Von Nicholson Baker / Deutsch von Eva-Maria Träger

Im Geschwader zur Rettung besonders gefährdeter Einträge stößt man auf Pop-Tarts und Erdferkel. Doch deren Tod darf nicht kampflos hingenommen werden.

GhostbustersGrossbild

So wie die Ghostbusters Geister jagten, spürte Nicholson Baker gefährdeten Einträgen auf Wikipedia nach. (Foto: Black Rhino Productions)

Wikipedia hat etwas Unglaubliches. Diese Internet-Seite ist riesengroß, eigenwillig, vorsichtig, chaotisch, witzig, schockierend, voller schwelender Kontroversen - und dabei kostenlos und schnell. In wenigen Sekunden kann man unter "Diogenes von Sinope" nachschauen oder unter "Steckrübe", "Crazy Eddie", "Bagoas", "quadratische Gleichung", "Bristol Beaufighter" oder "Sanford B. Dole". Und dann verfügt man über Kenntnisse, die man vorher nicht hatte. Wikipedia ist wie eine gigantische, aus Luft gebaute Stadt, in der große Mengen von Menschen auf den Bürgersteigen hin und her eilen, die Picknickkörbe mit nahrhaften Snacks tragen.

Innerhalb weniger als acht Jahren wurde Wikipedia von Leuten aufgebaut, die einander nicht kannten und in allen möglichen Fragen uneins waren, die sich aber zu dieser einen gemeinsamen, gemeinnützigen Sache berufen fühlten. Sie fühlten sich berufen, weil Wikipedia, an den Standards eines Nachschlagewerks gemessen, so demütig auftritt. Es bittet um Hilfe, und wenn es das tut, benutzt es das anrührende Wort "stub" ("Stummel"). Am Ende eines kurzen Artikels über was auch immer steht da: "Dieser Artikel über X ist ein Stub. Du kannst Wikipedia helfen, indem du ihn erweiterst." Da denkt man natürlich: Der arme kleine Stummel, dir werde ich helfen.

Und wenn Menschen tatsächlich halfen, wurden sie mit einem schmeichelhaften Titel belohnt. Sie hießen nicht "Wikipedias kleine Helfer", nein, sie waren die "editors" ("Redakteure"). Das Unternehmen glich einem gigantischen "Wir sammeln Laub"-Projekt, in dem jeder sofort als Landschaftsgärtner bezeichnet wurde. Einige benutzten dafür sehr professionelle Harken aus Metall oder trugen sogar Laubgebläse auf dem Rücken. Andere waren nur Kids, die mit ihren Füßen über den Boden fuhren und die Taschen ihrer Sweatshirts mit bloßen Händen vollstopften. Aber auch ihre Blätter waren auf dem gemeinsamen Haufen willkommen. Der Haufen wuchs und jeder tollte darin herum.

Wer füttert Wikipedia?


Im Lauf der Zeit wurde er zum größten Laubhaufen, den je einer gesehen hatte - ein Weltwunder. Dann aber tauchten selbsternannte Laubhaufen-Wächter auf, Zweifler und Gegner, die jede angebotene Handvoll Laub misstrauisch beäugten und ihre Köpfe schüttelten. Und dann meinten sie, dass die Blätter zu zerknautscht seien oder zu matschig oder zu gewöhnlich, und warfen sie einfach beiseite. Das war schade. Die Menschen, die den Laubhaufen bewachten, wurden "Löscher" genannt.

Aber das kam später. Zuerst war alles nur Spaß gewesen. Wikipedia hatte funktioniert und war gewachsen, weil es die zuvor nicht gebündelten Energien leidenschaftlicher Dilettanten konzentrierte. Die Debattanten, die Geschichtsfreaks, die Fans der alternativen Universen um Garth Nix, Robotech, Half-Life, P. G. Wodehouse, Kampfstern Galactica, von Buffy aus "Im Bann der Dämonen", von Charles Dickens oder Ultraman - all diese Menschen, die hofften, dass die Jahre, in denen sie Comics gesammelt, Bücher gelesen oder auf Fernsehbildschirme gestarrt hatten, keine Zeitverschwendung gewesen waren, fütterten Wikipedia mit den Früchten ihres Wissens. Das war nicht wie das Schreiben von Amateur- Rezensionen bei Amazon, wo man nur einer von Millionen ist, der eine läppische Meinung und eine weitere Lieblingslisten-Liste auf die Welt loslässt. Es war der Versuch, etwas aufzubauen, etwas Großes, das über die eigene Befindlichkeit hinaus Sinn ergibt, eine Bereicherung des menschlichen Daseins.

Wikipedia war der Knoten zwischen den Autodidakten und den Gelehrten. Die Sonderlinge mussten sich mit den Angepassten arrangieren, alles mischte sich - und niemand wusste, wer wirklich Ahnung hatte von den Dingen, über die er da schrieb, weil sich jede Identität hinter einem Usernamen verbarg. Evident war nur, dass das Produkt am Ende einen lesbaren Sinn ergeben und enzyklopädisch klingen musste. Es hatte ein bisschen oberflächlich zu sein, mehr oder weniger allgemein, unparteiisch, knapp, nicht werblich, neutral. Die Forderung, dass alle Einträge zueinander passen sollten, in Gestalt von flüssigen, emotionslosen Sätzen, reduzierte - zu einem gewissen Teil - die Widersprüche, die sich aus diesem Verfahren ergeben mussten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der wahre Grund, warum Wikipedia so schnell wuchs.

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Leserkommentare (4)



08.01.2009 09:49:59

kaffeetrinker: Vergleich verschiedener Sprachversionen zeigt den Unterschied

Interessant ist auch ein Vergleich mit anderssprachigen Ausgaben:

Fast alle größeren Ausgaben, nicht nur die englische, sondern auch die niederländische, die französische, die russische oder die spanische haben z.B. weit mehr Informationen aus den Bereichen Science Fiction (Star Treck etc.).

Dies ist das Produkt mehrerer Löschwellen.

Ähnliches ist im Eisenbahnbereich passiert.

Die deutschsprachige Wikipedia ist inzwischen de facto das Privateigentum einer Löschfraktion, die bestimmte Themenfelder systematisch ausdünnt. Informationen, die man vor Monaten noch fand, muss man nun "aus Relevanzgründen" in anderen Sprachversionen suchen.


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