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Reiseführer Plattensee:Auftakt

Entdecken Sie den Plattensee!

Eine wunderbare Farbsinfonie, so weit das Auge reicht: das türkisfarbene Wasser, das Blaugrün der den See umrahmenden Hügel, das zarte Grün des Schilfs, die Uferlinie der Halbinsel Tihany mit den hoch oben gelegenen Barocktürmen der Benediktinerabtei. Wer für ein paar Minuten am Anleger der Autofähre in Zamárdi verweilt, stimmt sich mit diesem Ausblick über den See auf das unvergleichliche Balaton-Gefühl ein. Fast 200 km Uferlinie und 600 km2 Wasser bieten reichlich Raum für vielfältige Erlebnisse - für Familien und Golfer, Surfer und Segler, Wellnessgäste und Wasserskifans, für Sonnenanbeter, Radfahrer und Angler.

Für die Ungarn ist der Balaton - das größte Binnengewässer Mitteleuropas mit dem deutschen Namen Plattensee - mehr als bloß irgendein See: Er ist das "Ungarische Meer", der Stolz eines ganzen Volks. Aus genau diesem Grund lassen es sich die Einheimischen auch nicht nehmen, oft und gern hier ihren Urlaub zu verbringen - auch wenn zahlreiche Ausländer im Sommer die Strände, Dörfer und Städte bevölkern. Wer bei strahlendem Sonnenschein in einer csárda am Hügel sitzt, mit weitem Blick über Weinreben, kleine Kelterhäuser und die glitzernde Wasserfläche, ist nur zu geneigt, diese Euphorie zu teilen. Noch größer ist das Glücksgefühl für all jene, die den See aus der Bordperspektive eines Segelschiffs oder Ruderboots erleben - ein Motorboot darf es nicht sein, denn die sind auf diesem idyllischen Gewässer verboten.

Als schmiege sie sich ans Ufer, liegt Keszthely, die städtische Perle des Nordwestens, im Windschatten des nach ihr benannten Gebirges; spitz ragt das Land bei Balatongyörök in den See, zieht sich bis Szigliget zu einer weiten Innenbucht zurück, schiebt sich nur wenige Kilometer weiter mit dem breiten Fuß des Weinbergs Badacsony mächtig ins Wasser und bildet bis zur markantesten Ausbuchtung des Nordens, der Halbinsel Tihany, eine sanft geschwungene Linie. Tihany lässt dem See zum Südufer nur eine Schneise von 1,5 km, doch dieser Enge folgt die Weite des östlichen Beckens mit seinen ruhigen, langen Ufern. Im Süden säumen die flachen Ausläufer der Somogyer Berge das Ufer. Aus der großen westlichen Niederung ragen allein die Gipfel der Berge von Fonyód und von Balatonboglár heraus. Ab dem zentral gelegenen Balatonszárszó kommen die Höhenzüge dem Balaton wieder sehr nahe und laufen bis Siófok im Osten in Buckelwellen aus.

Von der Seeseite betrachtet, dominiert die Weite, an Land hält der Verkehr den Balaton fest umschlungen. Die erste Schleife zieht die Eisenbahn, die zweite die ebenfalls rundum verlaufende Autoschneise der Straßen Nr. 7 bzw. Nr. 71. Beide prägen das Bild nachhaltig und bewirken eine weitgehend einheitliche Struktur der Dörfer. Zwischen der ufernahen Bahn und dem See liegen die Urlaubsreviere mit ihren Strandbädern, Restaurants, Hotels und Ferienhäusern. Hier verlaufen meist nur kleine Wohnstraßen oder gar unbefestigte Wege - wer per Auto sehr nah am See entlangfahren will, landet oft in Sackgassen und muss wieder wenden. Mit dem Fahrrad hat man mit dem Durchkommen da schon weitaus bessere Karten und kann viele herrliche Blicke auf den Balaton erhaschen.

An Plänen, die Balaton-Region durch touristische Großprojekte weiter aufzuwerten, fehlt es nicht. Einige Projekte wie ein Aquapark in Balatonfüred oder ein Wein-, Wellness- und Aktivhotel in Badacsony wurden inzwischen realisiert. Die Qualitätsorientierung zeigt auch in der Gastronomie und Hotellerie Wirkung. Andererseits hat die Wirtschaftskrise seit 2008, die Ungarn besonders hart traf, auch den Appetit auf manches aufgeblasene Prestigeprojekt verdorben - vielleicht nicht unbedingt zum Nachteil der Region.

Sicher, die Menschen rund um den Balaton scheinen auf einer Goldader zu sitzen: Den See, die Heilquellen und die Berge, den Wein, die Restaurants und Cafés, die Museen und Strände will jährlich weit über eine Million Touristen erleben - und dafür zahlen sie auch. Doch die Saison ist, kaum dass sie begonnen hat, auch schon wieder vorbei: Nur von Ende Juni bis Ende August platzen Hotels, Campingplätze und Privatunterkünfte aus allen Nähten, davor und danach ist es erstaunlich ruhig. Ein guter Grund, nach Möglichkeit in der Zwischensaison im Mai/Juni oder September/Oktober anzureisen. Dann ist die Atmosphäre entspannt, die Natur genauso wunderschön, die Luft oft noch sehr warm, und die Sonne scheint häufig. Auch im Herbst kann man noch wunderbar im sommerlich aufgewärmten Wasser baden.

Die Menschen haben es auch in diesem scheinbaren Paradies nicht leicht. Der monatliche Durchschnittslohn in der Privatwirtschaft liegt bei gerade einmal 500 Euro. Immerhin: Anfang des Jahrtausends waren es ganze 230 Euro. Zwar sind viele Ausgaben geringer, etwa das Essen in einem Lokal oder die wichtigsten Grundnahrungsmittel. Andererseits kosten Produkte wie Benzin oder höherwertige Lebensmittel oft genauso viel wie im Westen. Dennoch oder gerade deswegen: Die Bewohner der Balaton-Region sind auf Besucher bestens eingestellt, man wird überall erwartet und ist überall willkommen.

Bewohnt ist die Region schon seit Urzeiten, wie 50000 Jahre alte archäologische Zeugnisse belegen. Zu Beginn der modernen Zeitrechnung herrschten hier die Römer und nannten die Provinz im Nordosten ihres Imperiums Pannonia. Heute heißt das Gebiet Transdanubien, und der Plattensee ist nach wie vor seine Mitte und sein Herz. Im 19. Jh. entdeckte die ungarische Aristokratie den Balaton als Hort der Entspannung. Keszthely prunkt bis heute mit einem der schönsten ungarischen Schlösser, dem Schloss Festetics, und das elegante Balatonfüred wurde zum Treffpunkt der Blaublütigen, Intellektuellen und Künstler.

Der Bruch kam nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Spielwiese der Wohlsituierten wurde zur Hochburg sozialistischer Urlaubsorganisation mit Bettenburgen, Ferienlagern, Campingplätzen und zahlreichen Privatquartieren. Im Hinterland starben Dörfer wie Salföld oder Kapolcs regelrecht aus. Die Häuser verfielen, aber der alte Dorfcharakter und die historische Bausubstanz blieben erhalten. Kleinadlige, Handwerker, Händler und der Klerus hatten sich hier im 18./19. Jh. stuckverzierte Herrenhäuser gebaut, sogenannte Kurien, reetgedeckte Höfe mit Laubengängen, Anwesen mit den typischen geschwungenen Giebeln, kunstvoll gestaltet bis zum Schornstein. Inzwischen sind einige dieser Dörfer restauriert und zählen zu den schönsten am Plattensee.

Noch hat der Balaton ausgesprochen unterschiedliche Gesichter: Welten liegen zwischen dem Budenzauber an manchen Uferabschnitten und stillen, schilfbestandenen Buchten, in denen bunte Holzboote dümpeln, zwischen dem mancherorts feinen Golf- und Wellnessambiente und dem bunten, familiären Treiben an vielen Stränden, zwischen dem nächtlichen Trubel an Siófoks Uferpromenade und einem Abendspaziergang auf den kleinen Serpentinenstraßen in Szigliget. Bei der Folklore lebt man auch am Balaton von einem Klischee, das zu seiner eigenen Realität geworden ist: Ungarn - das ist der feurig aufspielende "Zigeuner", das sind Pferdekutschen und Kesselgulasch über dem offenen Feuer. Diese Erwartungen will man auch am Balaton nicht enttäuschen. Und wer mit der Kutsche durch die Hügellandschaften fährt oder eine Weinprobe im Keller einer Winzerfamilie erlebt, lässt sich gern von solcher Romantik gefangen nehmen.

Den größten Seegenuss aber bietet der Balaton selber. Von seiner romantischsten Seite zeigt er sich als Sinfonie in Grün, überwölbt von einem strahlenden Sonnenhimmel und schneeweißen Wolkenbällen. Bei einem eszpresszó auf der Seeterrasse sitzen, durch die Weinberge wandern, von einem der Holzstege ins Wasser gleiten, abends bei einem Riesling den Sternenhimmel oder das Wetterleuchten bestaunen - das ist bestes Balaton-Lebensgefühl.

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Nils Kern lebt als Journalist, Autor von Reiseführern und Übersetzer in Polen. Ungarn und den Plattensee erkundet er seit nunmehr fast 20 Jahren auf zahlreichen längeren Reisen wie auch im Rahmen einiger Kurztrips - und lernte es im Wandel dieser Jahre kennen. Er mag besonders die herrliche Ruhe des Balaton im September und die Gastlichkeit der "Zimmerfrei"-Privatvermieter.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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