Tatort Bagdad: Augenzeugen berichten, dass amerikanische Soldaten den Plünderern der irakischen Museen - im Wortsinn - Tür und Tor geöffnet haben sollen. Das Beutegut wurde oft noch am selben Tag auf offener Straße verkauft. Von Walter Sommerfeld

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Fast eine Woche nach den Plünderungen im Irak-Museum, am 16. April, tauchte ein US-Panzer auf – Tage vor ihm rollten schon zwei Panzer zum Museum: doch nicht zum Schutz der Kulturgüter. (AP)

(SZ v. 08.05.2003)- Seit dem Fall von Bagdad herrscht in der 5-Millionen-Stadt Anarchie. Jeder ist bis zu den Zähnen bewaffnet, Schießereien sind rund um die Uhr zu hören, vor allem nachts. Man schießt zur Warnung, aus Angst oder aus Freude, wenn in einem Viertel überraschend der Strom kommt für zwei Stunden am Tag. Die größte Sorge ist deshalb die Sicherheit. Alle früheren Regierungsangestellten – Hunderttausende Lehrer, Ärzte, Professoren oder Beamte – haben seit fast zwei Monaten keine Gehälter bekommen. Diebstahl, Raubüberfälle, auch Raubmorde sind an der Tagesordnung. Bewaffnete Räuber zwingen Autofahrer am helllichten Tag, ihr Fahrzeug abzugeben. Andererseits lebt die Bürgerhilfe auf. Viele Viertel haben eine Bürgerwehr gebildet, normale Menschen regeln mit selbstgebastelten Schildern den Verkehr. Die Iraker sind Improvisationskünstler.

Besonders schockiert sind die Iraker über den Furor, mit dem Infrastruktur und Kulturgüter zerstört wurden. Die Berichte vieler unabhängiger Zeugen gleichen sich bis ins Detail. Offenbar wurden in einem Stadtteil nach dem anderen die Einrichtungen des alten Staates systematisch ausgeraubt. Was sich nicht zu plündern lohnte, wurde zerschlagen: In Museen, Bibliotheken, Kulturzentren, in den 15 Universitäten des Landes, allen Ministerien bis auf das Ölministerium, Krankenhäusern, staatlichen Warenlagern, Hotels, Banken, Palästen von Regierungsvertretern, aber auch in der deutschen Botschaft, dem französischen Kulturinstitut und UN-Gebäuden.Noch Anfang Mai waren den ganzen Tag über Plünderungen zu beobachten.


» Ein Anwohner berichtet, wie die US–Soldaten jene Iraker, die zufällig auf dem Gelände standen, aufforderten, sich im Museum zu bedienen: „This is your treasure, get in!“ – Dies ist euer Schatz. Geht rein. «

Diese Raubzüge waren angestiftet oder toleriert. Viele Iraker berichten von vergeblichen Versuchen, Soldaten zum Einschreiten zu bewegen. Selbst Interventionen bei der Kommandantur im Palestine-Hotel blieben ungehört. Es plünderten einfache Leute aus den Armenvierteln, aber auch gut gestellte Bewohner aus der Nachbarschaft. Die Menschen stahlen aus Armut, Wut, Rache, Gier, und das Beutegut wurde oft noch am selben Tag auf der Straße verkauft.

Das überraschendste Detail in allen Schilderungen aber war die Behauptung, dass die amerikanischen Soldaten oft erst die Plünderungen ermöglichten, indem sie gut gesicherte Tore aufbrachen oder aufschossen und dann die Umstehenden aufforderten zu plündern: „Go in, Ali Baba, its yours!“ –, hätten ihnen die Amerikaner zugerufen, so irakische Augenzeugen. „Ali Baba“ sei unter den Amerikanern geradezu ein Sammelbegriff für plündernde Iraker geworden. Ein Mitarbeiter des UN-Entwicklungsprogramms beobachtete, dass Amerikaner in die Technische Universität eindrangen, Computer öffneten und die Festplatten an sich nahmen, bevor sich die Plünderer ans Werk machten.

Viele Iraker reden offen über diese Vorfälle, wollen aber anonym bleiben, weil sie sich vor Repressionen fürchten und mit den Amerikanern zusammenarbeiten müssen. Dies gilt auch für die Mitarbeiter und Anwohner des Irak-Museums, um so mehr, als ihre Beobachtungen hochbrisant sind. Am Dienstag, dem 8. April, fanden neben dem Museum heftige Kämpfe statt, da das Gebäude mitten im Stadtzentrum liegt und von strategisch wichtigen Punkten umgeben ist. Die bewaffnete zivile Wachtruppe, die das Haus vor Überfällen schützen sollte, verließ in Todesangst das Gelände, das dann in die Hände der Amerikaner fiel.


» Erst als es einem Direktor gelang, über ein geliehenes Satellitentelefon einen Kollegen im British Museum zu erreichen, der von London aus britische und amerikanische Stellen mobilisierte, fuhren Panzer auf, die seitdem das Museum bewachen. «

Ein hochrangiger Museumsangestellter berichtete, wie am nächsten Tag zwei Panzer anrückten, amerikanische Soldaten die Tür des Hauptgebäudes aufbrachen und etwa zwei Stunden unbeobachtet in den Ausstellungssälen blieben. Anschließend brachten sie Gegenstände heraus und transportierten sie ab. Um welche Objekte es sich dabei handelte, konnten er und andere Beobachter nicht identifizieren. Sicher aber ist, dass sich die meisten großen und auffälligen Exponate noch vor Ort befanden, weil deren Bergung schwieriger war, und dass nur die kleinen Objekte aus den Vitrinen in die Magazine gebracht worden waren.

Ein Anwohner berichtet, wie die US–Soldaten jene Iraker, die zufällig auf dem Gelände standen, aufforderten, sich im Museum zu bedienen: „This is your treasure, get in!“ – Dies ist euer Schatz. Geht rein. Drei Tage wüteten die Plünderer ungehindert und trugen ihre Objekte vor laufender Kamera davon. Die wenigen an ihren Platz zurückgekehrten Museumsmitarbeiter versuchten verzweifelt, amerikanische Truppen zum Schutz zu bewegen. Nur kurz erschienen einige Soldaten, sahen sich die Vorgänge an und verschwanden wieder mit dem Hinweis: „This is not our order.“ – Das ist nicht unser Befehl.

Danach waren Mitarbeiter besorgt, dass wie überall sonst die Brandschatzer ans Werk gehen und die unersetzbaren Dokumentationen, Grabungsunterlagen und die Bibliothek verbrennen würden. Zwei Direktoren des Antikendienstes machten sich deshalb am Sonntag zur Kommandozentrale der Amerikaner im Palestine-Hotel auf, wurden nach vierstündiger Wartezeit vorgelassen und baten dringend um Schutz. Die Kommandantur versprach, sofort Panzer und Soldaten zu schicken – doch zwei Tage lang geschah nichts. Erst als es einem Direktor gelang, über ein geliehenes Satellitentelefon einen Kollegen im British Museum zu erreichen, der von London aus britische und amerikanische Stellen mobilisierte, fuhren Panzer auf, die seitdem das Museum bewachen.

Heute ist das Irak-Museum das bestgeschützte Museum der Welt. Seine Angestellten und sogar die Direktoren, die ohne Gehalt aufräumen und die Schäden registrieren, werden nur nach genauer Personalien- und Gepäckkontrolle zugelassen – und sie sind darüber sehr empört. „Wir entscheiden, wer wann hineinkommt“, teilte mir der wachhabende Soldat am Eingang mit. In einem Seitentrakt werden die zurückgewonnenen Objekte aufbewahrt. Als mich der Generaldirektor dort herumführte, waren auf den Tischen kaum mehr als 100 Fundstücke ausgebreitet – bewacht von etwa einem Dutzend Soldaten, die daneben ihre Feldbetten aufgeschlagen hatten.

Mit Sicherheit sind einige der bekanntesten Exponate des Museums, die sich noch in den Ausstellungssälen befanden, verschwunden (siehe Liste). Die Plünderer brachen ungestört auch die Magazine auf, deren Bestände insgesamt über 170000 Inventarnummern umfassten. Erst seit wenigen Tagen gibt ein Generator wieder Licht, und die Angestellten haben mit der Aufnahme der Schäden begonnen. Die Bibliothek blieb erhalten, ebenso viele Grabungsunterlagen und wohl auch die meisten Inventarbücher. Ein Totalverlust ist nicht eingetreten, aber der größte Teil der Kollektionen dürfte geraubt sein.

Die geraubten Antiquitäten sind offenbar besonders bei Journalisten begehrt, so dass sich bewaffnete Banden auf der über 500 Kilometer langen Autobahn von Bagdad bis zur jordanischen Grenze auf Presse-Fahrzeuge spezialisiert haben. Ein Überfallener berichtete, dass Banditen, nachdem sie sein Auto gekapert hatten, als Erstes wissen wollten: „Wo sind die Antiquitäten?“ In einem Journalistenauto wurden zwölf Kisten mit Antiquitäten gefunden.

Die allerwertvollsten, nicht mehr versicherbaren Stücke – darunter der berühmte Goldfund aus den assyrischen Königinnengräber in Nimrud – ruhten im Tresor der Zentralbank. Auch hier hatten Plünderer lange Zeit freie Hand, inzwischen wird sie von Soldaten abgeschirmt. Selbst die Leitung des Antikendienstes hat keine Informationen, was von diesen Schätzen erhalten geblieben ist und wo sie sich jetzt befinden.

An anderer Stelle aber wird die Verwüstung auch nach der internationalen Empörung über die Kulturfrevel im Irak immer noch toleriert. Eine europäische Kollegin und eine irakische Archäologin berichten, dass in Babylon, der vielleicht berühmtesten Stadt der Alten Welt, noch vor wenigen Tagen geplündert und gebrandschatzt wurde. Dort sind unter anderem die Dokumentationen über die dortigen irakischen Grabungen verbrannt. Wie in Bagdad sprachen auch in Babylon die Vertreter des Antikendienstes bei den US-Truppen vor, die sich in einem Palast Saddams einquartiert haben. Vergebens. „This is not our order“.

Die 15 Universitäten des Irak sind vollständig ausgeplündert und gebrandschatzt worden. Einzig die Universität Bagdad in Dschadirija blieb unbeschädigt. Dort hatten die Amerikaner ihr Quartier aufgeschlagen.

Von der Einrichtung der Mustansarija-Universität, neben Bologna die älteste der Welt, ist nichts mehr erhalten – selbst fest installierte Anlagen wurden abmontiert – einschließlich der Steckdosen, und der Campus abgebrannt. Auf dem Campus der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bagdad in Wazirija ist fast alles vernichtet; auch die dortige Abteilung für Archäologie ist zerstört, die als Pendant zum Irak-Museum die Quellen aus der mehr als 5000-jährigen Hochkultur aufarbeitet. Einige Gebäude sind durch die Brände zusammengebrochen. Von der Bibliothek der Germanistischen Abteilung, die über 15000 Bände umfasste, sind nur noch zu Ascheklumpen zusammengebackene Haufen übrig.

Inzwischen haben sich Professoren und Studenten an die Aufräumarbeiten gemacht. Auch das ist schwierig: Die Benzinvorräte Bagdads gehen zur Neige, eine Tankstelle nach der anderen schließt, für eine Tankfüllung muss man vier bis fünf Stunden warten, der Preis des Benzins hat sich verzehnfacht; man kann sich die Fahrten zur Universität nicht mehr leisten. Einige Räume wurden provisorisch wieder hergerichtet, man kauft aus eigener Tasche Vorhängeschlösser, damit die Arbeit nicht erneut zunichte gemacht wird.

Am 17. Mai sollen die Universitäten ihre Arbeit wieder aufnehmen – ohne Mobiliar, Bibliotheken, Papier, Verwaltungsunterlagen. Nicht Kolleghefte und Computer, sondern Besen und Schaufel sind die wichtigsten Arbeitsinstrumente, und die Lehrkräfte müssen die Wissenschaft aus dem Gedächtnis vermitteln. Viele wollen es den Studenten zuliebe tun, damit diese nicht ein ganzes Jahr verlieren.

„Unter Saddam war es schlimm, aber jetzt ist es noch schlimmer. Warum tut man uns das an?“ sagte der Leiter der Archäologischen Abteilung der Universität Bagdad: „Unsere Zukunft ist düster. Wir haben kein Vertrauen, in nichts. Wir wollen nur überleben.“

Der Autor ist Professor für Altorientalistik in Marburg und bereist den Irak seit 20 Jahren. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler besuchte er den Irak nach dem Krieg.

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