bedeckt München 30°

Reiseführer Usedom:Stichworte

Von Menschen und Tieren, Strandkörben und Salzhütten und allerlei Schätzen über und unter dem Meeresspiegel

Bernstein

„Gold des Nordens“ wird der Bernstein genannt, Stürme tragen ihn im Seetang an Usedoms Küste. Die kleinen, weingelben bis rötlichen Steine haben ein Alter von etwa 40 Mio. Jahren; sie entstanden aus dem erhärteten Harz vorzeitlicher Nadelbäume. Bernstein lässt sich bohren, sägen, schleifen und brennt mit heller, stark rußender Flamme und angenehmem Geruch. Daher stammt auch der Name, der sich von bernen, mundartlich für brennen, ableitet. In Bernsteinstücken sind oft Pflanzenreste wie z. B. Tannennadeln oder Fliegen, Mücken und Käfer eingeschlossen, Inklusen genannt. Durch diese Einschlüsse wissen wir, welche Insektenarten vor Millionen Jahren im Fundgebiet lebten.

Bernsteinhexe

Das Buch gehört zum Standardsortiment jeder Usedomer Buchhandlung: „Die Bernsteinhexe Maria Schweidler“ mit dem etwas umständlichen Untertitel „Der interessanteste aller bisherigen Hexenprozesse. Nach einer defekten Handschrift ihres Vaters, des Pfarrers Abraham Schweidler in Coserow auf Usedom“. Wilhelm Meinhold gab das Buch 1843 heraus. In ihm schilderte er das Schicksal der Pfarrerstochter Maria Schweidler, die den am Strand von Koserow gefundenen Bernstein heimlich verkaufte und so der Familie aus der Hungersnot half. Da sie ihr Geheimnis nicht preisgab, geriet sie in den Ruf, eine Hexe zu sein, und wurde zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Meinhold, damals Pfarrer im Usedomer Dorf Krummin, behauptete, das Manuskript habe er im Chorgestühl der Koserower Kirche entdeckt. Ein solches Manuskript gab es aber nicht, der Herr Pfarrer hatte sich die Geschichte ausgedacht, um das Hexenwesen anzuprangern. Der Roman wurde in Pommern ein Bestseller, denn er stellte die Verhältnisse auf Usedom während des Dreißigjährigen Krieges glaubhaft dar, und die damalige Sprache war täuschend echt nachgemacht. Als Meinhold seinen Schwindel gestand, erntete er Schimpf und Schande, die Kirchenleitung versetzte ihn zunächst nach Hinterpommern und schließlich in den Ruhestand, 1851 verstarb er in Berlin. Sein Lügen-Buch aber lebt weiter.

Blaue Flaggen

Auf Usedom wehen blaue Flaggen. Sie sind das sichtbare Zeichen für gute Wasserqualität und saubere Strände. Zinnowitz, Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck sowie der Yacht- und Fischereihafen Karlshagen scheinen ein Abonnement auf die begehrte Auszeichnung zu haben, die ungetrübtes Urlaubsvergnügen verspricht. Das Umweltsymbol muss jedes Jahr neu erkämpft werden, Kriterien sind ausreichende und saubere sanitäre Einrichtungen, eine gute Abfallentsorgung und die 14-tägige mikrobiologische und physikalisch-chemische Überprüfung des Badewassers. Bei den Häfen wird besonders auf die ordnungsgemäße Entsorgung von Altöl und Müll Wert gelegt. Weltweit werden von der Foundation for Environmental Education jedes Jahr fast 4000 Blaue Flaggen in etwa 40 Ländern vergeben.

Braun, von

Der Physiker Wernher Freiherr von Braun (1912–77) hatte als Raketenforscher maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der modernen Raumfahrt. 1937 setzten ihn die Nationalsozialisten als technischen Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde ein. Unter von Brauns Leitung wurde die erste moderne Großrakete der Welt, die V 2, entwickelt und erprobt. Der Wissenschaftler war Mitglied der NSDAP und SS, Hitler selbst ernannte ihn zum Professor. Als von Braun nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA übersiedelte, folgten ihm über hundert Mitarbeiter. Er war verantwortlich für Bau und Start des ersten amerikanischen Erdsatelliten und der Saturn-Raketen.

Fauna

In der Ostsee werden vor allem Dorsch, Flunder und Hering gefangen, in den Boddengewässern Hecht, Barsch, Aal und Zander. Am Strand liegen die gerippten Herzmuscheln, die rosafarbenen Baltischen Plattmuscheln und die ovalen Sandklaffmuscheln. Charakteristischer Vogel der Küste ist die Möwe, am häufigsten kommt die Lachmöwe vor, die ihr Nest in Kolonien am Boden baut und von Insekten, Wirbellosen, Fisch und Abfall lebt. Mehr als ein Dutzend Seeadlerpaare haben auf Usedom ihre Horste, zahlreiche Weißstörche nisten auf der Insel. Rehe, Rotwild, Damwild und Wildschweine sind in Usedoms Wäldern zu Hause.

Fischotter

Der vom Aussterben bedrohte Fischotter hat auf Usedom noch sein Zuhause. Jahrhunderte wurden die Otter ihres dichten Pelzes wegen unbarmherzig gejagt. Touristen bekommen die possierlichen Tiere jedoch kaum zu sehen, denn sie sind nachtaktiv, sehr scheu und äußerst schnell. Dort, wo die Tiere Straßen überqueren, fordern Verkehrsschilder dazu auf, zwischen 21 und 6 Uhr die Geschwindigkeit zu drosseln.

Flora

Seit 1999 haben große Teile Usedoms den Status eines Naturparks. Das geschützte Gebiet ist 720 km2 groß. Überwiegend Kiefern, Erlen, Buchen, Birken und Fichten wachsen auf Usedom. Blau- und Preiselbeerensammler schwärmen von der oft reichlichen Ernte. Stieleichen-Birkenwälder stehen im Gebiet Peenemünde, Mölschow und Lütow. Auf den feuchten Böden um den Gothensee, den Schmollensee und den Kachliner See wachsen Erlen und Eschen. Die Dünen der Außenküste sind vorwiegend mit Strandhafer befestigt. Auf der Greifswalder Oie wird die Stranddistel oft meterhoch, unübersehbar sind ihre metallisch glänzenden Blätter und die stahlblauen Blüten im Hochsommer.

Lilienthal

Der Anklamer Otto Lilienthal (1848 bis 1896) entwickelte mit seinem „Segelapparat“ das erste flugfähige Gleitflugzeug und damit das erste Flugzeug der Welt. In seiner Geburtsstadt erinnern an den Flugpionier ein Museum, ein Denkmal am Rand des Marktplatzes, das Relief in der Rathaushalle, die Büste an der Stelle des nicht mehr vorhandenen Geburtshauses in der Peenstraße und der seinen Namen tragende Flugplatz im Süden der Stadt. Otto Lilienthal war als Flugzeugkonstrukteur zugleich sein eigener Testpilot. 1891 gelangen ihm die ersten Sprünge von bis zu 15 m Weite, fünf Jahre später verunglückte er bei einem Routineflug in den Rhinower Bergen in der Mark Brandenburg tödlich.

Ökologie

Regelmäßig entnommene Wasserproben belegen: An der Ostseeküste von Usedom ist die Wasserqualität sehr gut. Entscheidend dazu beigetragen hat die Swinemünder Kläranlage, die 1997 als eine der seinerzeit modernsten Europas fertig gestellt wurde. Die von Deutschland mitfinanzierte Anlage wird nicht nur von der polnischen Stadt Swinemünde genutzt, sondern auch von Orten im deutschen Inselteil. Ungeklärte Abwässer gelangen hier also nicht mehr ins Meer. Da das aber noch nicht überall an der Küste so ist, gehört die Ostsee weiterhin zu den besonders gefährdeten Meeren, weil sie nur durch drei schmale Stellen frisches Salzwasser erhält.

Salzhütten

Nach 1820 förderte der preußische Staat die Strandfischerei, indem die Fischer steuerfreies Salz für die Konservierung der Fische erhielten. Um das Salz unter Verschluss lagern zu können, bauten sie kleine, in Fachwerk oder aus Backstein errichtete Häuser, doch die großen Sturmfluten von 1872 und 1874 zerstörten sie. Die Salzhütten wurden wieder auf- und ausgebaut, doch nutzten die Fischer sie jetzt meist als Arbeitsraum. Bei der Koserower Seebrücke, aber auch in den Dünen von Zempin stehen noch eingeschossige, rohrgedeckte Salzhütten. Die in Koserow werden heute als Gaststätte, Museum und Souvenirgeschäft genutzt.

Seenotrettung

Zu bis zu 400 Einsätzen im Jahr laufen die Seenotkreuzer aus, die entlang der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns stationiert sind. Die Rettung von Menschen aus Seenot obliegt der in Bremen ansässigen Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Gegründet wurde die DGzRS am 29. Mai 1865 in Kiel. An der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern unterhält sie heute elf Stationen. Seenotkreuzer liegen u. a. am Ufer der kleinen Insel Greifswalder Oie zwischen Usedom und Rügen sowie am Alten Strom in Warnemünde. Schirmherr des deutschen Seenotrettungswerks ist der Bundespräsident.

Strandkorb

Tausende dieser „Strandmöbel“ werden im Mai am Strand von Usedom aufgestellt und im Oktober wieder in den Lagerräumen verstaut. „Erfunden“ wurde der Strandkorb 1882 in Rostock von Hofkorbmachermeister Wilhelm Bartelmann, der einer älteren, rheumakranken Dame einen mit Markisenstoff überdachten Rohrstuhl als Windschutz baute. Am 14. Juni 1883 ließ Bartelmann im „Allgemeinen Rostocker Anzeiger“ jene Annonce veröffentlichen, mit der der Siegeszug des Strandkorbs begann: „Badegästen empfiehlt Strandstühle als Schutz gegen Sonne und Wind …“ 1925 nahm in Heringsdorf eine Strandkorbfabrik die Produktion auf, 1992 wurde das zu DDR-Zeiten als „volkseigen“ geführte Unternehmen wieder privatisiert. Hier werden Strandkörbe noch in traditioneller Handarbeit gefertigt. Eine kleine Auswahl ist in der Verkaufsstelle in der Heringsdorfer Brunnenstraße Nr. 10 zu sehen. Zu Weltruhm kam der Strandkorb im Jahr 2007. In dem eigens für den G8-Gipfel in Heiligendamm gefertigten XXL-Strandkorb nahmen die Regierungschefs der führenden Industriestaaten Platz. Das Bild ging um den Erdball.

Vineta

Die nordvorpommersche Stadt Barth ließ sich 1998 den Namen Vineta beim Deutschen Patentamt als Markenzeichen schützen. Die Wogen schlugen daraufhin hoch, denn bislang hatten die Usedomer Orte Zinnowitz und Koserow von der Vineta-Legende profitiert. Die zerstörten zwei Berliner Historiker mit der These, die angeblich größte Ostseestadt habe im Barther Bodden gelegen. Über Vineta gibt es mehr Vermutungen als gesicherte Beweise. Das Atlantis Pommerns soll eine sagenhaft reiche Stadt gewesen sein, doch waren ihre Bewohner so hochmütig, dass Gott die Stadt im Meer versenkte. So will es eine Legende. Eine andere besagt, der Reichtum von Vineta habe zu Hass und Neid geführt, sodass man Schweden und Dänen zu Hilfe gerufen habe. Beide seien gekommen, hätten gute Beute gemacht und die Stadt schließlich zerstört. Vor dem Streckelsberg, dort, wo das Vineta-Riff das Meer aufschäumen lässt, habe sich Vineta befunden. Das meinen zumindest die Usedomer. Polnische Wissenschaftler wollen durch Grabungen ermittelt haben, dass das heute unscheinbare Wollin mit der sagenhaften Handelsstadt identisch ist und von den Dänen 1184 zerstört wurde. Wo es tatsächlich gelegen hat – so wird gescherzt –, werden wir wohl erst wissen, wenn Archäologen stolz das Ortsschild präsentieren.

Waldaktie

Auf Usedom haben Aktionäre eine zwei Hektar große Fläche südlich der B 111 bei Koserow bepflanzt, ein weiterer „Aktienwald“ entsteht nördlich der B 111. Mit nur 10 Euro ist man dabei, denn so viel kostet eine Aktie. Dem Käufer garantiert man eine gesicherte, wachsende Dividende und hundert Jahre lang eine tägliche Ausschüttung. Mit der Aktie erwirbt man symbolisch einen Baum, den man selbst pflanzen darf. Die Aufforstung und Pflege von 10 m2 Wald kosten 10 Euro, soviel wie die Aktie, die man über die Website www.waldaktie.de erwirbt und mit der man einen persönlichen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Auf Kleingedrucktes muss man nicht achten, denn es handelt sich um keine Aktie im Sinne des Aktionärsrechts. Das gegebene Versprechen: Der Baum wächst täglich und das hundert Jahre lang. Dann ist er altersschwach und muss gefällt werden.

Weiter zu Kapitel 3

Kerstin Sucher und Bernd Wurlitzer (www.tourismus-journalisten.de) leben und arbeiten als freie Reisejournalisten in Berlin. Ihre große Liebe gehört Mecklenburg-Vorpommern; durch zahlreiche Veröffentlichungen gelten sie als profunde Kenner dieses Bundeslandes. Häufig sind sie auf Usedom und in den Eingangstoren Anklam und Wolgast unterwegs.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

Zur SZ-Startseite