffentlichkeit, und so gingen sie schlafen oder auf das eine oder andere Flens in die "Tante Hermine", ihre Kneipe. So geschehen im Mai 1989.

Anderthalb Jahre vorher hätten wenige darauf gewettet, dass die besetzten Häuser von St. Pauli noch lange stehen würden. November 1987: Autonome und Besetzer haben in der Nacht massive Barrikaden um die Häuser gebaut, die Uferstraße unterhalb und die Bernhard-Nocht-Straße oben verrammelt. Man fühlt sich wie in einer belagerten Festung. Vermummte halten Wache, um die Häuser drängeln sich Hunderte, und draußen vor den Barrikaden zieht die Hamburger Polizei Tausende Beamte zusammen für den großen Sturm.

Draußen Straßenschlachten, drinnen Gipfel-Zeremoniell

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Hamburg, größte Hafenstadt Deutschlands, war schon immer eine linke Hochburg. Bereits die Rätebewegung 1918/19 war hier sehr stark, ebenso der Gegensatz zwischen der staatstragenden, die Republik anstrebenden SPD und den linken Oppositionskräften kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Wohnungsnot, Hunger und Elend lösten Proteste aus, die weit militanter wurden als der G-20-Protest 2017: Bewaffnete zogen 1919 durch die Stadt, lieferten sich Schusswechsel mit der Polizei und plünderten das Luxushotel Atlantic sowie Villen am Alsterufer.

Zwischen den "Kapitalistenknechten" der SPD einerseits und den "Banditen und Rowdys" andererseits, so die wechselseitigen Etiketten, gab es keinen gemeinsamen Grund. 1923 inszenierten Hamburgs Kommunisten einen dilettantischen Aufstand, der mehr als hundert Menschenleben kostete und sofort kollabierte. Kurz vor Ende der Republik war die KPD in der Hansestadt etwa halb so stark wie die SPD, bekämpfte diese nach Stalins Doktrin aber als Partei der "Sozialfaschisten" fast so heftig wie den aufziehenden Nationalsozialismus.

In St. Pauli entsteht ein eigenes soziales Biotop, bunter und anarchischer als Kreuzberg

Von 1946 bis 2001 regierte die SPD die Stadt fast ununterbrochen. Doch in den Jahren nach 1968 stand ihr gefühlter innenpolitischer Hauptgegner mehr und mehr links. In den Siebzigerjahren löste sich das klassische Milieu der Packer, Hafen- und Industriearbeiter auch in Hamburg immer mehr auf: Aus den neuen sozialen Bewegungen heraus entstand eine neue Linke, für welche die regierenden Sozialdemokraten ungefähr so viel Verständnis aufbrachten wie 1919 für die "Banditen und Rowdys". Vorboten waren die Hausbesetzer.

Die einstigen Arbeiterviertel in Hafennähe nämlich verkamen. In den Häusern lebten nun Erwerbslose, arme Alte, kinderreiche Familien aus der Türkei und Südeuropa und mehr und mehr Studenten, Aussteiger, Punks, Alternative. So entstand ein ganz eigenes soziales Biotop, der Berliner Linkenhochburg Kreuzberg nicht unähnlich, aber vielfältiger und anarchischer.

Das für das Deutschland der frühen Kohl-Ära ungewöhnliche bunte und regellose Miteinander hatte auch Grenzen. Die linke, aus Griechenland stammende Autorin Helene Manos, die in St. Pauli in einer Fischfabrik gearbeitet und in einer Kommune gewohnt hatte, führte 1988/89 aufschlussreiche Interviews zur sozialen Lage im Stadtteil.

Darin sagt ein Sozialhilfeempfänger: "Es ist keineswegs so, daß die betroffene Bevölkerung St. Paulis die Initiativen besucht und sich daran beteiligt. Vielmehr ist es die politische Szene, die sich da trifft." Vielleicht sei für einfache Leute "die Hemmschwelle zu hoch".

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Statt die Viertel zu retten, rückte ihnen die Stadt mit der dem Geist der Zeit entsprechenden Kahlschlagsanierung zu Leibe. Symbolfigur für die geschichtsvergessene "Freie und Abrißstadt" Hamburg wurde "Beton-Eugen", der joviale und mächtige Bausenator Eugen Wagner, ein Sozi vom alten Schlag. Den Straßenzügen mit ihrem Kopfsteinpflaster, Werbeschriften längst verschwundener Schiffsausrüster und geheimnisvollen Durchgangshöfen, den alten Arbeitervierteln Altonas und St. Paulis, die zumindest in Teilen wundersamerweise dem Feuersturm der Flächenbombardements von 1943 entgangen waren, drohte einmal mehr die Zerstörung.

Gegen diese Politik formiert sich Widerstand. Erst langsam, dann sehr rasch. Wagner preist 1986 schon die geplanten Neubauten an einer "besonders reizvollen Stelle mit Seeluft und Hafenblick": der Hafenstraße. Nur die hochragenden alten Häuser dort stehen im Weg, "dieser Schandfleck", so heißt es, müsse weg.

1981 hat sich eine Szene-Silvesterfeier in den fast leeren, auf der Elbhöhe zwischen Landungsbrücken und Fischmarkt thronenden Häusern zur Besetzung entwickelt. Der folgende Häuserkampf wird zur politischen Frontstellung: hier die regierenden Sozialdemokraten, dort das linke Lager, das sich nicht nur als Gegner der Abrisspläne, sondern auch des Kapitalismus, der Nato, des Systems versteht. Immer wieder kommt es zu Straßenschlachten mit der Polizei; als der Senat 1986 ankündigt, die Häuser räumen zu lassen - so wie es die CDU in Hamburg heute mit der Roten Flora fordert -, verschärft sich die Lage.

Die Hafenstraße - für manche ein Feindbild und politisches Spukschloss

12 000 Menschen ziehen für den Erhalt der Hafenstraße durch die Stadt, schon damals wird heiß diskutiert, wer denn schuld an Ausschreitungen ist. Ein NDR-Reporter erlebt "eine Schlagstock-Attacke und Reizgas der Polizei zu einem Zeitpunkt, als auch der potenziell militante Teil der Demonstration friedlich war. Das wurde von allen Teilnehmern als Bruch der Absprachen empfunden."

Aber noch immer stehen 1986, wie eine Stein gewordene Herausforderung, die Häuser weiterhin vor der spektakulären Kulisse von Elbe, Schiffen und Werften auf dem Elbhang, eine Trutzburg, auf deren Wände jemand drohend gemalt hat: "Bei Räumung und Prügel kriegen Steine Flügel".

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Was immer die harte linke Szene damals an Straftaten begangen hat, und das ist einiges (etwa die Verwüstung des Hamburger taz-Redaktion wegen unliebsamer Berichte), viele in der SPD betrachten die Häuser ohnehin als ein politisches Spukschloss, deren Bewohnern man alles Böse zutraut oder einfach unterstellt: RAF-Nähe, Terror, Kommandozentrale der Gewalt. Linksextremisten hätten dank einer Leninschen Unterwanderungsstrategie die Regie unter den Hausbesetzern übernommen, behauptet Hamburgs Verfassungsschutzchef damals, ohne Beleg.

Wenn Hamburgs Innenbehörde Gründe sucht, die linke Bastion als "Brutstätte von Gewalt und Kriminalität" loszuwerden, liefern ihr die militanteren Bewohner und Unterstützer nicht wenige davon. Einmal geht ein solcher Steinhagel auf Bereitschaftspolizisten nieder, dass der Einsatzleiter "wegen bestehender Lebensgefahr" den Rückzug anordnet. Andererseits ist die Dauerklage über den angeblich "rechtsfreien Raum Hafenstraße" nicht wirklich überzeugend in einem Viertel, das in den Achtzigern wesentlich härtere Probleme als Hausbesetzer kennt: Heroinhandel, Zwangsprostitution im Rotlichtmilieu, organisierte Schwerkriminalität.

Aber auf dem Höhepunkt der Eskalation im November 1987 warten 5000 Beamte auf das Signal, die Barrikaden und Häuser zu stürmen. Innerhalb der Barrikaden sieht es zu dieser Zeit freilich nicht ganz so wild aus. Es gibt finstere, vermummte Gestalten und Autonome, welche die Aussicht auf eine Straßenschlacht offenbar als so erhabene Sache empfanden wie Ernst Jünger das Stahlgewitter.

Doch die meisten wirken wenig bedrohlich: sehr junge Leute, Spontis, Alternative, Aussteiger und Irgendwie-Linke; die Punkband Goldene Zitronen singt bei einem Fest sogar einmal ein hinterlistiges Spottlied auf die Straßenkämpfer, die so ernst und finster gucken.

Es ist die Besonnenheit eines Einzelnen, der 1987 die Lage rettet: Klaus von Dohnanyi, der distinguierte Erste Bürgermeister der Stadt, Sohn des 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Hans von Dohnanyi, lässt sich weder von der Militanz der linken Szene noch von Hardlinern im eigenen Lager beeinflussen.

Der Sozialdemokrat versteht, dass es andere Wege gibt als immer nur Härte. Dass der Rechtsstaat nicht untergeht, wenn er militanten jungen Menschen, die fraglos zu weit gegangen sind, ein letztes Mal die Hand zu reichen versucht. Er stellt den Besetzern ein Ultimatum: "Die Hafenstraße hat eine letzte Chance", sagte er.

"Dora - komm in die Flora, die so viele Reize hat. Sie liegt am Schulterblatt."

Und es funktioniert. Die Barrikaden und die Befestigungen an den Häusern werden wie verlangt binnen 24 Stunden beseitigt. Stadt und Bewohner schließen einen später immer wieder von Scharmützeln unterbrochenen, insgesamt aber seit fast drei Jahrzehnten haltbaren Frieden. Für diesen "beispielhaften Beitrag zur Befriedung und Konfliktbewältigung" wurde der Erste Bürgermeister mit der Theodor-Heuss- Medaille geehrt.

Heute wird, wie damals an der Hafenstraße, von konservativer Seite der Abriss der Roten Flora gefordert. In der Kaiserzeit ein beliebtes Varieté ("Dora - komm in die Flora, / die so viele Reize hat. / Sie liegt am Schulterblatt, / ist ganz in deiner Näh', / das schönste Varieté"), sollte es 1989 endgültig abgerissen und durch einen Musicalpalast ersetzt werden.

Aus Protest besetzten Linke das Gebäude, über das nun so wild debattiert wird wie vor 30 Jahren über die Hafenstraße. Flora-Sprecher Andreas Blechschmidt bemängelte zumindest "die sinnentleerte Gewalt" der Krawallnacht. Viel wird davon abhängen, ob die Aktivisten und ihr Umfeld bereit sind, demokratische Spielregeln anzuerkennen und sich von den jüngsten Gewaltexzessen zu distanzieren.

Wo liegt die Grenze der Toleranz? Klaus von Dohnanyi hat sie weit gesteckt, sehr weit - und damit eine Großstadt befriedet, die schon den Bürgerkrieg heraufziehen sah. Man kann manches davon lernen. Guter Wille auf beiden Seiten vorausgesetzt.

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